Dionysius hatte so wenig Lust sich einer Gewalt zu begeben, deren Wert er nach Proportion, daß seine Fibern wieder elastischer wurden, von Tag zu Tag wieder stärker zu empfinden begann; daß die Einstreuungen seines Günstlings ihre ganze Würkung taten. Er gab ihm auf, mit aller nötigen Vorsichtigkeit, damit niemand nichts davon gewahr werden könnte, den Philistus noch in dieser Nacht in sein Cabinet zu führen, um sich über diese Dinge besprechen, und die Gedanken desselben vernehmen zu können. Es geschah; Philistus vollendete was Timocrat angefangen hatte. Er entdeckte dem Prinzen alles was er beobachtet zu haben vorgab, und sagte gerade so viel, als nötig war, um ihn in den Gedanken zu bestärken, daß ein geheimes Complot zu einer Staats-Veränderung im Werke sei, welches zwar vermutlich noch nicht zu seiner Reife gekommen, aber doch so beschaffen sei, daß es Aufmerksamkeit verdiene. "Und wer kann der Urheber und das Haupt eines solchen Complots sein", fragte Dionys?—Hier stellte sich Philistus verlegen—er hoffe nicht, daß es schon soweit gekommen sei—Dion bezeuge so gute Gesinnungen für den Prinzen—"Rede aufrichtig, wie du denkst", fiel ihm Dionys ein; "was hältst du von diesem Dion? Aber keine Komplimenten, denn du brauchst mich nicht daran zu erinnern, daß er meiner Schwester Mann ist; ich weiß es nur zu wohl—Aber ich traue ihm nicht desto besser—er ist ehrgeizig -" "Das ist er"—"immer finster, zurückhaltend, in sich selbst eingeschlossen -" "In der Tat, so ist er", nahm Philist das Wort, und wer ihn genau beobachtete, ohne vorhin eine bessere Meinung von ihm gefaßt zu haben, würde sich des Argwohns kaum erwehren können, daß er mißvergnügt sei, und an Gedanken in sich selbst arbeite, die er nicht für gut befinde, andern mitzuteilen—"Glaubst du das, Philistus?" fiel Dionys ein; "so hab' ich immer von ihm gedacht; wenn Syracus unruhig ist, und mit Neuerungen umgeht, so darfst du versichert sein, daß Dion die Triebfeder von allem ist—wir müssen ihn genauer beobachten -" "Wenigstens ist es sonderbar", fuhr Philistus fort, "daß er seit einiger Zeit, sich eine Angelegenheit davon zu machen scheint, sich der Freundschaft der angesehensten Bürger zu versichern -" (Hier führte er einige Umstände an, welche, durch die Wendung die er ihnen gab, seine Wahrnehmung bestätigen konnten) "Wenn ein Mann von solcher Wichtigkeit, wie Dion, sich herabläßt eine Popularität zu affektieren, die so gänzlich wider seinen Charakter ist, so kann man glauben, daß er Absichten hat—und wenn Dion Absichten hat, so gehen sie gewiß auf keine Kleinigkeiten—Was er aber auch sein mag, so bin ich gewiß", setzte er hinzu, "daß Platon, ungeachtet der engen Freundschaft, die zwischen ihnen obwaltet, zu tugendhaft ist, um an heimlichen Anschlägen gegen einen Prinzen, der ihn mit Ehren und Wohltaten überhäuft, Teil zu nehmen -" "Wenn ich dir sagen soll was ich denke, Philistus, so glaub' ich, daß diese Philosophen, von denen man so viel Wesens macht, eine ganz unschuldige Art von Leuten sind; in der Tat, ich sehe nicht, daß an ihrer Philosophie so viel gefährliches sein sollte, als die Leute sich einbilden; ich liebe, zum Exempel, diesen Platon, weil er angenehm im Umgang ist; er hat sich seltsame Dinge in den Kopf gesetzt, man könnte sichs nicht schnakischer träumen lassen, aber eben das belustiget mich; und bei alle dem muß man ihm den Vorzug lassen, daß er gut spricht; es hört sich ihm recht angenehm zu, wenn er euch von der Insel Atlantis, und