Und sie erzählte alles, wie jemand, der die inneren Vorgänge nicht kannte, die äußeren auffassen mußte. Danach war freilich die arme Gertrud ein schwächliches Kind, ohne echtes Empfinden, Wachs in der Hand dessen, der sie am besten zu kneten verstand. Sie nahm ihr nicht viel von ihrer Art, aber gerade das Wesentlichste überging sie, die unendliche Herzensgüte, die strahlende Reinheit ihres Wesens und die scheue Vornehmheit, die sich vor jedem Antasten ihrer innersten Gedanken zurückzog, und betonte ausschließlich die große Ängstlichkeit, das Unselbständige, Schwankende, das ihr eigen war und gewiß – wie Maggie hervorhob – einen großen Reiz an Gertrud bildete, nur daß das alles nicht standhielt, sobald das praktische Leben in Frage kam.
Sie, Maggie, hätte ja, robust und tatkräftig wie sie war, gern geholfen, wenigstens anfangs, als Gertrud noch zugänglich war. Dann weinte Maggie wieder und war gar nicht zu beruhigen, und Hans Seckersdorf konnte trotz allen Forschens nicht herausbekommen, warum es zwischen ihnen allen zu einem Bruch hatte kommen müssen.
Desto mehr erfuhr er über Maggies Ansichten und wie sie gehandelt hätte, wenn sie Gertrud gewesen wäre. Da das, abgesehen von allem anderen, sehr schmeichelhaft für ihn war, zeigte er lebhaften Anteil an allem, was sie sagte. Er wehrte ihr Lob ab, er nahm Gertrud fast leidenschaftlich in Schutz, aber zugleich mußte ihn doch der Gedanke beschäftigen, wie schön es gewesen wäre, wenn die Frau, die er nun einmal lieb hatte, in gleicher Weise für ihre Liebe eingetreten wäre.
In den nächsten Tagen trafen sie auf einem großen Diner in Auklappen zusammen. Sie saßen weit voneinander und konnten sich auch zufällig im Laufe des Abends nicht allein sprechen. Maggie merkte wohl, wie ihn das beunruhigte, wie zerstreut er mit seiner Tischdame sprach, wie seine Blicke sie suchten, und welch ein liebes, leises Lächeln über sein ernstes Gesicht flog, wenn ihre Blicke sich trafen.
In solchen Augenblicken schlug Maggies Herz in einer stürmischen Zärtlichkeit für ihn, und sie dachte: »Gott sei Dank, ich bin ihm wirklich gut.« Aber trotzdem hatte sie doch Selbstbeherrschung genug, ihm an diesem Abend vorsichtig aus dem Wege zu gehen.
Darauf kam er, wie sie richtig berechnet hatte, am nächsten Tage zu Pferde, »einer Forstangelegenheit wegen«, blieb zum Kaffee und ritt erst abends wieder fort.
Das nächstemal kam er ohne Vorwand, und von da ab öfter und öfter.
Da wurde in des Oberförsters und Fräulein Perls Gegenwart natürlich nur wenig von Gertrud gesprochen. Da konnte sie wieder die alte, frohe Maggie sein, nur ein klein wenig gedämpfter, und mit einem warmen, kameradschaftlichen Ton für ihn, der dem schlichten, weichen Manne unendlich wohltat. Und dann regte das temperamentvolle Leben, das kraftsprühende Sichausgeben, die unbändige Lebenslust in ihr Seckersdorf, der still und müde geworden war, ersichtlich an.
»Weiß Gott, wie es kommt, Fräulein Maggie,« sagte er einmal, »auch wenn man sehr ernsthafte, traurige Dinge mit Ihnen bespricht ... Man versöhnt sich ordentlich mit ihnen, findet es gut, daß man sie erlebt hat ...«
»Was für ernsthafte Dinge besprecht ihr denn, wenn man fragen darf?« fragte der Oberförster darauf, mit einem Versuch, sie zu necken.