Woher aber rührt jene Unbekanntschaft mit den Naturschönheiten des obern Erzgebirges? – Woher kommt es wohl, daß der Bewohner anderer Sächsischer Provinzen[2] wenig oder gar keine Kenntniß jener Gegenstände besitzt, – daß es ihn Fabel dünkt, wenn man von den Bergen, Thälern, Gegenden und riesigen Felsen des obern Erzgebirges erzählt? –

Hält man meine Meinung nicht für übertrieben und hart, so will ich diese Fragen überhaupt zu beantworten suchen. Ich glaube, daß dieses erstlich daher komme, weil, wie ich schon erinnert habe, keine genaue und reelle Beschreibung der Naturmerkwürdigkeiten des obern Erzgebirges da ist, indem man Mühe und Beschwerlichkeiten, eine solche zu liefern, scheute, und voraus zu sehen glaubte, daß man dafür kein verhältnißmäßiges Honorar erhalten würde und könnte. Ferner ließ man sich durch übertriebene Mährchen elender Weichlinge täuschen, und endlich will man lieber das Ausland, als sein Vaterland kennen lernen.

Gewöhnlich scheut man es sehr, jene Berge zu erklimmen, durch jene dunkeln Tannenwälder zu irren, jene Felsen zu ersteigen, über rauschende Bäche zu setzen, durch Schluchten und Höhlen zu kriechen, um – die Schönheiten der Natur kennen zu lernen. – Und doch ist man geschwind mit dem Ausdrucke fertig: »es ist dort zu rauh!« – Von einer Gegend gebraucht, ist dieses eigentlich ein nichts sagender Ausdruck. Denn was kann man in der Natur rauh nennen? wer kann es nennen? – Sind es hohe Berge? sind es Fichten-, Buchen-, Tannenwälder? sind es Felsen, Thäler, Bäche, Auen, Wiesen und Haine? Ist ein Wald rauher, als der andere, ein Fels, ein Thal rauher, als die andern? – In der That, ich kann keine Gegend, absolut rauh nennen. –

Und wenn man das Klima rauh nennt, so muß ich mich wundern, wie man sich vorstellen kann, daß nur allein im obern Erzgebirge das Klima rauh seyn soll, wenn in andern Gegenden und Provinzen Sachsens die Sonne scheint. Im Winter wird man doch nicht reisen, um Gegenden zu besehen und im Winter ists bei Dresden eben so rauh, als im Erzgebirge, denn Eis und Schnee trifft man im Winter in unserm Sachsen doch überall an. Komme man aber im Sommer aus dem sandigen, heißen Niederlande in das obere Erzgebirge, und athme dann eine frische Luft ein, die auf jenen Höhen weht, und empfinde die angenehme Wärme in den Thälern, – kurz, kommt ihr, die ihr das Gebirge verachtet, wenn bei euch angenehme Witterung ist, in das Erzgebirge, und es wird euch eben die Sonne scheinen, und eben die Lüfte werden euch umwehn, ihr werdet euch beschämt sehen. Freilich ist der Winter oft stürmischer und härter, dafür aber sind es Berge. –

Manche haben keinen Stein des obern Erzgebirges gesehen, und schwatzen dennoch, wie viele andere; dieß rührt von den übertriebenen Mährchen unberufener Erzähler her, und derjenige, welcher sich vorher keinen Begriff von dem obern Erzgebirge und der natürlichen Beschaffenheit desselben machen konnte, wird von kleinlichen Vorurtheilen und überspannten Idee'n angefüllt, daß er sich auf diese Art oft dem Lächeln und dem Mitleide verständiger und gebildeter Erzgebirger aussetzt. So sähen viele Sachsen es lieber, wenn das Erzgebirge eine fette Kornkammer wäre, obgleich die Anzahl der Producte, die es liefert, größer ist, als fast in irgend einer Provinz; so hat man, wenn Theurung im Gebirge war in den übrigen Kreisen die vollen Speicher verschlossen gehalten, hat nicht gegen Geld und Bitten dem Hunger abwehren wollen; (einige edle,[3] patriotische Familien ausgenommen!) hat die Fuhrleute, die viele Meilen weit in Commission kamen, leer zurück fahren lassen, wenn sie nicht die enormsten Summen für das taube Getraide zahlten! Hätten nicht die nachbarlichen Böhmen oft den Erzgebirgern Getraide und Lebensmittel zukommen lassen, hätte nicht auch vorzüglich der allgeliebte Friedrich August, der Vater des Vaterlandes, seine Milde gegen das Erzgebirge so rühmlich bewiesen, ach! wer weiß, was man würde gehört haben! – Man verzeihe mir diese Herzenserleichterung, ich habe Wahrheit gesprochen! –

Durch die gegenwärtige freie Schilderung, welche man als einen Versuch ansehe, habe ich Freunden der Natur- und Vaterlandskunde einen Pfad bahnen wollen, den man in Zukunft erweitern und verbessern und so sich Vergnügen und Nutzen mancher Art verschaffen kann. Man verkenne meine Absicht nicht, ich meine es redlich. –

W******,
im August, 1807.

C. G. Wild