von den Sachen in der andern Welt eben so umständlich und zuversichtlich spricht, als ob er mit dem nächsten Marktschiffe aus dem Mond angekommen wäre" (hier lachten die beiden Vertrauten, als ob sie nicht aufhören könnten, über einen so sinnreichen Einfall, und Dionys lachte mit) "ihr möcht lachen so lang ihr wollt", fuhr er fort; "aber meinen Plato sollt ihr mir gelten lassen; er ist der gutherzigste Mensch von der Welt, und wenn man seine Philosophie, seinen Bart und seine hieroglyphische Physionomie zusammennimmt, so muß man gestehen, daß alles zusammen eine Art von Leuten macht, womit man sich, in Ermanglung eines bessern, die Zeit vertreiben kann -" ('o göttlicher Platon! du, der du dir einbildetest, das Herz dieses Prinzen in deiner Hand zu haben, du der sich das große Werk zutraute, einen Weisen und tugendhaften Mann aus ihm zu machen—warum standest du nicht in diesem Augenblick hinter einer Tapete, und hörtest diese schmeichelhafte Apologie, wodurch er den Geschmack, den er an dir fand, in den Augen seiner Höflinge zu rechtfertigen suchte!') "In der Tat", sagte Timocrates, "die Musen können nicht angenehmer reden als Plato; ich wißte nicht, was er einen nicht überreden könnte, wenn er sichs in den Kopf gesetzt hätte -" "Du willst vielleicht scherzen", fiel ihm der Prinz ein; "aber ich versichre dich, es hat wenig gefehlt, daß er mich letzthin nicht auf den Einfall gebracht hätte, Sicilien dahinten zu lassen, und eine philosophische Reise nach Memphis und zu den Pyramiden und Gymnosophisten anzustellen, die seiner Beschreibung nach eine seltsame Art von Kreaturen sein müssen—wenn ihre Weiber so schön sind, wie er sagt, so mag es keine schlimme Partie sein, den Tanz der Sphären mit ihnen zu tanzen; denn sie leben in dem Stand der vollkommen schönen Natur, und treten dir, allein mit ihren eigentümlichen Reizungen geschmückt, das ist, nackender als die Meer-Nymphen, mit einer so triumphierenden Miene unter die Augen, als die schönste Syracusanerin in ihrem reichesten Fest-Tags-Putz -" Dionys war, wie man sieht, in einem Humor, der den erhabenen Absichten seines Hof-Philosophen nicht sehr günstig war; Timocrates merkte sichs, und baute in dem nämlichen Augenblick ein kleines Projekt auf diese gute Disposition, wovon er sich eine besondere Würkung versprach. Aber der weiter sehende Philistus fand nicht für gut, seinen Herrn in dieser leichtsinnigen Laune fortsprudeln zu lassen. Er nahm das Wort wieder: "Ihr scherzet", sprach er, "über die Würkungen der Beredsamkeit Platons; es ist nur allzugewiß, daß er in dieser Kunst seines gleichen nicht hat; aber eben dieses würde mir keine kleine Sorgen machen, wenn er weniger ein rechtschaffner Mann wäre, als ich glaube daß er ist. Die Macht der Beredsamkeit übertrifft alle andre Macht; sie ist fähig fünfzigtausend Arme nach dem Gefallen eines einzigen wehrlosen Mannes in Bewegung zu setzen, oder zu entnerven. Wenn Dion, wie es scheint, irgend ein gefährliches Vorhaben brütete, und Mittel fände, diesen überredenden Sophisten auf seine Seite zu bringen, so besorg ich, Dionysius könnte das Vergnügen seiner sinnreichen Unterhaltung teuer bezahlen müssen. Man weiß was die Beredsamkeit zu Athen vermag, und es fehlt den Syracusanern nichts als ein paar solche Wortkünstler, die ihnen den Kopf mit Figuren und lebhaften Bildern warm machen, so werden sie Athenienser sein wollen, und der Erste Beste, der sich an ihre Spitze stellt, wird aus ihnen machen können was er will."

