In dieser Situation befanden sich die Sachen, als Dionys, des ruhigen Besitzes der immer gefälligen Bacchidion, und ihrer Tänze überdrüssig, sich zum ersten mal einfallen ließ, die Beobachtung zu machen, daß Cleonissa schön sei. Er hatte sie noch nicht lange mit einiger Aufmerksamkeit beobachtet, so deuchte ihn, daß er noch nie keine so schöne Kreatur gesehen habe; und nun fing er an sich zu verwundern, daß er diese Beobachtung nicht eher gemacht habe. Endlich erinnerte er sich, daß die Dame sich jederzeit durch eine sehr spröde Tugend und einen erklärten Hang für die Metaphysik unterschieden hatte; und nun zweifelte er nicht mehr, daß es dieser Umstand gewesen sein müsse, was ihn verhindert habe, ihrer Schönheit eher Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Eine Art von maschinalischer Ehrfurcht vor der Tugend, die von seiner Indolenz und der furchtbaren Vorstellung herkam, welche er sich von den Schwierigkeiten sie zu besiegen in den Kopf gesetzt hatte, würde ihn vielleicht auch diesesmal in den Grenzen einer untätigen Bewunderung gehalten haben, wenn nicht einer von diesen kleinen Zufällen, welche so oft die Ursachen der größesten Begebenheiten werden, seine natürliche Trägheit auf einmal in die ungeduldigste Leidenschaft verwandelt hätte. Da dieser Zufall jederzeit eine Anekdote geblieben ist, so können wir nicht gewiß sagen, ob es (wie einige Sicilianische Geschichtschreiber vorgeben) der nämliche gewesen, wodurch in neuern Zeiten die Schwester des berühmten Herzogs von Marlborough den ersten Grund zu dem außerordentlichen Glück ihrer Familie gelegt haben soll; oder ob er sie vielleicht von ungefähr in dem Zustand überrascht haben mochte, worin der Actäon der Poeten das Unglück hatte, die schöne Diana zu erblicken. Das ist indessen ausgemacht, daß von dieser geheimen Begebenheit an, die Leidenschaft und die Absichten des Dionys einen Schwung nahmen, wodurch sich die Tugend der allzuschönen Cleonissa in keine geringe Verlegenheit gesetzt befand, wie sie in einer so schlüpfrigen Situation dasjenige, was sie sich selbst schuldig war, mit den Pflichten gegen ihren Prinzen vereinigen wollte. Dionys war so dringend, so unvorsichtig—und sie hatte so viele Personen in Acht zu nehmen—sie, die in jedem andern Frauenzimmer eine Nebenbuhlerin hatte, und bei jedem Schritt von hundert eifersüchtigen Augen belauret wurde, welche nicht ermangelt haben würden, den kleinsten Fehltritt, den sie gemacht hätte, durch eben so viele Zungen der ganzen Welt in die Ohren flüstern zu lassen. Auf der einen Seite, ein von Liebe brennender König zu ihren Füßen, bereit eine unbegrenzte Gewalt über ihn selbst und über alles was er hatte, um die kleinste ihrer Gunstbezeugungen hinzugeben—auf der andern, der glänzende Ruhm einer Tugend, welche noch kein Sterblicher für fehlbar zu halten sich unterstanden hatte, das Vertrauen der Prinzessinnen, die Hochachtung ihres Gemahls—Man muß gestehen, tausend andre würden sich zwischen zweien auf so verschiedene Seiten ziehenden Kräften nicht zu helfen gewußt haben. Aber Cleonissa wußte es, ob sie sich gleich zum ersten mal in dieser Schwierigkeit befand, so gut, daß der ganze Plan ihres Betragens sie schwerlich eine einzige schlaflose Nacht kostete. Sie sah beim ersten Blick, wie wichtig die Vorteile waren, welche sie in diesen Umständen von ihrer Tugend ziehen konnte. Das nämliche Mittel, wodurch sie ihren Ruhm sicher stellen, und die Freundschaft der Prinzessinnen erhalten konnte, war unstreitig auch dasjenige, was den unbeständigen Dionys, bei dem vorsichtigen Gebrauch der erforderlichen Aufmunterungen, auf immer in ihren Fesseln behalten würde. Sie setzte also seinen Erklärungen, Verheißungen, Bitten, Drohungen, (zu den feinern Nachstellungen war er weder zärtlich noch schlau genug) eine Tugend entgegen, welche ihn durch ihre Hartnäckigkeit notwendig hätte ermüden müssen, wenn das Mitleiden mit dem Zustand, worein sie ihn zu setzen gezwungen war, sie nicht zu gleicher Zeit vermocht hätte, seine Pein durch alle die kleinen Palliative zu lindern, welche im Grunde für eine Art von Gunstbezeugungen angesehen werden können, ohne daß gleichwohl die Tugend, bei einem Liebhaber wie Dionys war, dadurch zuviel von ihrer Würde zu vergeben scheint. Die zärtliche Empfindlichkeit ihres Herzens—die Gewalt welche sie sich antun mußte, einem so liebenswürdigen Prinzen zu widerstehen—die stillschweigenden Geständnisse ihrer Schwachheit, welche zu eben der Zeit, da sie ihm den entschlossensten Widerstand tat, ihrem schönen Busen wider ihren Willen entflohen—o! tugendhafte Cleonissa! Was für eine gute Aktrice warest du!—Was hätte Dionys sein müssen, wenn er bei solchen Anscheinungen die Hoffnung aufgegeben hätte, endlich noch glücklich zu werden?

