Das Resignieren der heutigen Menschen ist bereits eine Gewohnheit geworden wie Essen, Trinken und 131Schlafen; und deshalb ist es so gemein. Was für ein träges, ungeistiges Tier ist doch noch der Mensch und wie sehr bedarf es großer und größter Schrecken und Trübsale, damit er nicht immer wieder in Schlaf versinke!
Man könnte Kulturperioden von ungeheurer Größe träumen: Aber, so wie die Masse der Menschen bewillt und begabt ist, wird sie zur Weisheit wohl erst durch Müdigkeit kommen, erst dann, wenn es sich der Weisheit nicht mehr verlohnt.
Oder sollte sie jemals (wieder) einsehen, daß Größe nicht so nebenbei im Weiterabwickeln täglicher Geschäfte und Notdürfte erreicht werden kann? Frage doch herum, wer sich heut noch für solche Riesenorganisationen, bei deren Heraufführung ganze Generationen keine Rolle spielen dürften, erwärmen möchte? Der eine wird dich verständnislos anblicken, der andere seine Geschäfte, den täglichen Zwang seines Lebens vorschützen, der dritte wird gerade verliebt sein, der vierte ist Künstler und hat keine Zeit, der sechste glaubt nicht an deinen Traum, der siebente sagt: er interessiere sich lediglich für sich selbst und seine eigene Vervollkommenung, in ihm könne Gott allein verwirklicht werden, es gäbe kein Ziel für ‚die Menschheit‘, nur sein Ziel und darum sei er für keine Utopie, als welche den Menschen nur von sich und seiner innersten eigentlichsten Aufgabe, sich in sich selbst zu vollenden, weglocken könne. Und dieser siebente hat vielleicht Recht. Jedenfalls solange Recht, bis ihm ein höheres Recht, das heißt eine höhere Macht das Heft aus der Hand nimmt. Nämlich der Despot, der zugleich 132Genie, das Genie, das zugleich Despot ist. Der König Platons.
Der einzige Baumeister, den es noch geben kann. Wo ist er? Wo kann er kommen? Der letzte Ort, wo er noch möglich gewesen wäre, war Rußland. Aber mit der Unfähigkeit der dort Regierenden hat der Mensch eine seiner außerordentlichsten Möglichkeiten verloren. Denn freiwillig wird kein Volk mehr zur Kastenbildung zurückkehren; dafür ist es das Ungetüm mit Millionen Köpfen, das nur Sinn für sich und seine nahen Interessen, das keinen Ehrgeiz und keine Schöpfersehnsucht hat. Das Wirtschaftliche tritt mit ihm in sein Recht. Das Ideal eines bequemen Erdenlebens anstelle jeder Ambition, etwas Höheres aus ihm zu machen, aus ihm, das als solches doch nur Stoff ist, Material, aber kein Ziel. Der Mensch sinkt damit auf die Stufe der Tierheit zurück, während er sich zum Bürger eines irdischen Himmelreichs zu erheben glaubt. Das Volk will endlich nur noch sich selbst allein. Eine Herde, kein Hirt. Damit dankt der Mensch als Schöpfer ab. Der Geist wird über diese endlose Horde noch ein letztes Abendrot ergießen, dann wird auch er dumpf und verstört die Höhlen der Einzelseele aufsuchen und eine Gemeinde von Mystikern und Sektierern erwecken. Eine Anzahl wunderbarer Individuen werden dann vielleicht noch über die Erde wandeln: Die großen Verzichter und Durchschauer des Traumes Mensch, einsame Halbgötter, inmitten des Fiaskos des Versuchs der Erde, im Menschen zum Kunstwerk zu werden. Ja, vielleicht werden diese Menschen, die wie riesenhafte Heilige dann das Fazit aller irdischen Historie in sich tragen, die größten 133und erschütterndsten Menschen sein, die je gelebt haben. Aber kein Tempel ist um sie — auf unendlichen Trümmern schlagen sie ihre Harfen der auch sie einst verschlingenden Nacht entgegen.
1907
Ich glaube, wir haben alle als Erbe unserer Zeit eine schlimme Laxheit mitbekommen. Das Verständnis für unerbittliche Forderungen ist mehr und minder gesunken. Beweist das nicht, daß der Mensch die Vorstellung eines gerechten Gerichts nach dem Tode (vollstrecke sich das nun selbst mit Naturnotwendigkeit oder werde es vollstreckt) — braucht? Braucht — und sei es nur: um nicht unter seiner eigenen Möglichkeit zu bleiben? Wird man wirklich seine Persönlichkeit mit solcher Inbrunst ausbilden, wenn man sie nicht — für eine unbekannte Zukunft ausbilden zu müssen meint? Was sind alle Appelle der Erde gegen jenen einen schauerlichen Appell der Ewigkeit?
Also Furcht, wird mancher sagen. Nun ja, auch das. Wie wäre Großes entstanden, ohne dies Ingrediens? Und wäre es etwas Schimpfliches, sich vor dem Fürchterlichen — und ist das Geheimnis der Welt, des Lebens nicht fürchterlich? — zu fürchten? Man führt heute die ‚Entstehung der Religion‘ (welch ein Ausdruck!) vielfach auf Furcht zurück. Nun, ihr armseligen Psychologen: nicht diese Furcht war das Trübselige, sondern euer Mangel an Furcht ist es, euer Mangel an Gefühl, Phantasie, Überlegenheit. Jawohl, Überlegenheit. Ich kenne nichts Untergeordneteres als den Menschen, dem Wissenschaft irgend etwas erklärt. Der Wissenschaft nicht bloß als eine gewaltige und 134fruchtbare Übung des Menschengeistes betrachtet, nein: als etwas, das ihm wirkliche Wesensaufschlüsse über Welt und Leben gibt. Denn dies etwa, daß alles nach denselben gleichen Gesetzen vor sich gehe, ist doch kein Wesensaufschluß! Oder den Bau des Menschen etwa bis auf seinen letzten Zellenbaustein beschrieben haben, ist doch noch kein Wesensaufschluß! Das ist Handwerkerei, eine Sache mit goldenem Boden, ganz gewiß; aber Joseph war Tischler, nicht Jesus. Was weiß Joseph, der Handwerker, vom Geist und Wesen der Dinge?
‚Geist‘ ist heute Marktware, wer redet noch davon? Ein wirklich eigener Gedanke aber ist immer noch so selten wie ein Goldstück im Rinnstein.