Philistus sah, daß sein Herr bei diesen Worten auf einmal tiefsinnig wurde; er schloß daraus, daß etwas in seinem Gemüt arbeitete, und hielt also inn; "was für ein Tor ich war", rief Dionys aus, nachdem er eine Weile mit gesenktem Kopf zu staunen geschienen hatte. "Das war wohl der Genius meines guten Glücks, der mir eingab, daß ich dich diesen Abend zu mir rufen lassen sollte. Die Augen gehen mir auf einmal auf—Wozu mich diese Leute mit ihren Dreiecken und Schlußreden nicht gebracht hätten! Kannst du dir wohl einbilden, daß mich dieser Plato mit seinem süßen Geschwätze beinahe überredet hätte, meine fremden Truppen, und meine Leibwache nach Hause zu schicken? Ha! nun seh ich wohin alle diese schönen Vergleichungen mit einem Vater im Schoße seiner Familie, und mit einem Säugling an der Brust seiner Amme, und was weiß, ich mit was noch mehr, abgesehen waren! Die Verräter wollten mich durch diese süßen Wiegenliedchen erst einschläfern, hernach entwaffnen, und zuletzt wenn sie mich mit ihren gebenedeiten Maximen so fest umwunden hätten, daß ich weder Arme noch Beine nach meinem Gefallen hätte rühren können, mich in ganzem Ernst, zu ihrem Wickelkind, zu ihrer Puppe, und wozu es ihnen eingefallen wäre, gemacht haben! Aber sie sollen mir die Erfindung bezahlen! Ich will diesem verrätrischen Dion—bist du töricht genug, Philistus, und bildest dir ein, daß er sich nur im Traum einfallen lasse, diese Spießbürger von Syracus in Freiheit zu setzen? Regieren will er, Philistus; das will er, und darum hat er diesen Plato an meinen Hof kommen lassen, der mir, indessen daß er das Volk zur Empörung reizen, und sich einen Anhang machen wollte, so lange und so viel von Gerechtigkeit, und Wohltun, und goldnen Zeiten, und väterlichem Regiment, und was weiß ich von was für Salbadereien vorschwatzen sollte, bis ich mich überreden ließe, meine Galeeren zu entwaffnen, meine Trabanten zu entlassen, und mich am Ende in Begleitung eines von diesen zottelbärtigen Knaben, die der Sophist mit sich gebracht hat, als einen Neuangeworbenen nach Athen in die Akademie schicken zu lassen, um unter einem Schwarm junger Gecken darüber zu disputieren, ob Dionysius recht oder unrecht daran getan habe, daß er sich in einer so armseligen Mausfalle habe fangen lassen -" "Aber ists möglich", fragte Philistus mit angenommener Verwunderung, "daß Plato den sinnlosen Einfall haben konnte, meinem Prinzen solche Räte zu geben?"—"Es ist möglich, weil ich dir sage, daß ers getan hat. Ich habe selbst Mühe zu begreifen, wie ich mich von diesem Schwätzer so bezaubern lassen konnte -" "Das soll sich Dionys nicht verdrießen lassen", erwiderte der gefällige Philistus; "Plato ist in der Tat ein großer Mann in seiner Art; ein vortrefflicher Mann, wenn es darauf ankommt, den Entwurf zu einer Welt zu machen, oder zu beweisen, daß der Schnee nicht würklich weiß ist; aber seine Regierungs-Maximen sind, wie es scheint, ein wenig unsicher in der Ausübung. In der Tat, das würde den Atheniensern was zu reden gegeben haben, und es wäre wahrlich kein kleiner Triumph für die Philosophie gewesen, wenn ein einziger Sophist, ohne Schwertschlag, durch die bloße Zauberkraft seiner Worte zu Stande gebracht hätte, was die Athenienser mit großen Flotten und Kriegs-Heeren vergeblich unternommen haben -" "Es ist mir unerträglich nur daran zu denken", sagte Dionys, "was für eine einfältige Figur ich ein paar Wochen lang unter diesen Grillenfängern gemacht habe; hab ich dem Dion nicht selbst Gelegenheit gegeben, mich zu verachten? Was mußten sie von mir denken, da sie mich so willig und gelehrig fanden?—Aber sie sollen in kurzem sehen, daß sie sich mit aller ihrer Wissenschaft der geheimnisvollen Zahlen gewaltig überrechnet haben. Es ist Zeit, der Komödie ein Ende zu machen -" "Um Vergebung, mein Gebietender Herr", fiel ihm Philistus hier ins Wort; "die Rede ist noch von bloßen Vermutungen; vielleicht ist Plato, ungeachtet seines nicht allzuwohl überlegten Rats, unschuldig; vielleicht ist es so gar Dion; wenigstens haben wir noch keine Beweise gegen sie. Sie haben Bewunderer und Freunde zu Syracus, das Volk ist ihnen geneigt, und es möchte gefährlich sein, sie durch einen übereilten Schritt in die Notwendigkeit zu setzen, sich diesem Freiheit-träumenden Pöbel in die Arme zu werfen. Lasset sie noch eine Zeitlang in dem angenehmen Wahn, daß sie den Dionysius gefangen haben. Gebet ihnen, durch ein künstlich verstelltes Zutrauen Gelegenheit, ihre Gesinnungen deutlicher herauszulassen—Wie, wenn Dionysius sich stellte, als ob er Lust hätte die Monarchie aufzugeben, und als ob ihn kein andres Bedenken davon zurückhielte, als die Ungewißheit, welche Regierungs-Form Sicilien am glücklichsten machen könnte. Eine solche Eröffnung wird sie nötigen, sich selbst zu verraten; und indessen, daß wir sie mit akademischen Fragen und Entwürfen aufhalten, werden sich Gelegenheiten finden, den regiersüchtigen Dion in Gesellschaft seines Ratgebers mit guter Art eine Reise nach Athen machen zu lassen, wo sie in ungestörter Muße Republiken anlegen, und ihnen, wenn sie wollen, alle Tage eine andre Form geben mögen."