Inzwischen war, ungeachtet aller Behutsamkeit, welche Cleonissa, und Dionys selbst gebrauchte, die Leidenschaft dieses Prinzen, und die unüberwindliche Tugend seiner Göttin, ein Geheimnis, welches der ganze Hof wußte, wenn man schon nicht dergleichen tat, als ob man Augen oder Ohren hätte. Cleonissa hatte die Vorsicht gebraucht, die Schwestern des Prinzen, von dem Augenblicke, da sie an seiner Leidenschaft nicht mehr zweifeln konnte, zu ihren Vertrauten zu machen; diese hatten wieder im Vertrauen alles seiner Gemahlin entdeckt, und die Gemahlin seiner Mutter. Die Prinzessinnen, welche seine bisherigen Ausschweifungen immer vergebens beseufzet, und besonders gegen die arme Bacchidion einen Widerwillen gefaßt hatten, wovon sich kein andrer Grund, als die launische Denkungs-Art dieser Damen angeben läßt, waren erfreut, daß seine Neigung endlich einmal auf einen tugendhaften Gegenstand gefallen war. Die ausnehmende Klugheit der schönen Cleonissa machte ihnen Hoffnung, daß es ihr gelingen würde, ihn unvermerkt auf den rechten Weg zu bringen. Cleonissa erstattete ihnen jedes mal getreuen Bericht von allem was zwischen ihr und ihrem Liebhaber vorgegangen war—oder doch von allem, was die Prinzessinnen davon zu wissen nötig hatten; alle Maßregeln, wie sie sich gegen ihn betragen sollte, wurden in dem Cabinet der Königin abgeredet; und diese gute Dame, welche das Unglück hatte, die Kaltsinnigkeit ihres Gemahls gegen sie lebhafter zu empfinden, als es für ihre Ruhe gut war, gab sich alle mögliche Bewegungen, die Bemühungen zu befördern, welche von der tugendhaften Cleonissa angewandt wurden, den Prinzen in die Schranken der Gebühr zurückzubringen. Alles dieses machte eine Art von Intrigue aus, bei welcher, ungeachtet der anscheinenden Ruhe, der ganze Hof in innerlicher Bewegung war. Der einzige Philistus, derjenige der am meisten Ursache hatte, aufmerksam zu sein, wußte nichts von allem was jedermann wußte; oder bewies doch wenigstens in seinem ganzen Betragen eine so seltsame Sicherheit, daß wir, wenn uns das außerordentliche Vertrauen nicht bekannt wäre, welches er in die Tugend seiner Gemahlin zu setzen Ursache hatte, fast notwendig auf den Argwohn geraten müßten, als ob er gewisse Absichten bei dieser Aufführung gehabt haben könnte, welche seinem Charakter keine sonderliche Ehre machen würden.

