Das eine und einzige Gebot: Du darfst alles tun, was du willst, aber bedenke, daß du es dir selbst tust.
Wenn du meinst, es dir selbst tun zu dürfen, so tue selbst das Äußerste. Dies Gebot hindert kein Schaffen oder Zerstören. Mit diesem Gebot bist du frei zu allem und doch wird es dich weise machen.
Wie kann ich schwören: Ich schwöre bei dem allmächtigen Gotte, daß ich dies nicht getan habe — da ich doch selbst dieser allmächtige Gott bin und — als ein sogenannter anderer Mensch — es sehr wohl getan habe? Aber ich werde das dem Richter nicht auseinanderzusetzen vermögen; er wird niemals begreifen, daß er wie auch der Verbrecher Eine Person mit mir ist: und ich werde als Mensch wie ein Verrückter dastehen und als Gott auf mich den Richter blicken, wie jemand auf seinen Daumennagel blickt, auf den er ein Gesicht gemalt hat. Er spricht zu dem Daumen und sagt ihm, daß er mit ihm eins sei, aber der Daumen versteht kein Wort von dem, was er sagt.
Denke dir den einfachsten Menschen der Welt, mit einer oft lebhaften, leicht und nachhaltig erregbaren 224Phantasie und einiger dichterischer Begabung, ohne hervorragende Charaktereigenschaften, aber von dem beständigen Wunsch erfüllt, sich zu verinnerlichen; ein Schwächling, ja ein würdeloser Mensch mitunter, ohne ausgeprägten Sinn für Moral, von einer Sinnlichkeit, die sich wie eine feine Wärme über sein Leben verbreitet, deren eigentliche Ausbrüche indessen nicht so sehr von Belang sind, sodaß man bei ihm zugleich von einer ihn häufig, wie die Flamme das Licht, verzehrenden Leidenschaftlichkeit und zugleich von einer sehr geringen Fähigkeit zur Leidenschaft sprechen mag; dabei von einer angeborenen Heiterkeit des Geistes, einer gewissen Neigung zu Spott und Gelassenheit, vielbelesen ohne irgendwie fachlich gebildet zu sein, von schlechtem Gedächtnis, ungeübt und träge im Dialektischen, durchdringend nur in seiner Ausdauer, immer nur ein Ziel bewußt oder unterbewußt zu verfolgen: sich in seinem Zusammenhang mit dem Außer-Ihm zu erkennen; — denke dir einen solchen Menschen eines Tages das Wort verstehen: Ich und der Vater sind eins. Denke dir, wie er das Wort in sich hin und her wendet, mehr noch, es sich hin und her wenden läßt; denn er springt auf seine inneren Erlebnisse nicht zu, er läßt sie leben oder sterben je nach ihrer eigenen Kraft; wie es ihn zum endlichen Bewußtsein seiner selbst zu bringen scheint, als wäre alles andre Blindheit, vollkommene Blindheit: sich nicht als Gott selbst — als das Eine und Alle, als das Einzig — Bestehende zu sehen, als wäre es geradezu eine ‚Ver-rücktheit‘, sich ‚Gott‘ gegenüber als irgend etwas anderes, Gegensätzliches, Seitliches, Beigeordnetes oder gar Untergeordnetes zu fühlen, ja 225die Frage ‚Gott‘ überhaupt noch irgendwie zu diskutieren, als müsse man — sich sich selbst beweisen! ‚Ihr seid alle in mir, aber in wem bin ich? — Wer mich hat, der hat auch den Vater. —‘
Wie mich diese steten Wiederholungen einst ärgerten, wie einfältig und eigensinnig sie mir erschienen; als ob ein Kind immer dasselbe wiederholte!
Bis mir eines Abends dämmerte, aus welchem Gefühl heraus dieses unermüdliche Betonen geflossen sein muß …
Mein Tod ist meine Wahrheit, wie Dein Tod die Deinige. Wenn ich als Individuum sterbe, bejahe ich mich als Welt. Denn mein Tod als solcher ist dem Leben des Ganzen notwendig und da ich selbst der Teil wie das Ganze bin, ist mein Tod mir selber notwendig. Was aber meine Notwendigkeit ist, ist auch meine Wahrheit; denn Notwendigkeit ist höchste Bejahung und höchste Bejahung Wahrheit.