Und mit Kurowski war nicht umzuspringen wie mit dem Vater oder gar dem gutmütigen Seckersdorf.

Aus Kurts Brief an Gertrud, den sie noch bei sich trug, sprach wahrhaftig der »Herr und Meister«, den er ihr zeigen wollte. Eigentlich war ein solcher Mann doch viel interessanter als einer, der in der großen schönen Welt umherzieht und in allem Genießen durch die Erinnerung an ein »weißblondes Köpfchen« gestört wird!

Bitterkeit, Unzufriedenheit und Bangen um Gertrud erfüllten sie ganz. Dazu war auch das ganze Hauswesen verstört. Die Kinder spielten in dem entfernten Eckzimmer, der Vater hatte sich in Tabaksrauchwolken versteckt, und mit Fräulein Perl war gar nicht zu reden. Die weinte um Gertrud, ihren Liebling, den sie nicht eine Viertelstunde ungestört ließ; und wenn sie wieder hinausgeschickt worden war, verkündete sie im ganzen Hause, es würde sicherlich bei Gertrud ein Typhus ausbrechen. Welch ein Unterschied gegen gestern! Und was war denn eigentlich viel geschehen seitdem?

Nachmittags kam eine Depesche von Kurowski, die seine Ankunft für den übernächsten Mittag anmeldete und sich Nachricht über Gertruds Befinden auf den Berliner Bahnhof Friedrichstraße ausbat.

»Wenn Gertrud das hört, rafft sie sich auf und läuft fort, elend wie sie ist,« meinte Maggie. »Das Beste wäre schon, wir überlassen alles Kurowski.«

Der Oberförster war sehr einverstanden damit. Und so blieb denn, da man selbst Fräulein Perl nicht traute, die Nachricht zwischen Vater und Tochter. Aber ihnen beiden war böse zumute, und merkwürdigerweise glaubte jeder sich von dem andern angeklagt und verurteilt. Wenn Maggie den Vater voll und finster ansah, las der von ihrem Gesicht eine lange Rede herunter: »Du alter Herr, Vater einer solchen Tochter, der Tochter der Frau, die dir einmal lieber war als die ganze Welt, die eine Fülle von Lebensglück und Glut über dich rauhen Mann ausströmte, – statt ihr Kind nun in der großen Not ans Herz zu nehmen und es zu schützen, treibst du es zu dem Wüstling zurück, der seine Umarmungen zwischen ihr und dem Abschaume ihres Geschlechtes teilt ... vor dem sie in Todesangst zittert ...«

Und auch Maggie wand sich förmlich unter den Anklagen, die sie selbst aus den Blicken des Vaters las und von seinem Standpunkt aus sich selbst machte, bis sie schließlich einmal von dem gewohnten Platz ihm gegenüber aufstand und sagte: »Weißt du, Papa, wir beide sollten uns nun schon lieber nicht so kriegsbereit ansehen. Wir wollen ja gewiß das Beste, aber die Verhältnisse sind eben stärker als wir.«

Dieser Gemeinplatz leuchtete dem Alten ein, und er war gerade im Begriff, beruhigt eine kleine Wanderung zu unternehmen, als sich die Tür öffnete und Gertrud eintrat. Ein Gespenst hätte die beiden nicht so erschrecken können, als die schöne, ernste Frau, die in ihrem langen weißen Schlafrock plötzlich vor ihnen stand.

»Um Gottes willen, Gertrud!« stotterte der Vater. »Wird dir das nicht schaden? Weshalb rufst du uns nicht?«

»Mir ist ganz wohl, Papa,« sagte Gertrud, aber ihre leise Stimme klang rauh. »Ich sah den Depeschenboten vorhin über den Weg kommen. Hat Kurt telegraphiert?«