Alles ging wie es gehen sollte; Dionys setzte die Belagerung mit der äußersten Hartnäckigkeit und mit Hoffnungen fort, welche der tapfre Widerstand der weisen Cleonissa ziemlich zweideutig machte—die Liebe schien noch wenig über ihre Tugend erhalten zu haben, obgleich diese allmählich anfing, von ihrer Majestät nachzulassen, und zu erkennen zu geben, daß sie nicht ganz ungeneigt wäre, unter hinlänglicher Sicherheit sich in ein geheimes Verständnis, in so fern es eine bloße Liebe der Seele zur Absicht hätte, einzulassen—Die Prinzessinnen sahen mit dem vollkommensten Vertrauen auf die keuschen Reizungen ihrer Freundin, der Entwicklung des Stücks entgegen—und Philistus war von einer Gefälligkeit, von einer Indolenz, wie man niemals gesehen hat: Als Agathon, zum Unglück für ihn und für Sicilien, durch einen Eifer, der an einem Staats-Mann von so vieler Einsicht kaum zu entschuldigen war, sich verleiten ließ, den glücklichen Fortgang der verschiedenen Absichten, welchen Dionys—Cleonissa—die Prinzessinnen—und vielleicht auch Philistus—schon so nahe zu sein glaubten, durch seine unzeitige Dazwischenkunft zu unterbrechen.

DRITTES KAPITEL

Große Fehler wider die Staats-Kunst, welche Agathon beging—Folgen davon

Die Vertraulichkeit, worin Dionys mit seinen Günstlingen zu leben pflegte, und das natürliche Bedürfnis eines Verliebten, jemand zu haben, dem er sein Leiden oder seine Glückseligkeit entdecken kann—hatten ihm nicht erlaubt, dem Agathon aus seiner neuen Liebe ein Geheimnis zu machen; und dieser trieb die Gefälligkeit anfänglich so weit, sich von dem schwatzhaftesten Liebhaber, der jemals gewesen war, mit den Angelegenheiten seines Herzens ganze Stunden durch Langeweile machen zu lassen, in denen es dem guten Prinzen kein einziges mal einfiel, daß diese Angelegenheiten einem dritten unmöglich so wichtig vorkommen könnten, als sie ihm selbst waren. Ohne seine Wahl geradezu zu mißbilligen (wovon er eine schlechte Würkung hätte hoffen können) begnügte er sich anfangs, ihm die Schwierigkeiten, welche er bei einer Dame von so strenger und systematischer Tugend finden würde, so fürchterlich abzumalen, daß er ihn von einer Unternehmung, welche sich dem Ansehen nach, wenigstens in eine entsetzliche Länge hinausziehen würde, abzuschrecken hoffte. Wie er aber sah, daß Dionys anstatt durch den Widerstand, über den er sich beklagte, ermüdet zu werden, von Tag zu Tag mehr Hoffnung schöpfte, diese beschwerliche Tugend durch hartnäckig wiederholte Anfälle endlich selbst abzumatten: So glaubte er der schönen Cleonissa nicht zu viel zu tun, wenn er sie im Verdacht eines gekünstelten Betragens hätte, welches die Leidenschaft des Prinzen zu eben der Zeit aufmunterte, da sie ihm alle Hoffnung zu verbieten schien. Je schärfer er sie beobachtete, je mehr Umstände entdeckte er, welche ihn in diesem Argwohn bestärkten; und da seine natürliche Antipathie gegen die majestätischen Tugenden das ihrige mit beitrug, so hielt er sich nun vollkommen überzeugt, daß die weise und tugendhafte Cleonissa weder mehr noch weniger als eine Betrügerin sei, welche durch einen erdichteten Widerstand zu gleicher Zeit sich in dem Ruf der Unüberwindlichkeit zu erhalten, und den leichtgläubigen Dionys desto fester in ihrem Garn zu verstricken im Sinne habe. Nunmehr fing er an die Sache für ernsthaft anzusehen, und sich so wohl durch die Pflichten der Freundschaft für einen Prinzen, für den er bei allen seinen Schwachheiten eine Art von Zuneigung fühlte, als aus Sorge für den Staat, verbunden zu halten, einem Verständnis, welches für beide sehr schlimme Folgen haben könnte, sich mit Nachdruck zu widersetzen. Bacchidion, welche, ohne eine so regelmäßige Schönheit zu sein, in seinen Augen unendlichmal liebenswürdiger war als Cleonissa, schien ihm ihres Herzens—oder richtiger zu reden, ihrer glücklichen Organisation wegen—ungeachtet des gemeinen und gerechten Vorurteils gegen ihren Stand, in Vergleichung mit dieser tugendhaften Dame eine sehr schätzbare Person zu sein: Und da sie in der Unruhe, worein sie die immer zunehmende Kaltsinnigkeit des Prinzen zu setzen anfing, ihre Zuflucht zu ihm nahm, so machte er sich desto weniger Bedenken, sich ihrer mit etwas mehr Eifer als die Würde seines Charakters vielleicht