Dionys war von Natur hitzig und ungestüm; eine jede Vorstellung, von der seine Einbildung getroffen wurde, beherrschte ihn so sehr, daß er sich dem mechanischen Trieb, den sie in ihm hervorbrachte, gänzlich überließ; aber wer ihn so genau kannte als Philistus, hatte wenig Mühe, seinen Bewegungen oft durch ein einziges Wort, eine andere Richtung zu geben. In dem ersten Anstoß seiner unbesonnenen Hitze waren die gewaltsamsten Maßnehmungen, die ersten, auf die er fiel: Aber man brauchte ihm nur den Schatten einer Gefahr dabei zu zeigen, so legte sich die auffahrende Lohe wieder; und er ließ sich eben so schnell überreden, die sichersten Mittel zu erwählen, wenn sie gleich die niederträchtigsten waren.

Nachdem wir die wahre Triebfeder seiner vermeinten Sinnes-änderung oben bereits entdeckt haben, wird sich niemand verwundern, daß er von dem Augenblick an, da sich seine Leidenschaften wieder regten, in seinen natürlichen Zustand zurücksank. Was man bei ihm für Liebe der Tugend angesehen, was er selbst dafür gehalten hatte, war das Werk zufälliger und mechanischer Ursachen gewesen; daß er ihr zu lieb seinen Neigungen die mindeste Gewalt hätte tun sollen, so weit ging sein Enthusiasmus für sie nicht. Die ungebundene Freiheit worin er vormals gelebt hatte, stellte sich ihm wieder mit den lebhaftesten Reizungen dar; und nun sah er den Plato für einen verdrießlichen Hofmeister an, und verwünschte die Schwachheit, die er gehabt hatte, sich so sehr von ihm einnehmen, und in eine Gestalt, die seiner eigenen so wenig ähnlich sah, umbilden zu lassen. Er fühlte nur allzuwohl, daß er sich selbst eine Art von Verbindlichkeit aufgelegt hatte, in den Gesinnungen zu beharren, die er sich von diesem Sophisten, wie er ihn itzt nannte, hatte einflößen lassen: Er stellte sich vor, daß Dion und die Syracusaner sich berechtiget halten würden, die Erfüllung des Versprechens von ihm zu erwarten, welches er ihnen gewisser maßen gegeben hatte, daß er künftig auf eine gesetzmäßige Art regieren wolle. Diese Vorstellungen waren ihm unerträglich, und hatten die natürliche Folge, seine ohnehin bereits erkältete Zuneigung zu dem Philosophen von Athen in Widerwillen zu verwandeln; den Dion aber, den er nie geliebt hatte, ihm doppelt verhaßt zu machen. Dieses waren die geheimen Dispositionen, welche den Verführungen des Timocrates und Philistus den Eingang in sein Gemüt erleichterten. Es war schon so weit mit ihm gekommen, daß er vor diesen ehmaligen Vertrauten sich der Person schämte, die er einige Wochen lang, gleichsam unter Platons Vormundschaft, gespielt hatte; und es ist zu vermuten, daß es von dieser falschen und verderblichen Scham herrührte, daß er in so verkleinernden Ausdrücken von einem Manne, den er anfänglich beinahe vergöttert hatte, sprach, und seiner Leidenschaft für ihn einen so spaßhaften Schwung zu geben bemüht war. Er ergriff also den Vorschlag des Philistus mit der begierigen Ungeduld eines Menschen, der sich von dem Zwang einer verhaßten Einschränkung je bälder je lieber loszumachen wünscht; und damit er keine Zeit verlieren möchte, so machte er gleich des folgenden Tages den Anfang, denselben ins Werk zu setzen. Er berief den Dion und den Philosophen in sein Cabinet, und entdeckte ihnen mit allen Anscheinungen des vollkommensten Zutrauens, und indem er sie mit Liebkosungen überhäufte, daß er gesonnen sei, sich der Regierung zu entschlagen, und den Syracusanern die Freiheit zu lassen, sich diejenige Verfassung zu erwählen, die ihnen die angenehmste sein würde.

