„Auch der Ort, an dem wir dieses Kind und seine Aeltern erblicken, die arme Krippe und der dürftige Stall, sind nicht ohne Bedeutung. Der Mensch bedarf keines Palastes, um hier auf Erden seine Bestimmung zu erreichen. Er kann in der elendesten Strohhütte zufrieden leben und selig sterben. Wir erblicken in dem Stalle nur Armuth und Mangel. Allein um wahrhaft glücklich, aller wahren Ehre würdig und von ächtem Menschenadel zu seyn, braucht der Mensch weder Sammet noch Seide, weder Gold noch Silber. Gerade im Wichtigsten hat Gott keinen Unterschied unter den Menschen gemacht. Ein armer Stall beherbergt hier die heiligsten, die seligsten, die ehrwürdigsten Menschen, die je auf Erden gelebt haben.“
„Doch — meine Kinder, was ich euch bisher gesagt habe, ist für uns wohl sehr erfreulich und tröstlich. Allein es gilt nur von dem Menschlichschönen dieser Geschichte. Die göttliche Abkunft und die hohe Bestimmung dieses göttlichen Kindes ist erst das Allerwichtigste. Denn Jesus Christus, der menschgewordene Sohn des Allerhöchsten, ist in diese Welt gekommen, die Menschen, die von Gott und ihrer ursprünglichen Würde abgefallen und deßhalb verloren waren, zu retten. In Ihm erschien uns die Menschenfreundlichkeit Gottes sichtbar; in Ihm erblicken wir Gott in Menschengestalt. Er ward zwar in tiefster Armuth geboren, lag als ein Kind in einer Krippe, hatte in dieser Welt nicht so viel Eigenes, wo er nur sein Haupt hinlegen konnte, und starb gleich einem Uebelthäter am Kreuze. Allein ohne alle irdische Hülfsmittel, ohne Reichthümer und bewaffnete Macht, hat Er durch seine göttliche Weisheit, Liebe und Allmacht die Gestalt der Erde verändert, das Menschengeschlecht erleuchtet, veredelt, dem Verderben entrissen — und so seine göttliche Abkunft bewährt. Darauf wird in diesem Gemälde, so wie in der Geschichte, sehr schön gedeutet.
Seht, ringsumher ist es Nacht; tiefes Dunkel deckt die nächtliche Gegend; nur das Licht, das von dem göttlichen Kinde ausgeht, erhellt alles mit seinem Glanze. So bedeckten bey der Geburt Jesu die Finsternisse der Unwissenheit und des Heidenthums die Erde; in Jesus Christus ist aber der Welt ein Licht aufgegangen, das jeden Menschen erleuchtet, der in die Welt kommt. Die Menschen waren in Sünde und Laster versunken, viele glichen an Rohheit — den Thieren des Stalles; manche hatten sich durch Lasterhaftigkeit sogar unter das Vieh herabgewürdigt; allein durch Christus wurden alle, die wahrhaft an Ihn glaubten, zu besseren Menschen, zu Heiligen, zu Engeln in Menschengestalt neu umgeschaffen. So unwissend und sündig die Menschen waren, so elend waren sie auch. Allein seht, wie selig sind schon die Menschen, die seine Krippe umgeben und sich seiner Geburt freuen! Maria, Joseph, die Hirten fühlen im Anblicke des neugebohrnen Erlösers sich über allen Erdenjammer erhoben. Er, der in die Welt gekommen, die Menschen von allem Elende zu erlösen, ihnen wahre Freude und den göttlichen Frieden vom Himmel zu bringen, machte schon bey seiner Geburt damit den Anfang. Die Worte des Engels erschallen noch immer an alle Menschen: „Ich verkünde euch große Freude; es ist euch ein Erlöser geboren, der da ist Christus, der Herr.“
