Und danach atmete sie auf und fing zum erstenmal an, sich als Hausfrau zu fühlen.
Sie mochte nicht immerzu über die Bosheit grübeln, die man ihr angetan hatte, über die Schande, in die sie bald gesunken wäre, – sie wollte schaffen, ihre Pflicht tun. Und sobald sie diese Absicht zeigte, meldeten sich von allen Seiten die Leute bei ihr, die bisher nach dem knappen Befehl des Herrn auf eigene Verantwortung geschafft hatten.
Aber sie war so unwissend. Sie konnte fast nie Bescheid geben. Sie mußte sich mühsam durch Nachdenken und Beobachten herausklauben, was anderen durch Gewohnheit und Übung selbstverständlich ist.
Manchmal fragte sie sich selbst erstaunt, wie das möglich gewesen sei, so lange in diesem Hause zu leben und es so wenig zu kennen. Da war allerdings eine alte Mamsell über dem Ganzen tätig gewesen, die Vertraute des ganzen weiblichen Dienstpersonals, soweit es dem »gnädigen Herrn« zusagte.
Diese Person, deren Anwesenheit in ihrem Hause ein Vorwurf für sie gewesen war, hatte sie nicht mehr vorgefunden, als sie wiederkam, ein stillschweigendes Zugeständnis ihres Mannes, mit dem sie jetzt einverstanden war, da sie dadurch zum selbständigen Disponieren gezwungen wurde.
Ihr anfänglich fester Entschluß, sich doch von ihrem Manne zu trennen, verblaßte mit der zunehmenden Tätigkeit. Nicht nur aus Bequemlichkeit oder Gleichgültigkeit gegen das äußere Leben, oder weil sie ihrem Gatten etwa freundlicher gesonnen gewesen wäre; vielmehr ging ihr in dieser Zeit, in der sie zum erstenmal sich bemühte, ihren Pflichten gerecht zu werden, wie es das Leben von jedem ausnahmslos fordert, ein Schimmer der Erkenntnis auf, daß es weniger auf Glück oder Unglück ankommt, sondern darauf, den Platz, den einem das Schicksal nun mal angewiesen hat, mit Ehren auszufüllen.
Ihr Mann war viel auswärts und kümmerte sich anscheinend auch im Hause nicht viel um sie; die neue Erzieherin erwies sich als ein liebenswürdiges, gescheites Mädchen, mit der sie gern ab und zu plauderte. Gesellschaften besuchte sie unter dem Vorwande ihrer Kränklichkeit nicht; und so ging das Leben in ebenmäßigem Gleise weiter, ohne Widerwärtigkeiten, aber in grauer Eintönigkeit. Von Hause hatte sie nur einen Brief durch Fräulein Perl erhalten, der bloß vom Alleräußerlichsten sprach, von Seckersdorf war zufällig bei den paar Nachbarbesuchen nicht die Rede gewesen, und so hörte sie nichts mehr von allem, was sie in den letzten Wochen so bitter gequält und mit so widersprechenden Glücksgefühlen erfüllt hatte. Das war sehr gut, sehr gut, sagte sie sich abends und morgens.
Da kam kurz vor Weihnachten ein Brief ihres Vaters an seine »lieben Kinder«.
Kurowski, im Begriffe, mit den Jungen auszufahren, las ihn im Stehen und lachte hell auf.
»Da,« rief er zu Gertrud herüber, die mit klopfendem Herzen darauf wartete, den Inhalt zu erfahren.