gestatten mochte, anzunehmen. Dionys liebte sie nicht mehr; aber er maßte sich noch immer Rechte über sie an, welche nur die Liebe geben sollte. Die schöne Bacchidion wurde nur zu deutlich gewahr, daß sie nur die Stelle ihrer Nebenbuhlerin in seinen Armen vertreten sollte; und ob sie gleich nur eine Tänzerin war, so deuchte sie sich doch zu gut, Flammen zu lauschen, welche eine andere angezündet hatte. Dionys schien bei der anhaltenden Strenge seiner neuen Gebieterin, einer solchen Gefälligkeit mehr als jemals benötiget zu sein; und eben darum gab ihr Agathon den Rat, an ihrem Teil auch die Grausame zu machen, und zu versuchen, ob sie durch ein sprödes und launisches Betragen, mit einer gehörigen Dosi von Koketterie vermischt, nicht mehr als durch zärtliche Klagen und verdoppelte Gefälligkeit gewinnen würde. Dieser Rat hatte einen so guten Erfolg, daß Agathon, der sich des Sieges zu früh versichert hielt, itzo den gelegenen Augenblick gefunden zu haben glaubte, dem Dionys offenherzig zu gestehen, wie wenig Achtung er für die angebliche Tugend der Dame Cleonissa trage. Die Folgen der geheimen Unterredung, welche sie mit einander über diese Materie hatten, entsprachen der Erwartung unsers Helden nicht. Alles Nachteilige, was Agathon dem Prinzen von seiner neuen Göttin sagen konnte, bewies höchstens, daß sie nicht so viel Hochachtung verdiene als er geglaubt hatte; aber es verminderte seine Begierden nicht; desto besser für seine Absichten, wenn sie nicht so tugendhaft war. Diesen edlen Gedanken ließ er zwar den Agathon nicht sehen; aber Cleonissa wurde ihn desto deutlicher gewahr. Dionys hatte nicht so bald erfahren, daß die Tugend der Dame nur ein Popanz sei, so eilte er was er konnte, Gebrauch von dieser Entdeckung zu machen, und setzte sie durch ein Betragen in Erstaunen, welches mit seinem vorigen, und noch mehr mit der Majestät ihres Charakters, einen höchst beleidigenden Kontrast machte. Er war zwar Diskret genug, ihr nicht geradezu zu sagen, was für Begriffe man ihm von ihr beigebracht habe; aber sein Bezeugen sagte es so deutlich, daß sie nicht zweifeln konnte, es müßte ihr jemand schlimme Dienste bei ihm geleistet haben. Dieser Umstand setzte sie in der Tat in keine geringe Verlegenheit, wie sie dasjenige was sie ihrer beleidigten Würde schuldig war, mit der Besorgnis, einen Liebhaber von solcher Wichtigkeit durch allzuweit getriebene Strenge gänzlich abzuschrecken, zusammenstimmen wollte. Allein ein Geist wie der ihrige weiß sich aus den schwierigsten Situationen herauszuwickeln; und Dionys ging überzeugter als jemals von ihr, daß sie die Tugend selbst, und allein durch die Stärke der Sympathie, wodurch ihre zum ersten mal gerührte Seele gegen die seinige gezogen werde, fähig werden könnte, die Hoffnungen dereinst zu erfüllen, welche sie ihm weder erlaubte noch gänzlich verwehrte. Von dieser Zeit an nahm seine Leidenschaft und das Ansehen dieser Dame von Tag zu Tag zu; die schöne Bacchidion wurde förmlich abgedankt; und Agathon würde in den Augen seines Herren gelesen haben, wenn er es nicht aus seinem eignen Munde vernommen hätte, daß er gute Hoffnung habe, in wenigen Tagen den letzten Seufzer der sterbenden Tugend von den Lippen der zärtlichen, und nur noch schwach widerstehenden Cleonissa aufzufassen. Itzo glaubte er, daß es die höchste Zeit sei einen Schritt zu tun, der nur durch die äußerste Notwendigkeit gerechtfertiget werden konnte, aber seiner Meinung nach, das unfehlbarste Mittel war, dieser gefährlichen Intrigue noch in Zeiten ein Ende zu machen. Er ließ also den Philistus zu sich rufen, und entdeckte ihm mit der ganzen Vertraulichkeit eines ehrlichen Mannes, der mit einem ehrlichen Manne zu reden glaubt, die nahe Gefahr, worin seine Ehre und die Tugend seiner Gemahlin schwebe. Freilich entdeckte er dem edeln Philistus nichts, als was dieser in der Tat schon lange wußte; aber Philistus machte nichts desto weniger den Erstaunten; indessen dankte er ihm mit der lebhaftesten Empfindung für ein so unzweifelhaftes Merkmal seiner Freundschaft, und versicherte, daß er auf ein schickliches Mittel bedacht sein wollte, seine Gemahlin, von welcher er übrigens die beste Meinung von der Welt habe, gegen alle Nachstellungen der Liebesgötter sicher zu stellen.

