Ein literarisches Symbol für die menschliche Selbstbefreiung, die der Dichter in den letzten Jahren selbst durchgemacht hatte! Wie Don Sylvio von seiner Schwärmerei für das Wunderbare durch Don Gabriel und Donna Felicia geheilt wird, so befreite sich Wieland in Biberach durch den Verkehr mit dem Grafen Stadion und Sophie la Roche von seiner platonischen Schwärmerei; auch bei ihm siegte die Natur!
Um den Don Sylvio zu kurieren, wählt Don Gabriel das wirksamste Mittel: er sucht den ganzen Feenspuk durch Verspottung ad absurdum zu führen. Diese Karrikatur ist bis zum Schluß folgerichtig durchgeführt, und ich kann Scherers Ansicht, daß Wieland die Feenmärchen verspotte, „um selbst den Eingang in ihre Zaubergärten zu erlangen“ – ein Vorgang also, wie wir ihn etwa bei Hauffs Satire gegen Clauren beobachten – wenigstens für diese Zeit nicht teilen. Wielands spätere romantische Dichtungen beruhen auf ganz anderen literarischen Voraussetzungen, wie der Don Sylvio.
Aus dieser Tendenz des Romans und der kleinen Innenerzählung ergibt sich schon mit Notwendigkeit, daß der Dichter die zu parodierenden Feenmärchen selbst heranziehen und benutzen mußte. Denn darin besteht der Hauptreiz jeder Karrikatur, daß sie die vorhandene Vorlage übertrumpft und überbietet. In der Tat ist denn auch die Geschichte des Prinzen Biribinker ein Meisterstück der Entlehnungskunst, die bei Wieland überhaupt so virtuos ausgebildet ist. Durch mehrere Untersuchungen von Mayer (Vierteljahrschrift für Litteraturgeschichte 5, 374), Tropsch (Zeitschrift für vergleichende Litteraturgeschichte, Neue Folge, 12, 454 und Euphorion, Ergänzungsheft 4, 32), Martens (Untersuchungen über Wielands Don Sylvio, Halle 1901) und Steinberger (Lucians Einfluß auf Wieland, Göttingen 1902) ist in den letzten Jahren die Quellenfrage geklärt und der Einfluß, den neben Cervantes die französischen Feenmärchen und Lucian auf den Don Sylvio im allgemeinen und speziell auf den Biribinker ausgeübt haben, zur Genüge nachgewiesen. Die meisten Namen (wie Padmanaba, Caramussal, Caraculiamborix) und eine Fülle von Motiven und Situationen lassen sich auf die genannten Vorbilder zurückführen. Das literarhistorische Interesse an diesen Entlehnungen würde allein genügen, um der kleinen Erzählung dauernden Wert zu verleihen.
Aber auch was Wieland Eigenes hinzugefügt hat, ist wichtig. Ich meine nicht sowohl die Führung der Erzählung, die witzige Verspottung der unsinnigen Abenteuer des Helden, die in der Tragik seines Namens „Biribinker“ und in dessen Umwandlung in „Cacamiello“ gipfelt, sondern die virtuose Art, mit der die Moral gleicherweise auf den Kopf gestellt wird wie die physischen Gesetze. Eine so beißende und doch graziöse Unterhaltung über die weibliche Tugend, wie sie die schöne Mirabella mit dem Helden unsrer Erzählung führt, war in der deutschen Literatur etwas bis dahin Unerhörtes; und es ist kein Wunder, daß Wielands Freundin Julie v. Bondeli sie ihm verdachte. Seinen Zweck, «de turlupiner certaines femmes, qui osent prétendre au sentiment et ne sont au font que des espèces méprisables», wie er am 16. Juli 1764 an sie schreibt, hat er zweifelsohne ebenso erreicht, wie Hogarth mit seinen Zeichnungen, auf die er sich beruft.
