So glaubte der Schneider, der neue Kunde habe das Einfachsein über und wolle jetzt so daher kommen, wie es sich für seinen Stand schicke und sprach darum: »Ihr kommt zu gelegener Zeit, Herr. Ein junger Graf hatte bei mir zwei Kleider bestellt, eines für jeden Tag aus braunem Tuch, sauber und schön gemacht, und eines für Feste, aus dunkelrotem Sammet mit Barett und Feder. Er gab mir den Stoff dazu, den er weit her aus Italien hatte kommen lassen. Da schickte ihn des Kaisers Majestät mit einem Auftrag fort, hin zum türkischen Sultan in wichtiger Botschaft, und so schnell mußte die Reise vor sich gehen, daß mein Herr Junker die Kleider nicht abwarten konnte.« »Muß ihm sehr arg gewesen sein,« wandte Schlupps ein. »War nicht so schlimm für ihn. Bedeutete es doch ein ehrenvolles Amt, und des Kaisers Gnaden hatten ihn hinlänglich mit Geld versehen, daß er sich anderen Ortes kaufen konnte, was sein Herz begehrte. So ließ er mich rufen und sagte: ›Meister, ihr habt mich immer gut bedient und wenn ich Euch nicht zahlen konnte, nie gemahnt und gedrängt; auch manchmal die Kreide auf der Schuldtafel gespart. So behaltet die Stoffe. Ich schenke sie Euch. Könnt sie wohl gelegentlich verwerten. Weil aber die Kleider schon nach seinem Maß zugeschnitten waren, machte ich sie fertig. Er ist Eures Wuchses, und es könnte sein, daß Euch beide Gewänder passen. Wollt einmal probieren.‹«

Und siehe da! Sie saßen wie angegossen, und Schlupps beschloß, sie zu kaufen, da der Meister einen mäßigen Preis dafür forderte. »Kommt bald wieder, Herr,« bat der Schneider. »Und verzeiht, wohin soll ich Euch Euer altes Gewand und das Sammetkleid senden, da Ihr das braune gleich anzieht?« »Sendet es in das Gasthaus zum goldenen Lamm,« sprach Schlupps, »und laßt sagen, es sei für Junker Pfiffig.«

Er zahlte seine Rechnung und ging fort. Der Meister sah ihm staunend nach, wie er dahin schritt, den Kopf hoch, daß er über alle Menschen hinwegschauen konnte und den Gang gar leicht, als sei er gewohnt, zu tanzen statt zu schreiten. »Muß etwas ganz besonderes sein,« dachte der Nadelkünstler. »Vielleicht ein Königssohn und der Name Pfiffig war angenommen. Gibt es doch Menschen, denen sieht man trotz allem das Königsein an, die mögen sich verstellen wie sie wollen. Einmal bricht es hervor und dann staunen alle, daß sie den für einen gewöhnlichen Menschen und ihresgleichen gehalten haben, der doch so hoch über ihnen steht.« Und der Meister fädelte seine Nadel ein, kletterte auf seinen Tisch und überlegte weiter; denn das Handwerk, das er betrieb, machte ihn gar nachdenklich und sinnig. Kam er doch mit vielerlei Leuten zusammen, hatte gelernt, das Kleid vom Menschen zu scheiden und wußte wohl, daß, wenn es außen oft gleißte und glänzte, der Grund nicht immer feines Linnen war, sondern grob Gewebe mit Knoten, Fehlschlägen und Webfehlern.

Junker Pfiffig aber ging langsam durch die Gassen und sah mit offenen Augen alles wohl an. Er trat bei einem Barbier ein, ließ sich von dem Schaumschläger Bart und Kopfhaar zurecht stutzen und wunderte sich selbst, als er in dem Spiegel sah, wie wohlgestaltet er war. Das schwarze Gelock, das auf seine Stirn fiel, glänzte vom Bürsten und Striegeln, und es schien ihm, als ähnele er dem Bilde, das der fremde Maler ihm geschenkt hatte.

