Dort ew’ge Kronen.
Jedes Kind gab sich alle Mühe, sein Reimlein zu merken, und wiederholte es in der Stille immer bey sich selbst, um es nicht zu vergessen.
Die Frau fragte nun in der Reihe herum, ob jedes sein Sprüchlein noch wisse. Hie und da mußte sie ein wenig nachhelfen. Aber bald wußte jedes Kind das seine schön und deutlich zu sagen. Ja viele merkten auch die Reimlein der übrigen. Nach und nach wußte fast jedes Kind alle Reime auswendig. Wenn man nur das erste Wort nannte, so wußten sie fast allemal das Sprüchlein bis ans Ende zu sagen. Und wenn man die erste Hälfte sagte, so wußten sie die zweyte ganz sicher. So viel auf einmal, und so leicht, unter Lust und Lachen, hatten die Kinder noch nie gelernt.
Die Väter und Mütter und die andern Kinder, die indes nach Hause gekommen waren, und den lauten Jubel, der in das Thal hinabscholl, vernahmen, eilten herauf, zu sehen und zu hören, was es denn gebe, und waren ganz erstaunt. „So viel,“ sagten sie, „lernen ja die Kinder zu Hause kaum in einem halben Jahre auswendig, als hier in einer halben Stunde. Es bleibt doch wahr, Lust und Lieb zu einem Ding, macht alle Müh und Arbeit gering.“ „Aber den Kindern Lust zu machen, sagte der Müller, das ist das Kunststückchen. Da steckts! — Das heißt einmal viel gelernt. Das ist ja eine ganze Sittenlehre für Kinder im Kleinen. Wie die Frau doch mit Kindern umzugehen weiß!“
Die Frau beschenkte nun auch die übrigen Kinder mit bunten Eyern und mit Kuchen, und sagte noch zu allen: „Die gefärbten Eyer mögt ihr zu Hause essen; und die mit dem Sprüchlein, müßt ihr zum Andenken aufbewahren.“ „Die essen wir freylich nicht!“ sagten die Kinder. „Die heben wir auf. Das Sprüchlein ist ja mehr werth, als das Ey.“ „Das ist’s wahrhaftig,“ sagte die Frau, „wenn ihr das befolgt, was es euch lehrt.“
Sie ermahnte die Aeltern nun, die Kinder bey guter Gelegenheit an die Sprüchlein zu erinnern. Die Aeltern thatens. Wenn ein Kind nicht sogleich auf das Wort folgen wollte, erhob der Vater den Finger und sagte: „Ein gutes Kind —“ und das Kind sprach: „gehorcht geschwind!“ und gehorchte dann auch geschwind. Wenn ein Kind Miene machte, zu lügen, sprach die Mutter: „Wer Lügen spricht —“ „dem glaubt man nicht!“ fuhr das Kind fort, erröthete und schämte sich zu lügen. Und so machten die Aeltern es auch mit den übrigen Reimen.
Die Kinder sagten noch gar oft, in ihrem Leben hätten sie keinen so vergnügten Tag gehabt. „Nun,“ sagte die Frau allemal, „so thut nur fleißig, wie es in den Sprüchlein heißt, und dann gebe ich euch alle Jahre ein solches Eyerfest. Wer aber böse ist und nicht folgt, darf nicht dazu kommen. Denn es soll nur ein Fest für gute Kinder seyn.“ O, wie da die Kinder im Thale so gut und so folgsam wurden!
Fünftes Kapitel.
Ein Paar Eyer — mehr werth, als wenn sie von Gold wären.
Unter den Zuschauern, die dem kleinen Kinderfeste beywohnten, hatte die Frau einen fremden Jüngling bemerkt, der in dem Kreise fröhlicher Menschen ganz traurig dastand. Der Jüngling mogte etwa im sechzehnten Jahre seyn. Er war nur sehr ärmlich gekleidet, allein von einem sehr edlen Aussehen und von einer blühenden, unverdorbenen Gesichtsfarbe; seine schönen gelben Haare hingen bis auf die Schultern herab, und in der Hand hatte er einen langen Wanderstab.
Nachdem sich die meisten Zuschauer zerstreut hatten, fragte ihn die Frau voll Mitleids, warum er denn so traurig sey. „Ach, sprach der Jüngling, und die hellen Thränen standen ihm in den Augen, mein Vater, der ein Steinhauer war, ist erst vor drey Wochen gestorben. Meiner Mutter geht es nun mit meinen zwey kleinen Geschwistern, einem Knaben und einem Mädchen, sehr hart. Mich will der Bruder meiner Mutter annehmen, und mich das Handwerk des Vaters, das er auch treibt, lehren, damit ich die Mutter erhalten und mich in der Welt fortbringen könne. Zu diesem reise ich jetzt. Ich komme schon zwanzig Stunden weit her und habe fast noch so weit zu gehen. Denn der Vetter wohnt weit hin in einer andern Gegend des Gebirges.“