Man hat wohl sehr recht, uns die Lehre bei allen Gelegenheiten einzuschärfen, daß man sich die Leute nach ihrer Weise verbindlich machen müsse, und nicht nach der unsrigen. Agathon glaubte sich kein geringes Verdienst um den Philistus gemacht zu haben, und würde nicht wenig über die Apostrophen erstaunt gewesen sein, welche dieser würdige Minister an ihn machte, so bald er sich wieder allein sah. In der Tat mußte es diesen notwendig ungehalten machen, sich durch eine so unzeitige Vorsorge für seine Ehre auf einmal aller Vorteile seiner bisherigen diskreten Unachtsamkeit verlustiget zu sehen. Indessen konnte er nun, ohne sich in Agathons Augen zum Verräter seiner eigenen Ehre zu machen, nicht anders; er mußte den Eifersüchtigen spielen. Die Komödie bekam dadurch auf etliche Tage einen sehr tragischen Schwung—Wie viel Mühe hätten sich die Haupt-Personen dieser Farce ersparen können, wenn sie die Maske hätten abnehmen, und sich einander in puris naturalibus zeigen wollen? Aber diese Leute aus der großen Welt sind so pünktliche Beobachter des Wohlstands!—und sind darum zu beloben; denn es beweiset doch immer, daß sie sich ihrer wahren Gestalt schämen, und die Verbindlichkeit etwas bessers zu sein als sie sind, stillschweigend anerkennen—Cleonissa rechtfertigte sich also gegen ihren Gemahl, indem sie sich auf die Prinzessinnen, als unverwerfliche Zeugen der untadelhaften Unschuld ihres Betragens berief. Niemals ist ein erhabneres und pathetischeres Stück von Beredsamkeit gehört worden, als die Rede war, wodurch sie ihm die Unbilligkeit seines Verdachts vorhielt; und der gute Mann wußte sich endlich nicht anders zu helfen, als daß er den Freund nannte, von dem er, wiewohl aus guter Absicht, in diesen kleinen Anstoß einer, wie er nun vollkommen erkannte, höchst unnötigen und sträflichen Eifersucht gesetzt worden sei. Die Wut einer stürmischen See—einer zur Rache gereizten Hornisse—oder einer Löwin, der ihre Jungen geraubt worden, sind nur schwache Bilder in Vergleichung mit der Wut, in welche Cleonissens tugendhafter Busen bei Nennung des Namens Agathon aufloderte. Würklich war nichts mit ihr zu vergleichen, als die Wollust, womit der Gedanke sie berauschte, daß sie es nun endlich in ihrer Gewalt habe, die lange gewünschte Rache an diesem undankbaren Verächter ihrer Reizungen zu nehmen. Sie mißhandelte den Dionys, (den sie für die unerträgliche Beleidigung, welche sie von ihrem Gemahl erduldet hatte, zur Rechenschaft zog) so lange und so grausam, bis er ihr, wiewohl ungern, (denn er wollte seinen Günstling nicht aufopfern) entdeckte, wie wenig sie dem Agathon für seine Meinung von ihr verbunden sei. Nunmehr klärte sich, wie sie sagte, das ganze Geheimnis auf; und in der Tat mußte sie sich nur über ihre eigene Einfalt verwundern, da sie sich eines bessern zu einem Manne versehen hatte, von dessen Rache sie natürlicher Weise das Schlimmste hätte erwarten sollen—Wenn Dionys bei diesen Worten stutzte, so kann man sich einbilden, was er für eine Miene machte, da sie ihm, vermittelst einer Konfidenz, wozu sie durch ihre eigene Rechtfertigung gezwungen war, umständlich entdeckte, daß der Haß Agathons gegen sie allein daher entsprungen sei, weil sie nicht für gut befunden habe, seine Liebe genehm zu halten. Dieses war nun freilich nicht nach der Schärfe wahr. Aber da sie nun einmal dahin gebracht war, sich selbst verteidigen zu müssen; so war natürlich, daß sie es lieber auf Unkosten einer Person, die ihr verhaßt war, als auf ihre eigene tat. So viel ist gewiß, daß sie ihre Absicht dadurch mehr als zu gut erreichte. Dionys geriet in einen so heftigen Anfall von Eifersucht über seinen unwürdigen Liebling—dieser Mann, der der Liebe eines Dionys unwürdig war, war Agathon!