Zu Ihm steht jedem Menschen der Zutritt offen. Er offenbarte sich zuerst armen, einfältigen Landleuten — den Hirten, auch seine Mutter ist arm, sein Nährvater ein Handwerker, der mit harter Arbeit sein Brod erwirbt. Schon bey der Krippe Jesu wird uns gezeigt, daß Reichthum, hoher Rang und Erdenweisheit vor Ihm nichts gelten. Er will nur Menschen um sich sammeln, die eines guten Willens sind, wie Maria, die heiligste Jungfrau, wie Joseph, der Gerechte, wie die Hirten, diese frommen Männer voll Gottesfurcht und Rechtschaffenheit. Doch weiset Er auch den größten Sünder nicht zurück, der seine Sünden bereut und sich ernstlich bessern will. Darauf deutet schon der Namen des göttlichen Kindes. Deßwegen verkündete der Engel Marien den göttlichen Befehl: „Ihm sollst du den Namen Jesus geben!“ Deßhalb wiederholte er diesen Befehl dem Joseph: „Jesus, das heißt Erlöser, sollst du Ihn nennen, denn Er wird sein Volk von Sünden erlösen.“ Das sündige Menschengeschlecht sollte sein Volk, ein heiliges Volk Gottes werden. Deßwegen sehen wir über der Krippe Jesu den offnen Himmel. Er wollte den Menschen den verschlossenen Himmel wieder öffnen, ein Himmelreich auf Erden gründen, und so Himmel und Erde wieder vereinigen. Darüber freuen sich die heiligen Engel Gottes, jubeln und frohlocken, preisen Gott in der Höhe und wünschen den Menschen Glück zu dem Heile, das Ihnen durch Christus bereitet ward.“
Was uns bey der Krippe Jesu verkündet wird, das hat Jesus Christus erfüllt, so große Hindernisse Ihm auch der Unglaube und die Hartnäckigkeit der Menschen entgegen setzte; an so vielen seine Geburt und sein Tod verloren war. Er gründete ein Himmelreich auf Erden, und sein Werk bestand. Manche Welteroberer stifteten indessen Weltreiche; allein sie überlebten ihre Reiche nicht lange, oder sahen wohl noch lebend sie in Trümmer zerfallen. Das Reich Jesu allein — das wahre Christenthum — breitete sich immer weiter aus und bestand bis auf diese Stunde. Ganze Völker kamen zum Glauben an Ihn und Könige zierten ihre Kronen mit seinem Kreuze. Die alten heidnischen Gräuel, Menschenopfer und dergleichen, verschwanden aus den christlichen Ländern der Erde. Eine Menge von Tempeln und Kirchen erhoben sich, in denen der wahre Gott angebethet und göttliche Wahrheit gelehrt wird. Unzählige Schulen, Armenanstalten, Krankenhäuser kamen durch die christliche Liebe zu Stande. Wie viele Kinder, Arme und Kranke müßten ohne diese milden Stiftungen in Unwissenheit, Lasterhaftigkeit und Elend umkommen! Millionen von Menschen haben im Glauben an Christus Beruhigung über begangene Sünden gefunden, und sind durch Ihn edle Menschen geworden. Und noch jetzt, so sehr auch der Unglaube und das Verderben über Hand nehmen, schlagen Ihm unzählige Herzen und finden in Ihm Trost in Noth und Tod. Noch immer wird das Evangelium, die Freudenbothschaft von Ihm, den Heiden verkündet, und wilde Völker bekehren sich zum Glauben an Ihn, freuen sich der himmlischen Wahrheit und nehmen sanftere Sitten an. Der Geburtstag Jesu ist daher der wichtigste Tag in der Weltgeschichte, und mit Recht fingen die weisen Alten von diesem Tage eine neue Zeitrechnung an. Jede Jahrszahl soll uns daran erinnern, der Geburtstag Jesu sey der Geburtstag des Lichtes und Heiles für alle Menschen, die Ihm Augen und Herzen öffnen wollen — der Geburtstag des wahren Menschenglückes, der Erleuchtung und Veredlung des Menschengeschlechtes. Laßt uns denn, meine Kinder, an diesem Abende und am morgigen Tage dem Erlöser aufs neue huldigen und in den Lobgesang der Engel mit einstimmen.“
So sprach der Förster; die Försterin sagte gerührt: „Ja, Kinder, das wollen wir! Das schöne Gemälde, das Anton uns schickte, ist das schönste Weihnachtsgeschenk, das Anton oder irgend ein Mensch — ja wohl ein Fürst! — uns hätte machen können. Die Andacht, mit der Ihr die frommen Bemerkungen eures Vaters angehört habt, ist die schönste Weihnachtsfeyer, mit der wir den heiligen Abend feyern können. Wir wollen das Heil, das uns Gott durch den neugebornen Heiland bereitete, dankbar annehmen. Dann ist der Geburtstag des Erlösers auch der Geburtstag unsers Heils.“
Sechstes Kapitel.
