„Sey unermüdet in den Arbeiten deines Berufes. Der Beruf eines Studierenden ist ein schöner, edler Beruf. Es sey nun, daß du Rechtsgelehrter, Arzt oder Gottesgelehrter werden wollest — allemal wird das zeitliche oder ewige Wohl deiner Mitmenschen dir anvertraut werden. Es wäre ja wohl schrecklich, wenn du es dir nicht Ernst seyn ließest, deiner Wissenschaft Meister zu werden, und wenn du einst, anstatt zum Glücke der Menschen beyzutragen, aus Unfähigkeit und Unwissenheit nur Unheil stiften würdest. Die Studierjahre sind die Zeit der Saat; benütze diese köstliche Zeit, ehe sie entflieht — sonst ist an keine erfreuliche Aernte zu gedenken. Du hast es in unserm Dorfe gesehen, wie die Landleute sich plagen müssen, wie sie vor Tag aufstehen, Frost und Hitze dulden, und alle Kräfte aufbiethen — nicht nur um sich zu ernähren, sondern um auch die Abgaben zu bestreiten, die zur Unterhaltung der gelehrten Stände nöthig sind. Arbeite also auch unermüdet, um für sie, die so vieles für uns thun, dereinst auch etwas thun zu können, und ihnen nicht zur unnützen Last, sondern zum Segen zu werden.“

„Erlaube dir aber auch zu rechter Zeit eine unschuldige Erholung. Nur laß den sinnlichen Vergnügungen keine Herrschaft über dein Herz. Wer sich von der Sinnlichkeit — von Spiel, Trunk, Tanz und dergleichen — hinreißen läßt, der ist, wenn er auch eben nichts offenbar Böses thut, dennoch ein Sklave seiner Lust — und also ein schlechter Mensch. Der ungeordnete Hang zu sinnlichen Vergnügungen zerstört in unserm Herzen das Gefühl für alles wahrhaft Große, Schöne und Gute, und macht uns unfähig, edlere Vergnügungen zu genießen.“

„O mein liebster Sohn! Vielleicht ist es das letzte Mal, daß du mein Angesicht siehest. Ich bin bald siebenzig Jahre alt und nicht mehr fern vom Grabe. Erfahrung, Welt- und Menschen-Kenntniß wirst du mir nicht absprechen wollen. Und dann — was für einen Gewinn könnte ich davon haben, dir eine Unwahrheit zu sagen? Glaube mir also — und bleibe gut. Denn sieh — wenn du gut bist, so bist du dir gut, und du wirst den Segen davon haben. Könntest du aber je böse werden, so wärest du dir böse, und dein wäre der Schaden, und dich träfe das Verderben. Liebster Karl — bleibe, bleibe gut!“

Der gute, liebvolle Greis nahm nun die letzten zwey Goldstücke, die er noch hatte, aus seinem Pulte hervor. Ach er hatte schon all seine Baarschaft darauf verwendet, mich wohlanständig zu kleiden, und mich mit dem nöthigen Reisegeld zu versehen. Er gab mir diese Goldstücke, die Sie hier sehen und sagte: „Nimm dieses Wenige noch, liebster Sohn, als einen Nothpfenning — und dann hier noch etwas, das mehr werth ist, als alles Gold — das neue Testament! Mehr kann ich dir jetzt, nicht geben. Allein lebe nur so, wie dieses göttliche Buch es uns lehrt, bleibe gottesfürchtig, edel und gut — dann bist du reich genug.“

Hierauf segnete er mich noch mit zitternden Händen und weinenden Augen, schloß mich noch einmal in seine Arme, sagte mir Lebewohl — und ich ging schluchzend und tief gerührt zur Thüre hinaus.

Karl weinte, indem er dieses sagte, aufs neue; auch seiner Mutter und Schwester und den Uebrigen flossen die hellen Zähren über die Wangen. „Dieser Pfarrer, sprach die Mutter, ist wahrhaftig ein sehr — sehr edler Mann. Es ist etwas Großes, sich eines fremden armen Kindes so herzlich und thätig anzunehmen, so viele Jahre hindurch so viele Zeit, Mühe und Kosten aufzuwenden, und so zu sagen noch den letzten Heller hinzugeben, um es zu einem guten und glücklichen Menschen zu erziehen. Doch — nur die christliche Religion kann das menschliche Herz so uneigennützig und wohlwollend machen, alle Menschen auf Erden wie seine nächsten Blutsverwandten mit Liebe zu umfassen.“

Siebentes Kapitel.
Wie Karl hiehergekommen.

Karl schwieg eine Weile und trocknete seine Thränen; dann erzählte er weiter. „Der Kaufmann, der mir den leeren Platz in seinem Reisewagen eingeräumt hatte, ist ein sehr rechtschaffner Mann und ein recht fröhlicher Gesellschafter. Er wußte immer etwas zu sagen, und that alles, mich den traurigen Abschied vergessen zu machen. Bald erzählte er ein artiges Geschichtchen, bald gab er mir Räthsel auf, bald sang oder pfiff er ein munteres Liedchen. Jedes Dorf wußte er mit Namen zu nennen, und in den Städten zeigte er mir die Merkwürdigkeiten, wenn es darin deren einige gab. Etwa drey Meilen von hier mußte ich mich aber von ihm trennen; denn er mußte einen andern Weg einschlagen. Er wünschte mir nun Glück und Gottes Segen zu meinem Vorhaben, ermahnte mich zum Fleiße und zum Vertrauen auf Gott, sorgte noch dafür, daß mein kleines Koffer, das er aufgepackt hatte, durch einen Fuhrmann an Ort und Stelle gebracht werde, schenkte mir ein Goldstück, drückte mir zum Abschied kräftig die Hand und fuhr in seiner Kutsche weiter.

Auch dieser Abschied war mir sehr schwer gefallen. Ich war ja nun von allen bekannten Menschen getrennt! Ich setzte indeß meine Reise zu Fuße fort. Gegen Abend wanderte ich durch den Wald, der dieses Schloß umgiebt. Ich war von der Hitze des Tages und dem weiten Gehen, das ich nicht gewohnt bin, sehr ermüdet. Ich setzte mich daher, um ein wenig auszuruhen, auf einen Rasensitz, den ich unter einem Buchbaum erblickte. Das alte Schloß, das von der Abendsonne vergoldet aus dem waldichten Berge hervorragte, gewährte hier einen unvergleichlich schönen mahlerischen Anblick. Ich nahm ein Blatt Papier aus meiner Brieftasche hervor, und fing an das Schloß abzuzeichnen.

Allein ich mußte die angefangene Zeichnung bald wieder weglegen. Der Untergang der Sonne — die Stille des einsamen Waldes — und die herannahende Nacht erregten sehr wehmüthige Empfindungen in mir! Ein Gefühl von Verlassenheit wandelte mich an. „Ach, dachte ich, die Nacht bricht herein, und ich weiß noch nicht einmal, wo ich übernachten soll! Auf viele Meilen weit rings umher kenne ich keine Seele und komme nun zu lauter fremden Menschen. Mein liebevoller Pflegvater, von dem ich nun schon einige Tagreisen weit entfernt bin, ist bereits sehr alt und vielleicht sehe ich sein ehrwürdiges Angesicht in meinem Leben nicht mehr! Und meine guten Aeltern habe ich kaum gekannt! Ich kann mir meinen Vater nur mehr als Leiche und meine Mutter in schwarzen Trauerkleidern und mit roth geweinten Augen denken.“