»Kommt bald wieder, Junker,« sagte der Barbier, als er ihm die Tür öffnete. »Seid Ihr hier fremd, so rate ich Euch, unser Rathaus zu besuchen, das gar schön gebaut und weit berühmt ist. Heut ist Gerichtstag. Da darf jeder hineingehen und zusehen.« »Das will ich tun. Seid bedankt für Euren Rat,« nickte der Junker Pfiffig höflich. Es kam ihm vor, als habe er mit dem andern Kleid einen anderen Menschen angezogen, denn er hatte Freude an allem, was schön war. Fühlte er sich in jedem Kleide heimisch und bei sich, so schien ihm das neue Gewand wie ein Haus, das eigens für ihn gebaut und gefertigt war. Er schritt hinüber zu dem Stadthause mit den vielen Türmchen und spitzbogigen Hallen. Da sah er in der Tür eine Frau stehen, die ihre rechte Hand vor die Augen hielt und heimlich Tränen abwischte. »Was fehlt Euch, gute Frau?« sagte er und seine Stimme klang so gewinnend, daß die Verzagte Mut faßte und leise zu erzählen anhub: »Ach Herr, vielleicht könnt Ihr mir helfen. Ihr scheint gar vornehm und mächtig. Ich habe einen Prozeß mit meinem Nachbar, dem Grundbauer, um einen Acker, den einzigen, den ich besitze. Der Nachbar behauptet, daß mein Mann ihm auf dem Totenbette den Acker verkauft hätte für die Beerdigungskosten. Wie mein Hans gestorben war, kam der Grundbauer zu mir, sagte: er wolle für das Begräbnis Sorge tragen und alles so machen, wie es bei armen Häuslersleuten Sitte wäre. Ich vermeinte, er täte es aus Nächstenliebe und um Gottes Willen, dankte ihm sehr und lobte ihn vor den Leuten, ob seines guten Herzens, und jetzt macht er es mir so. Glaubt mir, Herr, mein Hans ist nie eine Minute allein gewesen, als es zum Sterben kam und der Handel abgeschlossen sein soll.«

»Aber der Richter muß Euch doch Euer Recht geben,« ereiferte sich Schlupps. »Ach, das ist es gerade. Jetzt weist der Bauer eine Schrift auf, und drei Kreuze stehen darunter. Kommt mit herein, seht, wie es zugeht. Unsereins darf nichts sagen, sonst kommt er wegen Verläumdung in den Turm.«

»Geht nur hinein, gute Frau. Ich werde schon kommen; aber tut nicht, als ob Ihr mich kennt.«

Als nun die Verhandlungen begannen, sah Junker Pfiffig auf dem Richterstuhl einen Mann sitzen, mit großer Perücke, eine Brille auf der Nase, daß man die Augen nicht sah; um den Mund hatte er zwei tiefe Falten, die sich ausnahmen, als habe der Teufel sie mit seinem Pfluge gefurcht und Bosheit und Tücke hineingesäet. Seine Hand war lang, die Finger so spitz wie Krallen.

Er winkte und der Bauer hub an zu erzählen, wie der Handel sich zugetragen, den er, während Margret in der Küche war, mit dem Hans abgeschlossen haben wollte. Dabei klimperte der dicke, schwere Mann immer mit der Geldkatze, die er umgeschnallt hatte, und sah den Richter schmunzelnd an. Da spitzte er die Ohren, denn wenn er sich auf Flöten und Geigen auch gar wenig verstand, so klang die Musik des Bauern ihm doch lieblich in die Ohren.

Dann frug er Margret barsch, was sie zu sagen habe und gebot ihr, sich kurz zu fassen und sich zu hüten, den Grundbauern einer unlautern Tat zu beschuldigen; denn das bliebe nicht ungeahndet. Dann frug er auch, ob sie Zeugen für ihre Erzählung habe. Die arme Frau sah erschreckt um sich. Da fiel ihr Blick auf den Junker im braunen Gewande, der unweit auf einer Bank saß und ihr heimlich zunickte. Sie faßte Mut, erzählte, wie alles gewesen und schloß mit der Bitte, ihr zu ihrem Rechte zu helfen.