Ein so unerwarteter Vortrag machte die beiden Freunde stutzen. Doch faßten sie sich bald. Sie hielten ihn für eine von den sprudelnden Aufwallungen einer noch ungeläuterten Tugend, welche gern auf schöne Ausschweifungen zu verfallen pflegt, und hoffeten also, daß es ihnen leicht sein werde, ihn auf reifere Gedanken zubringen. Sie billigten zwar seine gute Absicht; stellten ihm aber vor, daß er sie sehr schlecht erreichen würde, wenn er das Volk, welches immer als unmündig zu betrachten sei, zum Meister über eine Freiheit machen wollte, die es, allem Vermuten nach, zu seinem größesten Schaden mißbrauchen würde. Sie sagten ihm hierüber alles was die gesunde Politik sagen kann; und Plato insonderheit bewies ihm, daß es nicht auf die Form der Verfassung ankomme, wenn ein Staat glücklich sein solle, sondern auf die innerliche Güte der Gesetzgebung, auf tugendhafte Sitten, auf die Weisheit desjenigen, dem die Handhabung der Gesetze anvertraut sei. Seine Meinung ging dahin, daß Dionys nicht nötig habe, sich der obersten Gewalt zu begeben, indem es nur von ihm abhange, durch die vollkommene Beobachtung aller Pflichten eines weisen und tugendhaften Regenten die Tyrannie in eine rechtmäßige Monarchie zu verwandeln; welcher die Völker sich desto williger unterwerfen würden, da sie durch ein natürliches Gefühl ihres Unvermögens sich selbst zu regieren, geneigt gemacht würden, sich regieren zu lassen; ja denjenigen als eine gegenwärtige Gottheit zu verehren, welcher sie schütze, und für ihre Glückseligkeit arbeite.

Dion stimmte hierin nicht gänzlich mit seinem Freunde überein. Die Wahrheit war, daß er den Dionys besser kannte, und weil er sich wenig Hoffnung machte, daß seine guten Dispositionen von langer Dauer sein würden, gerne so schnell als möglich einen solchen Gebrauch davon gemacht hätte, wodurch ihm die Macht Böses zu tun, auf den Fall, daß ihn der Wille dazu wieder ankäme, benommen worden wäre. Er breitete sich also mit Nachdruck über die Vorteile einer wohlgeordneten Aristokratie vor der Regierung eines Einzigen aus, und bewies, wie gefährlich es sei, den Wohlstand eines ganzen Landes von dem zufälligen und wenig sichern Umstand, ob dieser Einzige tugendhaft sein wolle oder nicht, abhangen zu lassen. Er ging so weit, zu behaupten, daß von einem Menschen, der die höchste Macht in Händen habe, zu verlangen, daß er sie niemalen mißbrauchen solle, eine Forderung sei, welche über die Kräfte der Menschheit gehe; daß es nichts geringers sei, als von einem mit Mängeln und Schwachheiten beladenen Geschöpfe, welches keinen Augenblick auf sich selbst zählen kann, die Weisheit und Tugend eines Gottes zu erwarten. Er billigte also das Vorhaben des Dionys, die königliche Gewalt aufzugeben, im höchsten Grade; aber darin stimmte er mit seinem Freunde überein, daß anstatt die Einrichtung des Staats in die Willkür des Volks zu stellen, er selbst, mit Zuzug der Besten von der Nation, sich ungesäumt der Arbeit unterziehen sollte, eine daurhafte und auf den möglichsten Grad des allgemeinen Besten abzielende Verfassung zu entwerfen; wozu er dem Prinzen allen Beistand, der von ihm abhange, versprach. Dionys schien sich diesen Vorschlag gefallen zu lassen. Er bat sie, ihre Gedanken über diese wichtige Sache in einen vollständigen Plan zu bringen, und versprach, so bald als sie selbsten darüber, was man tun sollte, einig sein würden, zur Ausführung eines Werkes zu schreiten, welches ihm, seinem Vorgeben nach, sehr am Herzen lag.