Widerwärtige Schicksale des Försters.
Der treffliche Förster hatte mit den Seinigen seit Antons Abreise mehrere Jahre in Ruhe und Zufriedenheit verlebt. Seine Kinder waren erwachsen; der Sohn ein rüstiger junger Mann, die Töchter blühende Jungfrauen; alle sehr gut erzogen und von untadelicher Aufführung. Allmählig empfand der gute Vater aber die Beschwerden des herannahenden Alters. Er war darauf bedacht, seinen Dienst dem Sohne abzutreten. Der Fürst des Landes besuchte jährlich im Herbste auf einige Tage das fürstliche Jagdschloß Felseck; denn die Jagd war ihm bey seinen vielen Geschäften immer einige Erholung. Er war ein sehr leutseliger Herr; jeden seiner Unterthanen, auch den Geringsten, hörte er liebreich an und redete freundlich mit ihm. Als der Fürst wieder auf dem Jagdschlosse angekommen, und die Jagd in dem Walde des alten Försters besonders gut ausgefallen war, näherte sich ihm der Fürst, klopfte ihm sehr zufrieden auf die Schulter und sagte: „Nun wie gehts, mein lieber Förster?“
„Eure Durchlaucht, sprach der Förster, diesen alten Schultern will die Last des Tages zu schwer werden; ich wünsche sie jüngern Schultern übertragen zu dürfen.“ „Nun, sprach der Fürst, doch wohl Eurem Sohne, dem Christian dort? Er ist ein braver Jäger, und, was ich ohne Vergleich mehr schätze, ein sehr guter Forstmann. Die Waldungen sind, wie ich auf der Jagd gar wohl bemerkte, im besten Zustande. Verlaßt Euch darauf; kein Anderer bekommt den Dienst. Er mag ihn auch einstweilen versehen. Indeß ist mirs lieb, wenn Ihr noch eine Zeit die Oberaufsicht und den Förstertitel beybehaltet. Auch die besten jungen Leute werden leicht übermüthig und nachläßig, wenn ihr Rockkragen zu frühe mit goldenen Börtchen verbrämt wird. Es ist mein und Euer Vortheil, wenn Ihr noch eine Zeit Förster bleibt.“
Der Förster bezeugte dem Fürsten für die gnädige Zusicherung seinen Dank, und sagte dann: „Es ist aber noch ein anderer Umstand dabey. Mein Sohn könnte sich eben jetzt gut verheirathen — mit der Tochter meines Jugendfreundes, des längst verstorbenen Försters Busch. Das Mädchen hat erst kürzlich auch ihre Mutter verloren, und weiß nun nicht wohin. Sie ist arm — aber sehr fromm, fleißig und die lautere Unschuld, Güte und Bescheidenheit.“ „Nun wohl, sprach der Fürst; ich lobe es sehr, daß ein braver Mann bey seiner Wahl mehr auf Unschuld und Tugend, als Geld und Gut sehe. Ich gebe ihm die Erlaubniß zu heirathen mit Vergnügen — und die Anwartschaft auf den Försterdienst dazu. Ich werde sogleich Befehl geben, damit das Dekret ausgefertigt werde.“