—daß Cleonissa, (welche besorgte, daß ein plötzlicher Ausbruch zu mißbeliebigen Erläuterungen Anlaß geben könnte) alle ihre Gewalt über ihn anwenden mußte, ihn zurückzuhalten. Sie bewies ihm die Notwendigkeit, einen Mann, der zu allem Unglück der Abgott der Nation wäre, vorsichtig zu behandeln. Dionys fühlte die Stärke dieses Beweises, und hassete den Agathon nur um so viel herzlicher. Die Prinzessinnen mischten sich auch in die Sache, und legten unserm Helden sehr übel aus, daß er, anstatt den Prinzen von Ausschweifungen abzuhalten, eine Kreatur wie Bacchidion mit so vielem Eifer in seinen Schutz genommen hatte. Man scheuete sich nicht, diesem Eifer so gar einen geheimen Beweggrund zu leihen; und Philistus brachte unter der Hand verschiedene Zeugen auf, welche in dem Cabinet des Prinzen verschiedene Umstände aussagten, die ein zweideutiges Licht auf die Enthaltsamkeit unsers Helden und die Treue der schönen Bacchidion zu werfen schienen. Dieser Minister fand vermutlich die Absichten seines Herrn auf seine tugendhafte Gemahlin so rein und unschuldig, daß es anstößig, und lächerlich gewesen wäre, über die Freundschaft, womit er sie beehrte, eifersüchtig zu sein. Ein täglicher Zuwachs der königlichen Gunst rechtfertigte und belohnte eine so edelmütige Gefälligkeit. Timocrat fand bei diesen Umständen Gelegenheit, sich gleichfalls wieder in das alte Vertrauen zu setzen; und beide vereinigten sich nunmehr mit der triumphierenden Cleonissa, den Fall unsers Helden desto eifriger zu beschleunigen, je mehr sie ihn mit Versicherungen ihrer Freundschaft überhäuften.

Wir haben in diesem und dem vorigen Kapitel ein so merkwürdiges Beispiel gesehen, (und wollte Gott! diese Beispiele kämen uns nicht so oft im Leben selbst vor) wie leicht es ist, einem lasterhaften Charakter, einer schwarzen, hassenswürdigen Seele, den Anstrich der Tugend zu geben. Agathon erfuhr nunmehr, daß es eben so leicht ist, die reineste Tugend mit verhaßten Farben zu übersudeln. Er hatte dieses zu Athen schon erfahren; aber bei der Vergleichung die er zwischen jenem Fall und seinem itzigen anstellte, schienen ihm seine Atheniensische Feinde, im Gegensatz mit den verächtlichen Kreaturen, denen er sich nun auf ein mal aufgeopfert sah, so weiß zu werden, als sie ihm ehmals, da er noch keine schlimmere Leute kannte, schwarz vorgekommen waren. Vermutlich verfälschte die Lebhaftigkeit des gegenwärtigen Gefühls sein Urteil über diesen Punkt ein wenig; denn in der Tat scheint der ganze Unterschied zwischen der republikanischen und höfischen Falschheit darin zu bestehen, daß man in Republiken genötiget ist, die ganze äußerliche Form tugendhafter Sitten anzunehmen; da man hingegen an Höfen genug getan hat, wenn man den Lastern, welche des Fürsten Beispiel adelt, oder wodurch seine Absichten befördert werden, tugendhafte Namen gibt. Allein im Grunde ist es nicht ekelhafter, einen hüpfenden, schmeichelnden, untertänigen, vergoldeten Schurken zu eben der Zeit, da er sich vollkommen wohl bewußt ist, nie keine Ehre gehabt zu haben, oder in diesem Augenblick im Begriff ist, wofern er eine hätte, sie zu verlieren—von den Pflichten gegen seine Ehre reden zu hören; als einen gesetzten, schwerfälligen, gravitätischen Schurken zu sehen, der unter dem Schutz seiner Nüchternheit, Eingezogenheit und pünktlichen Beobachtung aller äußerlichen Formalitäten der Religion und der Gesetze, ein unversöhnlicher Feind aller derjenigen ist, welche anders denken als er, oder nicht zu allen seinen Absichten helfen wollen; und sich nicht das mindeste Bedenken macht, so bald es seine Konvenienz erfordert, eine gute Sache zu unterdrücken, oder eine böse mit seinem ganzen Ansehen zu unterstützen. Unparteiisch betrachtet, ist dieser noch der schlimmere Mann; denn er ist ein eigentlicher Heuchler: Da jener nur ein Komödiant ist, der nicht verlangt, daß man ihn würklich für das halten solle, wofür er sich ausgibt; vollkommen zufrieden, wenn die Mitspielenden und Zuschauer nur dergleichen tun, ohne daß es ihm einfällt sich zu bekümmern, ob es ihr Ernst sei, oder nicht.

