Die zärtliche Danae hatte inzwischen, wie leicht zu erachten ist, die Veränderung, welche in der Seele unsers Helden vorgegangen war, im ersten Augenblick, da sie merklich wurde, wahrgenommen. Allein die gute Danae war weit entfernt, seinem Herzen die Schuld davon zu geben; sie betrog sich selbst über die wahre Ursache, und glaubte, daß die Veränderung des Orts, und vielleicht eine kleine Entfernung, ihm in kurzem alle die Lebhaftigkeit der Empfindung wieder geben würde, die er verloren zu haben schien. Die Wiederkehr in die Stadt, wo sie einander nicht immer sehen würden, wo ihre Liebe sich zu verbergen genötigt sein, und dadurch den Reiz eines geheimen Verständnisses erhalten würde, die Zerstreuungen des Stadt-Lebens, die Gesellschaft, die Lustbarkeiten, würden ihn (glaubte sie) bald genug wieder so feuerig als jemals wieder in ihre Arme führen. Sie überredete ihn also, mit ihr nach Smyrna zurückzugehen, obgleich die schöne Jahrs-Zeit noch nicht ganz zu Ende war. Hier wußte sie, (ohne daß es schien, daß sie Hand dabei habe,) eine Menge Gelegenheiten zu veranstalten, wodurch sie einander seltner wurden; wenn sie sich wieder allein befanden, flog sie ihm zwar eben so zärtlich in die Arme, als ehemals; aber sie vermied alles, was zu jener allzuwollüstigen Berauschung (in welche sie ihn, wenn sie wollte, durch einen einzigen Blick setzen konnte) geführt hätte, und tat es mit einer so guten Art, daß er keinen besondern Vorsatz dabei gewahr werden konnte: Kurz, sie wußte die feurigste Liebe unvermerkt so geschickt in die zärtlichste Freundschaft zu verwandeln, daß Agathon, welcher weder Kunst noch Absicht unter ihrem Betragen argwohnte, ganz treuherzig in die Schlinge fiel, und in kurzem wieder so zärtlich und dringend wurde, als ob er erst anfangen müßte, sich um ihr Herz zu bewerben. Zwar war es nicht in ihrer Gewalt, ihm diese Begeisterung mit allem ihrem zauberischen Gefolge wieder zu geben, welche, wenn sie einmal verschwunden ist, nicht wieder zu kommen pflegt; aber die Lebhaftigkeit, womit ihre Reizungen auf seine Sinnen, und die Empfindungen der Dankbarkeit und Freundschaft auf sein Herz würkten, brachten doch ungefähr die nämliche Phänomena hervor; und da man gewohnt ist, gleiche Würkungen gleichen Ursachen zu zuschreiben, so ist es nicht unbegreiflich, wie beide sich eine Zeitlang hierin betrügen konnten, ohne nur zu vermuten, daß sie betrogen würden.
Es ist sehr zu vermuten, daß es bei dieser schlauen Mäßigung, wodurch die schöne Danae die Folgen ihrer vorigen Unvorsichtigkeit wieder gut zu machen wußte, um unsern Helden geschehen gewesen wäre; und daß seine Tugend unter diesem zweifelhaften Streit mit seiner Leidenschaft, bei welchem wechselsweise bald die eine, bald die andere die Oberhand behielt, endlich gefällig genug worden wäre, sich mit ihrer schönen Feindin in einen vielleicht nicht allzurühmlichen Vergleich einzulassen, und die Glückseligkeit der liebenswürdigen Danae dadurch auf immer sicher zu stellen; wenn nicht der unglücklichste Zufall, der ihr mit einem so sonderbaren Mann, als Agathon war, nur immer begegnen konnte, sie auf einmal mit seiner Hochachtung alles dessen beraubt hätte, was sie noch im Besitz seines Herzens erhalten hatte. Eine einst geliebte Person behält (auch wenn das Fieber der Liebe vorbei ist) noch immer eine große Gewalt über unser Herz, so lange sie unsere Hochachtung nicht verloren hat. Agathon war zu edelmütig, die schöne Danae für die Schwachheit, welche sie gegen ihn gehabt hatte, (das einzige, was die Hochachtung hätte vermindern können, welche sie durch so viele schöne Eigenschaften des Geistes und des Herzens verdiente,) dadurch zu bestrafen, daß er ihr deswegen nur das mindeste von der seinigen entzogen hätte. Aber so bald es dahin gekommen war, daß er sich in seiner Meinung von ihrem Charakter und moralischen Werte betrogen zu haben glaubte; so bald er sich gezwungen sah, sie zu verachten; hörte sie auf, Danae für ihn zu sein; und durch eine ganz natürliche Folge wurde er in dem nämlichen Augenblick wieder Agathon.
Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Geschichte des Agathon", Teil 1 von Christoph Martin Wieland