Denn sieh, den liebsten Sohn hat Gott
Zum Heiland dir gegeben!
Auf Ihn vertrau’ und fasse Muth,
Was schlimm ist, macht Er wieder gut;
Er liebt dich wie sein Leben.
Jetzt war es wieder stille; nur klangen noch wie ein leiser Wiederhall einige sanfte Harfentöne nach. Dem guten Anton wurde es wunderbar um das Herz. „Ach, sagte er, so muß es den Hirten zu Bethlehem gewesen seyn, als sie in jener heiligen Nacht den himmlischen Gesang vernahmen. Ich will wieder frischen Muth fassen und fröhlich seyn. Sicher wohnen gute Menschen in der Nähe, die sich meiner annehmen; denn ich hoffe, daß sie nicht nur so schön singen, wie Engel, sondern auch so gut und freundlich gesinnt seyen, wie die Engel!“ Er nahm sein Bündelein, und ging die Anhöhe hinauf — der Gegend zu, woher er den lieblichen Gesang vernommen hatte. Kaum war er einige Schritte durch das Gebüsch gegangen, so glänzte ihm ein heller Lichtstrahl entgegen, der sogleich wieder verschwand, über eine Weile aber wieder erschien, dann wieder auf einige Augenblicke verschwand, dann wieder heller glänzte, und so wechselweise. Anton ging freudig vorwärts, und kam an ein Haus, das einsam im Walde stand. Er klopfte zwei, drey Mal an der Hausthüre; er hörte wohl mehrere fröhliche Stimmen in dem Hause, aber niemand antwortete ihm. Er versuchte nun die Thüre zu öffnen; sie war nur mit der Thürschnalle geschlossen. Er ging hinein, tappte lange in dem dunkeln Hausgange umher, und suchte die Stubenthüre. Endlich fand er sie, machte sie auf — und blieb höchst erstaunt stehen. Ein heller Glanz von mehrern Lichtern strahlte ihm entgegen. Es war ihm nicht anders, als blickte er in das Paradies, in den offnen Himmel.
In der Ecke der Stube, zwischen den zwey Fenstern, war eine überaus schöne Frühlingslandschaft ganz nach der Natur im Kleinen abgebildet — eine gebirgige Gegend mit hohen bemoosten Felsen, grünenden Tannenwäldern, ländlichen Hütten, weidenden Schafen, nebst ihren Hirten, und einer kleinen Stadt oben auf dem Berge. In der Mitte der Landschaft war aber eine Felsenhöhle — da sah man das Kind Jesu — die heilige Mutter — den ehrwürdigen Joseph — die anbethenden Hirten, und oben schwebten die jubelnden Engel. Die ganze Landschaft flimmerte von einem wundersamen Glanze; sie war wie mit unzähligen winzig kleinen Sternlein besät, so wie etwa Laub und Moos an Bäumen und Felsen schimmern, wenn sie an einem Frühlingsmorgen von reichlichem Thaue tröpfeln.
Die Einwohner des Hauses waren um die schöne Vorstellung des Kindes Jesu in der Krippe versammelt. An einer Seite saß der Vater und hatte eine Harfe zwischen den Knieen stehen; an der andern Seite saß die Mutter mit dem kleinsten Kinde auf dem Schooße. Zwey liebliche Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, standen zwischen den beyden Aeltern, blickten andächtig zur Krippe des Heilandes hinauf und erhoben die Hände gleich den frommen Hirten, die vor der Krippe knieten. Jetzt griff der Vater wieder in die Harfe und die Mutter sang mit ihrer lieblichen Engelsstimme noch einmal das Lied, von dem Anton jene Worte gehört hatte. Die zwey Kinder sangen mit ihren zarten, hellen Stimmchen freudig mit, und der Vater begleitete den Gesang mit seiner angenehmen Baßstimme und dem lieblichen Harfenspiel. Sie sangen:
Vor Dir, Du holdes Himmelskind,
Dem Gottes Engel dienstbar sind,