Agathon hatte nunmehr gute Muße, dergleichen Betrachtungen anzustellen; denn sein Ansehen und Einfluß nahm zusehends ab. äußerlich zwar schien alles noch zu sein, wie es gewesen war. Dionys und der ganze Hof liebkoseten ihm so sehr als jemals, und die Dame Cleonissa selbst schien es ihrer unwürdig zu halten, ihm einige Empfindlichkeit zu erkennen zu geben. Aber desto mehr Mißvergnügen wurde ihm durch geheime, schleichende, und indirekte Wege gemacht. Er mußte zusehen, wie nach und nach, unter tausend falschen und nichtswürdigen Vorwänden, seine besten Anordnungen als schlecht ausgesonnen, überflüssig, oder schädlich, wieder aufgehoben, oder durch andere unnütze gemacht—wie die wenigen von seinen Kreaturen, welche in der Tat Verdienste hatten, entfernt—wie alle seine Absichten mißdeutet, alle seine Handlungen aus einem willkürlich falschen Gesichts-Punkt beurteilt, und alle seine Vorzüge oder Verdienste lächerlich gemacht wurden. Zu eben der Zeit, da man seine Talente und Tugenden erhob, behandelte man ihn eben so, als ob er nicht das geringste von den einen noch von den andern hätte. Man behielt zwar noch, aus politischen Absichten (wie man es zu nennen pflegt) den Schein bei, als ob man nach den nämlichen Grundsätzen handle, denen er in seiner Staats-Verwaltung gefolget war: In der Tat aber geschah in jedem vorkommenden Falle gerade das Widerspiel von dem, was er getan haben würde; und kurz, das Laster herrschte wieder mit so despotischer Gewalt als jemals.

Hier wäre es Zeit gewesen, die Clausul gelten zu machen, welche er seinem Vertrag mit dem Dionys angehängt hatte, und sich zurückzuziehen, da er nicht mehr zweifeln konnte, daß er am Hofe dieses Prinzen zu nichts mehr nütze war. Und dieses war auch der Rat, den ihm der einzige von seinen Hoffreunden, der ihm getreu blieb, der Philosoph Aristippus gab. "Du hättest", sagte er ihm in einer vertraulichen Unterredung über den gegenwärtigen Lauf der Sachen, "du hättest dich entweder niemals mit einem Dionysius einlassen, oder an dem Platz, den du einmal angenommen hattest, deine moralische Begriffe—oder doch wenigstens deine Handlungen nach den Umständen bestimmen sollen. Auf diesem Theater der Verstellung, der Betrügerei, der Intriguen, der Schmeichelei und Verräterei, wo Tugenden und Pflichten bloße Rechen-Pfenninge, und alle Gesichter Masken sind; kurz, an einem Hofe, gilt keine andre Regel als die Konvenienz, keine andre Politik, als einen jeden Umstand mit unsern eignen Absichten so gut vereinigen als man kann. Im übrigen ist es vielleicht eine Frage, ob du so wohl getan hast, dich um einer an sich wenig bedeutenden Ursache willen mit Dionysen abzuwerfen. Ich gestehe es, in den Augen eines Philosophen ist die Tänzerin Bacchidion viel schätzbarer, als diese majestätische Cleonissa, welche mit aller ihrer Metaphysik und Tugend weder mehr noch weniger als eine falsche, herrschsüchtige und boshafte Kreatur ist. Bacchidion hat dem Staat keinen Schaden getan, und Cleonissa wird unendlich viel Böses tun -" "Aus dieser Betrachtung" (unterbrach ihn Agathon) "habe ich mich für jene und gegen diese erklärt -" "Und doch war es leicht vorherzusehen, daß Cleonissa siegen würde", sagte Aristipp—"Aber ein rechtschaffener Mann, Aristipp, erklärt sich nicht für die Partei, welche siegen wird, sondern für die, welche Recht, oder doch am wenigsten Unrecht hat -" "Mein lieber Agathon, ein rechtschaffener Mann muß, so bald er an einem Hofe leben will, sich eines guten Teils von seiner Rechtschaffenheit abtun, um ihn seiner Klugheit zu zulegen. Ist es nicht