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Auf einmahl gähnt im tiefsten Felsengrund
Ihn eine Höhle an, vor deren finsterm Schlund
Ein prasselnd Feuer flammt. In wunderbaren Gestalten
Ragt aus der dunkeln Nacht das angestrahlte Gestein,
Mit wildem Gebüsche versetzt, das aus den schwarzen Spalten
Herab nickt, und im Wiederschein
Als grünes Feuer brennt. Mit lustvermengtem Grauen
Bleibt unser Ritter stehn, den Zauber anzuschauen.
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Indem schallt aus dem Bauch der Gruft ein donnernd Halt!
Und plötzlich stand vor ihm ein Mann von rauher Gestalt,
Mit einem Mantel bedeckt von wilden Katzenfellen,
Der, grob zusammen geflickt, die rauhen Schenkel schlug;
Ein graulich schwarzer Bart hing ihm in krausen Wellen
Bis auf den Magen herab, und auf der Schulter trug
Er einen Cedernast, als Keule, schwer genug
Den größten Stier auf Einen Schlag zu fällen.
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Der Ritter, ohne vor dem Mann
Und seiner Ceder und seinem Bart zu erschrecken,
Beginnt in der Sprache von Ok, der einzigen die er kann,
Ihm seinen Nothstand zu entdecken.
Was hör' ich? ruft entzückt der alte Waldmann aus:
O süße Musik vom Ufer der Garonne!
Schon sechzehnmahl durchläuft den Sternenkreis die Sonne,
Und alle die Zeit entbehr' ich diesen Ohrenschmaus.
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Willkommen, edler Herr, auf Libanon, willkommen!
Wiewohl sich leicht erachten läßt
Daß ihr den Weg in dieses Drachennest
Um meinetwillen nicht genommen.
Kommt, ruhet aus, und nehmt ein leichtes Mahl für gut,
Wobey die Freundlichkeit des Wirths das beste thut.
Mein Wein (er springt aus diesem Felsenkeller)
Verdünnt das Blut, und macht die Augen heller.
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Der Held, dem dieser Gruß gar große Freude gab,
Folgt ungesäumt dem Landsmann in die Grotte,
Legt traulich Helm und Panzer ab,
Und steht entwaffnet da, gleich einem jungen Gotte.
Dem Waldmann wird als rühr' ihn Alquifs Stab,
Da jener itzt den blanken Helm entschnallet,
Und ihm den schlanken Rücken hinab
Sein langes gelbes Haar in großen Ringen wallet.
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Wie ähnlich, ruft er, o wie ähnlich, Stück für Stück!
Stirn, Auge, Mund und Haar!—Wem ähnlich? fragt der Ritter.
"Verzeihung, junger Mann! Es war ein Augenblick,
Ein Traum aus beßrer Zeit! so süß, und auch so bitter!
Es kann nicht seyn!—Und doch, wie euch dieß schöne Haar
Den Rücken herunter fiel, war mir's ich seh' Ihn selber
Von Kopf zu Fuß. Bey Gott! sein Abdruck, ganz und gar;
Nur Er von breit'rer Brust, und eure Locken gelber.
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"Ihr seyd, der Sprache nach, aus meinem Lande; vielleicht
Ist's nicht umsonst, daß ihr dem guten Herrn so gleicht,
Um den ich hier in diesem wilden Haine,
So fern von meinem Volk, schon sechzehn Jahre weine.
Ach! ihn zu überleben war
Mein Schicksal! Diese Hand hat ihm die Augen geschlossen,
Dieß Auge sein frühes Grab mit treuen Zähren begossen,
Und itzt, ihn wieder in euch zu sehn, wie wunderbar!"
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Der Zufall spielt zuweilen solche Spiele,
Versetzt der Jüngling.—Sey es dann,
Fährt jener fort: genug, mein wackrer junger Mann,
Die Liebe, womit ich mich zu euch gezogen fühle,
Ist traun! kein Wahn; und gönnet ihr den Lohn
Daß Scherasmin bey euerm Nahmen euch nenne?
"Mein Nahm' ist Hüon, Erb' und Sohn
Des braven Siegewin, einst Herzogs von Guyenne."
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O! ruft der Alte, der ihm zu Füßen fällt,
So log mein Herz mir nicht! O tausendmahl willkommen
In diesem einsamen unwirthbaren Theil der Welt,
Willkommen, Sohn des ritterlichen, frommen,
Preiswerthen Herrn, mit dem in meiner bessern Zeit
Ich manches Abenteu'r in Schimpf und Ernst bestanden!
Ihr hüpftet noch im ersten Flügelkleid,
Als wir zum heiligen Grab zu fahren uns verbanden.
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Wer hätte dazumahl gedacht,
Wir würden uns in diesen Felsenschlünden
Auf Libanon nach achtzehn Jahren finden?
Verzweifle keiner je, dem in der trübsten Nacht
Der Hoffnung letzte Sterne schwinden!
Doch, Herr, verzeiht daß mich die Freude plaudern macht.
Laßt mich vielmehr vor allen Dingen fragen,
Was für ein Sturmwind euch in dieses Land verschlagen?