Hervor trat der erste Prinz. Es war ein dürres Männchen; die spärlichen Haare bedeckte eine hohe Mütze, an der bunte Bänder herunter hingen. Sein Kleid prangte in bunten Farben und seine spitzen Hackenschuhe erregten das Verwundern der Mädchen und Frauen. Er legte die rechte Hand auf die Brust, verneigte sich vor der Prinzessin, nickte grüßend zu dem Volke hinüber und sagte mit krähender Stimme: »Herr Kanzler! Ich bin ein Königssohn. So habe ich meinen Ministern Auftrag gegeben, das Wort für mich zu finden. So viel sie nachdachten, sie konnten es nicht ergründen. Da gab mir mein Hofnarr vor der Fahrt einen Zettel und riet mir, ihn erst hier, wenn ich vor der liebwerten Prinzessin stehe, zu öffnen. So gestattet, daß ich Euch das Wort künde.« Er faltete das Blättchen auseinander und las mit stockender Stimme:
»Albern – dalbern. Albern – dalbern.«
Der Kanzler schüttelte das Haupt: »Es tut mir leid, Prinz. Doch das ist nicht das Rechte.«
Der Königssohn wurde blaß, drehte sich um und verließ eiligen Schrittes den Platz.
An seine Stelle trat ein hochgewachsener Mann, der Königssohn von Südland. Er neigte leicht das Haupt vor der Prinzessin, warf keinen Blick auf die Menge und sagte kurz und mit harter Stimme:
»Das Wort heißt: Duck dich. Duck dich!«
»Falsch, Herr Prinz!« rief der Kanzler, froh, den Hochmütigen nicht zum König krönen zu müssen. Wütend riß der das Schwert aus der Scheide und wollte sich auf den Kanzler stürzen, doch rasch hatten die Wachen sich seiner bemächtigt und führten ihn ab.
Jetzt trat der Dritte hinzu. Mit süßem Lächeln grüßte er die Prinzessin, die entsetzt auf ihn blickte, denn sein faltiges, gelbes Gesicht trug einen listigen, unheimlichen Ausdruck. Er drehte sich zu dem Volke, breitete die Arme aus, als wolle er es segnen und reichte dann dem Kanzler die Hand. »Wohl dem Lande, das einen solchen Wächter hat,« rief er. »Ihr seid der Mann, den ich mir zur Seite wünsche. Mit Euch gemeinsam wollte ich das Land regieren, daß es eine Lust ist. Das Wort, das Ihr sucht, ich habe es gefunden, und Ihr, Herr Kanzler, werdet mir bestätigen, daß es das Rechte ist. Reicht mir zum Zeichen Eurer Freundschaft die Rechte und vernehmt die Worte! Sie heißen:
Dein – Mein. Dein – Mein.«
Wiederum schüttelte der Kanzler den Kopf. Mit leisen Schritten glitt der Bewerber fort, ballte heimlich die Faust und warf einen giftigen Blick zu dem Throne hinüber. Der Kanzler seufzte auf und sprach mit müder Stimme: »Liebes Volk! Heute ist der letzte Tag der Königswahl. Schon neigt sich die Sonne dem Untergang zu, und kein König hat sich gefunden. Fürder werden wir nicht mehr heißen: das Volk derer, die nicht alle werden. Zu Ende geht es mit uns, und keiner ist da, der dem Unglück steuert. Kommt, Prinzessin, daß ich Euch in das Schloß geleite!«