»Eve,« wandte er sich zu dem Mädchen, das immer noch nicht wußte, wie ihm geschah, »Ihr seid die Reichste im Dorfe. Die Fässer sind Goldes voll.« »Was nützt mir das,« schluchzte sie, »hab ich doch das Beste nicht und muß meine Liebe als Sünde anschauen.« »Weiß Gott,« stöhnte der Schulze, »könnt ich mein Wort zurücknehmen, ich tät’s lieber heut als morgen. Aber die Bäckin hebt den Verspruch nimmer auf und so müssen wir das Übel ertragen.« Damit ging er fort, und wenn er auf einen Menschen böse und zornig war, so war er es auf sich selbst; denn die Eve gefiel ihm immer besser und das Wort, das er Hansen gegeben und nicht einlösen konnte, lastete ihm schwer auf der Seele.

Die Grit fuhr indessen mit Schlupps weiter, bis sie an eine einsame Waldhütte kamen. »Geht hier hinein,« sagte der Schalk, »in dieser Hütte will mich der Prinz treffen. Setzt Euch auf die Bank; er muß bald kommen, denn um die Dämmerung wollte er hier sein. Ich bleibe bei dem Wagen, daß niemand die Truhe mit Euren Leinenschätzen stiehlt.« »Bin ich erst Prinzessin,« rief Grit prahlerisch, »so trage ich doch nur Seide und Sammt; Leinen ist mir zu gering. Das Könnt Ihr als Lohn für Eure Dienste gleich nehmen!«

Damit ging sie hinein und setzte sich auf die Bank, die mit Spinnweb und Staub überzogen war. Weil sie aber sehr müde war, schlief sie bald fest ein. Als Schlupps merkte, daß sie so bald nicht aufwachen würde, hieb er auf die Rößlein ein und fuhr davon, so schnell seine Pferde laufen konnten.

Sonntag Morgen läuteten die Glocken zur Kirche, die Mädchen des Dorfes zogen vor das Haus der Grit und wollten sie holen. Der Bäcker stand ratlos da, frug jeden, ob er seine Tochter nicht gesehen habe, die mit der Leinenkiste verschwunden war, tobte und schimpfte und wußte sich ihr Verschwinden nicht zu erklären. Nachdem das ganze Haus vom Keller bis zum Boden vergeblich durchsucht war und man zum Überfluß noch Grits Kleider in der Kammer gefunden hatte, beschlossen die Gespielinnen, dem Bräutigam die Sache zu vermelden, vielleicht daß der Grit ein Unglück zugestoßen sei. Sie gingen in die Kirche, wo schon die Hochzeitsgäste und der Pfarrer standen und auf die Braut warteten.

Der Pfarrer riet, sich noch eine Stunde zu gedulden; aber der Schulze sagte: »Nein, Herr Pfarrer. Ist sie nicht da, so ist das Gottes Wille,« und erzählte, wie bös Grit ihm begegnet, wie hochmütig sie den Hans behandelt und was der fremde Wandersmann geweissagt habe. Wie er selbst aber sein ungerecht Tun gegen die Eve bereue. »Dort hinten kniet die rechte Braut,« schloß er und wies auf Eve, die vor dem Altar lag und für Hans allen Segen herabflehte.

Da erkannte der Pfarrer Gottes Gnade, trat auf Eve zu, faßte sie an der Hand und sagte: »Eve, willst du alle Kränkungen, die du erduldet hast, vergeben und vergessen und Hansens Weib werden?«

Und wie sie die bangen Augen des Herzallerliebsten sah, da leuchtete ihr Gesicht und sie sagte freudig: »Ja, ich will.« Dann traten sie an den Altar, und nie hatte der Pfarrer mit größerer Freude ein Paar eingesegnet wie Eve und Hans. Grit aber schlief im Waldhaus, und wie sie erwachte, schien die Morgensonne hell herein. Als sie aus der Hütte trat und sich umsah, war kein Wagen, keine Pferde, kein Schneider und keine Leinentruhe zu sehen. Ob sie auch schrie und tobte, – – sie kamen nicht und kamen nicht. Da begann sie zu merken, daß der fremde Geselle falsches Spiel mit ihr getrieben, lief weiter und weiter und wußte nicht wohin, bis sie auf einmal den Kirchturm ihres Dorfes sah und den Wetterhahn darauf. Da nahm sie ihre letzte Kraft zusammen, eilte auf müden Füßen vorwärts, bis sie die Kirche erreichte, und riß die Pforte auf, gerade als der Pfarrer das glückliche Paar zusammengegeben hatte. Alle Gäste schrieen auf; denn sie vermeinten nichts anderes, als eine böse Hexe zu sehen. Erst wie sie näher hinschauten, erkannten sie die Grit. Sah die aber aus!

Staub und Spinnweb lagen auf ihrem Gewand, an dem die Nähte alle geplatzt waren, daß der hagere, braune Leib herausschaute; die Mütze saß schief auf dem Kopf, die Haare hingen wild um die Stirn, und sie erschien als ein Bild des Jammers. Wirr sah sie um sich, dann stürzte sie auf das Paar, das am Altar stand, los und schrie mit geballten Fäusten: »Falsches Ding, willst du mir meinen Hochzeiter nehmen?« Damit suchte sie die Eve bei Seite zu drängen, die sich voll Angst an Hans klammerte. Der Pfarrer aber trat dazwischen und sprach: »Laßt gut sein, Grit. Hier hat ein Höherer gewaltet. Geht heim, laßt Euch ein ander Gewand anziehen und vom Bader zur Ader lassen.« Denn er meinte nicht anders, als die Grit wäre besessen und hätte den Verstand verloren. So wollte er sie mit gutem Zuspruch aus der Kirche schaffen, damit das Gotteshaus nicht durch Lästerreden entweiht werde. Da lief die verlassene Braut heim, schloß sich in ihre Kammer ein, heulte und schrie. Im Hochzeitshaus aber herrschte eitel Freude und Seligkeit. Von dem Tag an ließ die Grit ihrem Vater keine Ruh; sie wollte aus dem Dorf heraus; denn in ihrer Eitelkeit maß sie sich nicht die Schuld an ihrem törichten Beginnen zu, sondern vermeinte, der Schulze habe ihr einen Streich gespielt, weil sie ihn so hart angelassen.

Wie bald darauf der Vollmond schien, beschloß der Schulze, die Fässer zu heben, und weil es eine klare Nacht war, stand dem nichts im Wege. Im Stillen freute es ihn, daß sein Einziger das reichste Mädchen im Dorf gefreit hatte, und er hielt den Kopf noch höher als sonst, wie er jetzt mit Hans und vier kernfesten Männern auf Eves Hof kam. Bald waren die Fässer heraufgeschafft, und der Schulze hob das Beil, um den Deckel zu sprengen.

Plötzlich erhob sich ein Wind, graue Wolken jagten daher und zogen über den Mond, gerade als das Beil in vollem Schwunge heruntersauste. Da spritzte es umher, daß des Schulzen Kleider naß wurden, und wie er in das erste Faß sah, floß darinnen weißer Wein und war von Gold nichts zu sehen. Und beim zweiten erging es genau so. Das erkannte der harte Mann jetzt als Strafe für seinen Hochmut und schwieg still. Von der Gasse her aber klang ein höhnisches Lachen, das kam von der Grit, die heimlich in die Stadt fuhr, auf Nimmerwiedersehen.