Diese geheime Konferenz hatte bei dem Tyrannen eine gedoppelte Würkung. Sie vollendete seinen Haß gegen Dion, und setzte den Platon aufs Neue in Gunst bei ihm. Denn ob er gleich nicht mehr so gern als anfangs von den Pflichten eines guten Regenten sprechen hörte; so hatte er doch sehr gerne gehört, daß Plato sich als einen Gegner des popularen Regiments, und als einen Freund der Monarchie erklärt hatte. Er ging aufs neue mit seinen Vertrauten zu Rat, und sagte ihnen, es komme nun allein darauf an, sich den Dion vom Halse zu schaffen. Philistus hielt davor, daß eh ein solcher Schritt gewaget werden dürfe, das Volk beruhiget und die wankende Autorität des Prinzen wieder fest gesetzt werden müsse. Er schlug die Mittel vor, wodurch dieses am gewissesten geschehen könne; und in der Tat waren dabei keine so große Schwierigkeiten; denn er und Timocrat hatten die vorgebliche Gärung in Syracus weit gefährlicher vorgestellt, als sie würklich war. Dionys fuhr auf sein Anraten fort, eine besondere Achtung für den Plato zu bezeugen, einen Mann, der in den Augen des Volks eine Art von Propheten vorstellte, der mit den Göttern umgehe und Eingebungen habe. "Einen solchen Mann", sagte Philistus, "muß man zum Freunde behalten, so lange man ihn gebrauchen kann. Plato verlangt nicht selbst zu regieren; er hat also nicht das nämliche Interesse wie Dion; seine Eitelkeit ist befriediget, wenn er bei demjenigen, der die Regierung führt, in Ansehen steht, und Einfluß zu haben glaubt. Es ist leicht, ihn, so lang es nötig sein mag, in dieser Meinung zu unterhalten, und das wird zugleich ein Mittel sein, ihn von einer genauern Vereinigung mit dem Dion zurückzuhalten." Der Tyrann, der sich ohnehin von einer Art von Instinkt zu dem Philosophen gezogen fühlte, befolgte diesen Rat so gut, daß Plato davon hintergangen wurde. Insonderheit affektierte er ihn, immer neben sich zu haben, wenn er sich öffentlich sehen ließ; und bei allen Gelegenheiten, wo es Würkung tun konnte, seine Maximen im Munde zu führen. Er stellte sich, als ob es auf Einraten des Philosophen geschähe, daß er dieses oder jenes tat, wodurch er sich den Syracusanern angenehm zu machen hoffte; ungeachtet alles die Eingebungen des Philistus waren, der ohne daß es in die Augen fiel, sich wieder einer gänzlichen Herrschaft über sein Gemüt bemächtiget hatte. Er zeigte sich ungemein leutselig und liebkosend gegen das Volk; er schaffte einige Auflagen ab, welche die unterste Klasse desselben am stärksten drückten; er belustigte es durch öffentliche Feste, und Spiele; er beförderte einige von denen, deren Ansehen am meisten zu fürchten war, zu einträglichen Ehrenstellen, und ließ die übrigen mit Versprechungen wiegen, die ihn nichts kosteten, und die nämliche Würkung taten; er zierte die Stadt mit Tempeln, Gymnasien, und andern öffentlichen Gebäuden: Und tat alles dieses, mit Beistand seiner Vertrauten, auf eine so gute Art, daß Plato alles sein Ansehen dazu verwandte, einem Prinzen, der so schöne Hoffnungen von sich erweckte, und seine philosophische Eitelkeit mit so vielen öffentlichen Beweisen einer vorzüglichen Hochachtung kitzelte, (ein Beweggrund, den der gute Weise sich vielleicht selbst nicht gerne gestund) alle Herzen zu gewinnen.

Diese Maßnehmungen erreichten den vorgesetzten Zweck vollkommen. Das Volk, welches nicht nur in Griechenlande, sondern aller Orten, in einer immerwährenden Kindheit lebt, hörte auf zu murmeln; verlor in kurzer Zeit den bloßen Wunsch einer Veränderung; faßte eine heftige Zuneigung für seinen Prinzen; erhob die Glückseligkeit seiner Regierung; bewunderte die prächtige Kleidung und Waffen, die er seinen Trabanten hatte machen lassen; betrank sich auf seine Gesundheit; und war bereit allem was er unternehmen wollte, seinen dummen Beifall zu zuklatschen.