Schade, daß so viel Gutes, das du schon getan hast, so viel Gutes, das du noch getan haben würdest, bloß darum verloren sein soll, weil du eine schöne Dame nicht verstehen wolltest, da sie dir's so deutlich, daß es der ganze Hof (einen einzigen ausgenommen) verstehen konnte, zu erkennen gab, daß sie schlechterdings—geliebt sein wollte. Doch dieser Fehler hätte sich vielleicht wieder gut machen lassen, wenn du nur gefällig genug gewesen wärest, ihre Absichten auf Dionysen zu befördern. Wolltest du auch dieses nicht, war es denn nötig ihr entgegen zu sein? Was für Schaden würde daraus erfolgt sein, wenn du neutral geblieben wärest? Die kleine Bacchidion würde nicht mehr getanzt haben, und Cleonissa hätte die Ehre gehabt, ihren Platz einzunehmen, bis er ihrer eben so wohl überdrüssig geworden wäre als so vieler andrer. Das wäre alles gewesen. Und gesetzt, du hättest auch die Gewalt über ihn mit ihr teilen müssen; so würdest du ihr wenigstens das Gleichgewicht gehalten, und noch immer Ansehen genug behalten haben, viel Gutes zu tun. Dem Schein nach in gutem Vernehmen mit ihr, würde dir dein Platz, und die Vertraulichkeit mit dem Prinzen tausend Gelegenheiten gegeben haben, sie, so bald ihre Gunstbezeugungen aufgehört hätten, etwas neues für ihn zu sein, unvermerkt und mit der besten Art von der Welt wieder auf die Seite zu schaffen—Aber ich kenne dich zu gut, Agathon; du bist nicht dazu gemacht dich zu Verstellung, Ränken und Hofkünsten herabzulassen; dein Herz ist zu edel, und wenn ich es sagen darf, deine Einbildungs-Kraft zu warm, um dich jemals zu der Art von Klugheit zu gewöhnen, ohne welche es unmöglich ist, sich lange in der Gunst der Großen zu erhalten. Auch kenne ich den Hof nicht, welcher wert wäre, einen Agathon an seiner Spitze zu haben. Das alles hätte ich dir ungefähr vorher sagen können, als ich dich überreden half, dich mit Dionysen einzulassen; aber es war besser durch deine eigne Erfahrung davon überzeugt zu werden. Ziehe dich itzt zurück, ehe das Ungewitter, das ich aufsteigen sehe, über dich ausbrechen kann. Dionys verdient keinen Freund wie du bist. Wie sehr hättest du dich betrogen, wenn du jemals geglaubt hättest, daß er dich hochachte! Woher sollte denen von seiner Art die Fähigkeit dazu kommen? Selbst damals, da er am stärksten für dich eingenommen war, liebte er dich aus keinem andern Grunde, als warum er seinen Affen und seine Papageien liebt—weil du ihm Kurzweil machtest. Seine Gunst hätte eben so leicht auf einen andern Neuangekommenen fallen können, der die Cither noch besser gespielt hätte als du. Nein, Agathon, du bist nicht gemacht, mit solchen Leuten zu leben—ziehe dich zurück; du hast genug für deine Ehre getan. Die Torheit der neuen Staats-Verwaltung wird die Weisheit der deinigen am besten rechtfertigen. Deine Handlungen, deine Tugenden, und ein ganzes Volk, welches deine Zeiten zurückwünschen, und dein Andenken segnen wird, werden dich am besten gegen die Verleumdungen und den albernen Tadel eines kleinen Hofes voll Toren und schelmischer Sklaven verteidigen, deren Haß dir mehr Ehre macht als ihr Beifall. Du befindest dich in Umständen, in einem unabhängigen Privatstande mit Würde leben zu können. Deine Freunde zu Tarent werden dich mit offnen Armen empfangen. Ich wiederhole es, Agathon, verlaß einen Fürsten, der seiner Sklaven, und Sklaven die eines solchen Fürsten wert sind; und denke nun daran, wie du selbst des Lebens genießen wollest, nachdem du den Versuch gemacht, wie schwer, wie gefährlich, und insgemein wie vergeblich es ist, für andrer Glück zu arbeiten."