Die „Geschichte des Prinzen Biribinker“ ist endlich deswegen von besonderem Interesse, weil sie Reste eines älteren Planes zu einem verlorenen Roman Wielands herübernimmt, der eine Nachahmung von Lucians Ảλεθὴς Ἱστορία werden sollte. Wieland schreibt darüber am 20. März 1759 an J. G. Zimmermann (Ausgewählte Briefe I, 345): „So bald Sie verlangen, so will ich Ihnen das erste Buch von Lucian des Jüngern wahrhafter Geschichte zusenden. Es ist ein Manuscript, dessen Verfasser der Welt ein Geheimniß bleiben muß. Il y va presque de la tête.“ Am 27. März heißt es vom ersten Buch dieser Geschichte: «il n’est pas encore assez poli, et le second livre n’est pas achevé». Näheres geht aus Wielands Brief an Zimmermann vom 6. April 1759 (Ausgewählte Briefe I, 352) hervor, worin er schreibt: «Si mon plan devoit être exécuté, j’en donnerois III tomes, chacun composé de plusieurs livres et chapitres. Le premier tome seroit le plus extravagant. Le second livre de I. tome, qui fait celui que je vous ai envoyé, contient la description de deux Républiques, le troisième celle d’un Etat d’Abeilles intelligentes, le quatrième celle d’une nation, nommée Pagodes, dont le gouvernement, les mœurs et la religion sont tout ce qu’il y a de plus détestable. Le cinquième contiendra un voyage très-singulier dans le ventre d’une Baleine, avec les aventures merveilleuses et intéressantes, qui arrivent à l’auteur dans cette étrange région.» Wieland bittet Zimmermann um sein Urteil, indem er zugleich das erste Kapitel des Buchs übersendet; obwohl es günstig ausfiel und die Fortsetzung folgte (Ausgewählte Briefe I, 361), hat Wieland doch später das Manuskript vernichtet, infolge einer abfälligen Kritik, die seine Freundin Julie v. Bondeli über derartige Satiren fällte. Nur einiges davon ist später in die Geschichte des Prinzen Biribinker übergegangen, so der Bienenstaat (Seite 14 unseres Neudruckes) und die Begebenheiten im Walfischbauch (Seite 93 ff.).
All diese Gründe rechtfertigen wohl zur Genüge einen Neudruck der witzigen kleinen Satire; es kommt hinzu, daß sie als ein abgeschlossenes Ganzes sich leicht aus dem Rahmen des umfangreichen „Don Sylvio“ herauslösen läßt, wie schon der Umstand beweist, daß bereits der erste Verleger des Wielandschen Romans fünf Jahre nach seinem Erscheinen eine besondere Ausgabe davon veranstaltete. Diesem ersten seltenen Einzeldruck sind wir in der äußeren Einkleidung, bis auf Wiedergabe der Kopf- und Schlußleisten gefolgt und haben dementsprechend die Zwischenreden der handelnden Personen des Romans fortfallen lassen; daß dagegen dem Text selbst die erste Ausgabe von 1764 zugrunde zu legen sei, konnte nicht zweifelhaft sein. Schon der Einzeldruck von 1769 zeigt einige wichtige Abweichungen (z. B. „nicht einmal“ für „nur nicht“ 14,5. 23,16, „weiß“ für „weißt“ 4,4. 70,16. 83,16. 136,22), denen die späteren Ausgaben von 1772 und 1794 so viele sprachliche und stilistische Veränderungen hinzufügen, daß neben ihnen die erste Fassung stets ihre Geltung behaupten wird. Weiter prätendirt unser Neudruck nichts. Sache der großen historisch-kritischen Ausgabe, die von der Berliner Akademie der Wissenschaften unter Bernhard Seufferts Leitung ins Leben gerufen wird, muß es sein, die Veränderungen, die der Dichter während seiner langen schriftstellerischen Tätigkeit an seinen Werken vornahm, zu verzeichnen, damit endlich ein über hundert Jahre alter Wunsch erfüllt werde, den Goethe 1795 in seiner Streitschrift: „Litterarischer Sansculottismus“ aussprach: aufmerksame Bibliothekare möchten eine Sammlung aller Ausgaben von Wielands Werken veranstalten, damit ein verständiger fleißiger Literator aus den stufenweisen Korrekturen dieses unermüdet zum Bessern arbeitenden Schriftstellers die ganze Lehre des Geschmacks entwickeln könne.
Weimar, im Februar 1904.
Dr. Carl Schüddekopf.