Philistus und Timocrat sahen sich durch diesen glücklichen Ausschlag in der Gunst ihres Herrn aufs neue befestiget; aber sie waren nicht zufrieden, so lange sie selbige mit dem Plato teilen mußten, für welchen er eine Art von Schwachheit behielt, die ihren Grund vielleicht in der natürlichen Obermacht eines großen Geistes über einen Kleinen hatte. Timocrat geriet auf einen Einfall, wozu ihm die geheime Unterredung in dem Schlafzimmer des Dionys den ersten Wink gegeben hatte, und wodurch er zu gleicher Zeit sich ein Verdienst um den Tyrannen zu machen, und das Ansehen des Philosophen bei demselben zu untergraben hoffen konnte.

Dionys hatte, von ihm aufgemuntert, angefangen, unvermerkt wieder eine größere Freiheit bei seiner Tafel einzuführen; die Anzahl und die Beschaffenheit der Gäste, welche er fast täglich einlud, gab den Vorwand dazu; und Plato, welcher bei aller erhabenen Austerität seiner Grundsätze, einen kleinen Ansatz zu einem Hofmanne hatte, machte es, wie es gewisse ehrwürdige Männer an gewissen Höfen zu machen pflegen; er sprach bei jeder Gelegenheit von den Vorzügen der Nüchternheit und Mäßigkeit, und aß und trank immer dazu, wie ein andrer. Diese kleine Erweiterung der allzuengen Grenzen der akademischen Frugalität, von welcher der Vater der Akademie selbst gestehen mußte, daß sie sich für den Hof eines Fürsten nicht schicke, erlaubte den vornehmsten Syracusanern, und jedem, der dem Prinzen seine Ergebenheit bezeugen wollte, ihm prächtige Feste zu geben; wo die Freude zwar ungebundener herrschte, aber doch durch die Gesellschaft der Musen und Grazien einen Schein von Bescheidenheit erhielt, welcher die Strenge der Weisheit mit ihr aussöhnen konnte. Timocrat machte sich diesen Umstand zu Nutz. Er lud den Prinzen, den ganzen Hof, und die Vornehmsten der Stadt ein, auf seinem Landhause die Wiederkunft des Frühlings zu begehen, dessen alles verjüngende Kraft, zum Unglück für den ohnehin übelbefestigten Platonismus des Dionys, auch diesem Prinzen die Begierden und die Kräfte der Jugend wieder einzuhauchen schien. Die schlaueste Wollust, hinter eine verblendende Pracht versteckt, hatte dieses Fest angeordnet. Timocrat verschwendete seine Reichtümer ohne Maß, mit desto fröhlicherm Gesichte, da er sie eben dadurch doppelt wieder zu bekommen versichert war. Alle Welt bewunderte die Erfindungen und den Geschmack dieses Günstlings; Dionys bezeugte, sich niemals so wohl ergötzt zu haben; und der göttliche Plato, der weder auf seinen Reisen zu den Pyramiden und Gymnosophisten, noch zu Athen so etwas gesehen hatte, wurde von seiner dichterischen Einbildungs-Kraft so sehr verraten, daß er die Gefahren zu vergessen schien, welche unter den Bezauberungen dieses Orts, und dieser Verschwendung von Reizungen zum Vergnügen, laurten. Der einzige Dion erhielt sich in seiner gewöhnlichen Ernsthaftigkeit, und machte durch den starken Kontrast seines finstern Bezeugens mit der allgemeinen Fröhlichkeit, Eindrücke auf alle Gemüter, welche nicht wenig dazu beitrugen, seinen bevorstehenden Fall zu befördern. Indes schien niemand darauf acht zu geben; und in der Tat ließ die Vorsorge, welche Timocrat gebraucht hatte, daß jede Stunde, und beinahe jeder Augenblick ein neues Vergnügen herbeiführen mußte, wenig Muße, Beobachtungen zu machen. Dieser schlaue Höfling hatte ein Mittel gefunden, dem Plato selbst, bei einer Gelegenheit, wo es so wenig zu vermuten war, auf eine feine Art zu schmeicheln. Dieses geschah durch ein großes pantomimisches Ballet, worin die Geschichte der menschlichen Seele, nach den Grundsätzen dieses Weisen, unter Bildern, welche er in einigen seiner Schriften an die Hand gegeben hatte, auf eine allegorische Art vorgestellt wurde. Timocrat hatte die jüngsten und schönsten Figuren hierzu gebraucht, welche er zu Corinth und aus dem ganzen Griechenlande hatte zusammenbringen können. Unter den Tänzerinnen war eine, welche dazu gemacht schien, dasjenige, was der gute Plato in etlichen