Endlich, die Sonne ging schon nach Westen zu, langten sie an dem Häuschen an. Schlupps sprang herunter, nahm der Frau das Kind ab, das eingeschlafen war, und trug es in’s Haus. Sie konnte nicht genug Worte des Dankes finden und bat ihn dringlich, bei ihr Rast zu halten und ihrem Heim nicht die Ruhe zu rauben, holte Brot und Ziegenkäse herbei und bat ihn, fürlieb zu nehmen.

»Wüßt’ ich nur, wie ich Eure Guttat vergelten kann,« überlegte sie. »Wart’, ich hab’s. Geduldet Euch eine Weile; ich bin bald zurück.«

Als sie fort war, untersuchte Schlupps das Zimmer, in dem alles vom Einfachsten war. Tische und Bänke waren aus sauber gescheuertem Tannenholz, die bunte Truhe barg für jeden der Eheleute ein Gewand und auf dem Sims über der Ofenbank lag in ein sauberes Tuch geschlagen die Bibel. Die nahm der Bursche rasch herunter, schlug sie auf, blätterte darin und legte zwischen die Seiten je ein Goldstück, so daß jetzt das heilige Buch nicht nur mit goldener Rede, sondern auch mit goldener Münze gespickt war. Dann legte er das Buch wieder an seinen Platz und setzte sich an den Tisch. »Hier nehmt,« sagte die Frau noch außer Atem, »bin ein bischen rasch die Kellertreppe hinuntergesprungen. Hab mich besonnen, daß unten ein Fläschchen alten Weines liegt, den der Herr Graf meinem Manne geschenkt hat, als er krank war. Ich bitt’ Euch, erweist mir die Gefälligkeit und nehmt’s. Wir sind so etwas doch nicht zu trinken gewohnt. Es ist mir nur arg, daß ich denk, Ihr müßt so heimatlos umher ziehen und habt nicht Weib und Kind und keine Mutter, wie Ihr mir sagtet. Nehmt’s mit, und wenn Ihr draus trinkt, vergeßt nicht mein Kind und mich. Sagt mir auch Euren Namen, daß ich Euch in mein Gebet einschließen kann.«

Dem Gesellen war es ungewohnt, seinen richtigen Namen zu nennen und er sagte langsam: »Heinz Kurzweil.« Dann nahm er das Fläschchen, das eine absonderliche Form hatte, platt und breit war, so daß er es in eine Tasche seines Kittels stecken konnte.

»Ich danke Euch,« sagte er und reichte ihr die Hand. »Bleibt gesund beieinand, und wenn einmal ein armer Handwerksbursch oder sonst ein Heimatloser bei Euch anklopft, dann seid gut zu ihm.«

»Das will ich wohl,« beteuerte sie, »und jetzt hab ich noch eine Bitte an Euch, Heinz. Laßt mich Euch segnen, wie Euch Eure Mutter gesegnet hätte.« Da kniete der Bursche nieder, und die junge Frau legte ihm die Hände auf das Haupt, sprach ein Vaterunser und fügte eine Bitte um sein Wohlergehen hinzu, und Heinz war es, als sei er wieder ein klein Kind, das daheim im Bettchen läge, von Mutterliebe betreut. Denn allen Mutterhänden ist ein Zauber eigen, und wenn sie einem Menschen die Stirn berühren, sieht er die Kindheit wieder auferstehen, wo er auch immer sei.

»Lest nur fleißig in der Bibel,« sagte der Bursche beim Abschied. »Denn Gottes Wort ist eitel Gold,« bestieg seinen Wagen und fuhr weiter, die Landstraße hinab in die ferne Welt.

Unter der Linde

Die Dunkelheit brach herein und er beschloß, nach Nachtlager auszuspähen; da hörte er helle Töne, fuhr zu und kam in ein Dorf. Unter der großen Linde geigten drei Fiedler; Burschen und Mädchen schwenkten sich im Tanz und stießen helle Jauchzer aus. Schlupps war nicht froh zu Sinn, sein Herz stand ihm nicht nach Lustigkeit, und er bog seitab, um seine Rößlein am Bache zu tränken. Da sah er auf einem Weidenstumpf zwei Menschen zusammengekauert hocken, einen silberhaarigen Greis und ein Weiblein. Sie hielten die Hände um die Kniee geschlungen, und aus den trüben Augen tropften schwere Tränen langsam über die Wangen herab. Erstaunt trat Schlupps näher; denn wenn ihm etwas arg schien, so war es der Anblick von Kummer und Sorge, und die beiden Huzzelchen sahen so kläglich aus, daß es ihm in die Seele schnitt.

»Was fehlt Euch, Großvater?« fragte er und legte dem Alten die Hand auf die Schulter. Der schüttelte traurig das Haupt, ohne zu antworten; das Weiblein aber heftete den Blick auf den Frager und wies dann stumm hinüber nach der Linde, von wo das Jauchzen erscholl. Jetzt stand Schlupps ratlos und wußte nicht, was er aus der Antwort machen sollte. Er nahm sich aber zusammen, um seine Verlegenheit nicht merken zu lassen und meinte: »Weiß schon, was Euch fehlt; denn ich bin ein vielgereister Mann, der als Arzt gar berühmt ist und manchem geholfen hat, der schon meinte, es wäre Matthäi am letzten. Fasset Vertrauen und beichtet mir, was Euch härmt.«