Der Klang der Stimme (z.B.) hatte dich vielmehr an einen Winterabend erinnert, an dem einmal jemand zu dir gesagt hat: ‚Das also hast du vor, diesen Weg willst du gehen!‘ .. Aber das kümmert den wenig, der vorliest. Er ‚liest vor‘ und du ‚hörst‘ zu. Ich möchte, daß du daraus ersiehst, wie armselig es ist, wenn man dich beispielsweise im Theater einfach als ‚Zuschauer‘ bezeichnet und behandelt. Jawohl, du schaust freilich (auch) zu, aber daneben — was ist alles daneben noch möglich — was begibt sich alles in dir noch daneben. Wir sollten uns alle wider den Bann solcher Wörter sträuben. Es ist, als bände uns einer eine starre Maske mit nur einem Gesichtsausdruck vor, aber die Maske ist nur suggeriert — erwachen wir doch und erkennen, daß wir auch im Theater nicht Zuschauer allein sondern unendlich viel mehr, nämlich durch keine Bezeichnung zu erschöpfende Wesen sind, und daß wir daher auch im Theater alles erleben dürfen, was ein Mensch nur immer geistig erleben kann, und nicht nur, was ein ‚Zuschauer‘ erleben darf. Aber wir sind so über und über im Bann von Bezeichnungen, daß wir aus lauter Pflichtgefühl ihnen zu entsprechen, keinen freien Gedanken mehr zu denken wagen, und nach einem innerlich noch so reichen Theaterabend dennoch von einem verlorenen Abend reden zu müssen glauben, weil wir als ‚Zuschauer‘ nicht ganz auf die Kosten gekommen sind. —
971908
Zum Gastspiel des Moskauer Künstlertheaters.
Nicht nur das Volk, auch die Kritiker haben dem Zauber der Russen — und nicht nur Stanislawskis — nicht widerstehen können, warum wohl? Weil von den Russen das ausging, was in den Deutschen heute höchstens als Privatsache, aber nicht als Unterton ihres ganzen nationalen Lebens lebt: Liebe, Liebe zu einander, zu uns, zu ihren Dichtern, wortlose, unausgesprochene, uneingestandene aber selbstverständliche Liebe. Es gibt kein anderes Wort, höchstens daß man noch sagte: innere Religiosität. Hieraus quoll die letzte Schönheit dieser Künstler. Und zu ihr könnten auch wir uns hinankämpfen und hinanleiden, wenn wir nicht mit kaltem Kritizismus, mit Theorien, Wunsch-Luftspiegeleien aufeinander loshackten, sondern verstehend und liebend einander zu fördern, einander zu steigern, einander zu vervollkommnen suchten.
Es ist nur sehr viel leichter zu wünschen und von Großem, wie es sein müßte, zu reden, als im Gegebenen sich zu bescheiden und die großen Faktoren sich nutzbar zu machen, die das lebendige Leben um einen herum enthält. Da muß man freilich etwas mehr guten Willen haben und nicht gleich ungeduldig in Bausch und Bogen verwerfen, wenn man nicht just in den Punkten, in denen man gern befriedigt sein möchte, auf seine Rechnung zu kommen scheint. Eines Schauspielers Wert erschöpft sich noch lange nicht im rein Darstellerischen. Ich habe hier in Tirol Gelegenheit, viel in kleine Theater zu kommen: nun, ich ziehe meinen Hut noch tief ab vor allen möglichen 98Leuten, die der kaltherzige, hochfahrende, einseitige und verbildete Großstadt-Kritiker, dem die Augen fürs innere Leben und Sichfortentwickeln unseres Volkes oft nur zu sehr verschlossen sein mögen, zumeist, weil die persönliche innere Beziehung einfach nicht da ist, nicht da sein kann, vermutlich mit irgend einem Clichéausdruck wie Schmierenkomödianten abtun würde; und ich bin weit entfernt davon, diesen braven, willigen und fröhlich-unermüdlichen Soldaten der Kultur, mögen sie im Leibregiment oder in der verrufensten Garnison dienen, anders als mit einer Hochachtung zu begegnen, die mir fast immer noch irgendwo Dankbarkeit und Freude verstattet. Aber ich vergesse wohl, daß ich ein Gottseidank unverpflichteter Außenseiter bin und daß der Berufsmensch wohl unwillkürlich dem Schicksal des Spezialisten, das ist des Einäugigen, des Monophthalmoden, verfällt. Das Eine Auge starr auf die Bühne gerichtet, sieht er alles nur in der Kunstfläche, während es in Wahrheit bis in den Urgrund der Welt hineinreichende Plastik ist, auch dies, auch diese Bühnenmenschheit da droben.
1909
Wie kann man einem Schauspieler ‚die Wahrheit sagen‘ und zugleich den Menschen in ihm respektieren? Einfach, indem man ihn liebt. Man liebt ja Blumen, Steine, Tiere — ist der Mensch der Liebe weniger würdig? Schließt denn Erkenntnis die Liebe aus? Oder ist es nicht vielmehr so: Je mehr Erkennen, desto mehr Liebe? So daß, je mehr einer einen Schauspieler durch und durch sieht, er auch weniger und weniger 99imstande sein wird, richterlich von ihm zu reden. Man braucht dabei nichts zu opfern, nichts, als seine eigene Unschönheit. Man kann von derselben Leistung fast wie ein Weiser reden und fast wie ein Wilder.
1911
Man kann das Theater (beispielsweise) nicht reformieren, wenn man nicht zugleich den ganzen Geist der Zeit reformiert. Es ist der Irrtum unserer Zeit, daß sie meint, man könne wesentliche Probleme aus dem Zusammenhange herauspflücken und für sich allein lösen.