Monaten an dem Gemüte des Tyrannen gearbeitet, in etlichen Augenblicken zu zerstören. Sie stellte unter den Personen des Tanzes die Wollust vor; und würklich paßten ihre Figur, ihre Gesichtsbildung, ihre Blicke, ihr Lächeln, alles so vollkommen zu dieser Rolle, daß das anacreontische Beiwort Wollustatmend ausdrücklich für sie gemacht zu sein schien. Jedermann war von der schönen Bacchidion bezaubert; aber niemand war es so sehr als Dionys. Er dachte nicht einmal daran, der Wollust, welche eine so verführische Gestalt angenommen hatte, um seine erkältete Zuneigung zu ihr wieder anzufeuren, Widerstand zu tun; kaum daß er noch so viel Gewalt über sich selbst behielt, um von demjenigen was in ihm vorging nicht allzudeutliche Würkungen sehen zu lassen. Denn er getraute sich noch nicht, wieder gänzlich Dionysius zu sein, ob ihm gleich von Zeit zu Zeit kleine Züge entwischten, welche dem beobachtenden Dion bewiesen, daß er nur noch durch einen Rest von Scham, dem letzten Seufzer der ersterbenden Tugend, zurückgehalten werde. Timocrat triumphierte in sich selbst; seine Absicht war erreicht; die allzureizende Bacchidion bemächtigte sich der Begierde, des Geschmacks und so gar des Herzens des Tyrannen: Und da er den Timocrat zum Unterhändler seiner Leidenschaft, welche er eine Zeitlang geheim halten wollte, nötig hatte, so war Timocrat von diesem Augenblick an wieder der nächste an seinem Herzen. Der weise Plato bedaurte zu spät, daß er zu viel Nachsicht gegen den Hang dieses Prinzen nach Ergötzungen getragen hatte; er fühlte nur gar zu wohl, daß die Gewalt seiner metaphysischen Bezauberungen durch eine stärkere Zaubermacht aufgelöst worden sei, und fing an, um sich nicht ohne Nutzen beschwerlich zu machen, den Hof seltner zu besuchen. Dion ging weiter: Er unterstund sich, dem Dionys wegen seines geheimen Verständnisses mit der schönen Bacchidion, Vorwürfe zu machen, und ihn seiner Verbindlichkeiten mit einem Ernst zu erinnern, den der Tyrann nicht mehr ertragen konnte. Dionys sprach im Ton eines asiatischen Despoten, und Dion antwortete wie ein Mißvergnügter, der sich stark genug fühlt, den Drohungen eines übermütigen Tyrannen Trotz zu bieten. Philistus hielt den Dionys zurück, der im Begriff war alles zu wagen, indem er seiner Wut den Zügel schießen lassen wollte. Allein in den Umständen worin man mit dem beleidigten Dion war, mußte ein schleuniger Entschluß gefaßt werden. Dion verschwand auf einmal, und erst nach einigen Tagen machte Dionys bekannt: Daß ein gefährliches Complot gegen seine Person, und die Ruhe des Staats, woran Dion in geheim gearbeitet, ihn genötiget hätte, denselben auf einige Zeit aus Sicilien zu entfernen. Es bestätigte sich würklich, daß Dion in der Nacht unvermutet in Verhaft genommen, zu Schiffe gebracht und in Italien ans Land gesetzt worden war. Um das angebliche Complot wahrscheinlich zu machen, wurden verschiedene Freunde Dions, und eine noch größere Anzahl von Kreaturen des Philistus, welche gegen diesen Prinzen zu reden bestochen waren, in Verhaft genommen. Man unterließ nichts, was seinem Prozeß das Ansehen der genauesten Beobachtung der Justiz-Formalitäten geben konnte; und nachdem er durch die Aussage einer Menge von Zeugen überwiesen worden war, wurde seine Verbannung in ein förmliches Urteil gebracht, und ihm bei Strafe des Lebens verboten, ohne besondere Erlaubnis des Dionys, Sicilien wieder zu betreten. Dionys stellte sich, als ob er dieses Urteil ungern und allein durch die Sorge für die Ruhe des Staats gezwungen unterzeichne; und um eine Probe zu geben, wie gern er eines Prinzen, den er allezeit besonders hochgeschätzt habe, schonen möchte, verwandelte er die Strafe der Konfiskation aller seiner Güter in eine bloße Zurückhaltung der Einkünfte von denselben: Aber niemand ließ sich durch diese Vorspieglungen hintergehen, da man bald darauf erfuhr, daß er seine Schwester, die Gemahlin des Dion, gezwungen habe, die Belohnung des unwürdigen Timocrat zu werden.