»Sie will mich ausstechen,« dachte sie plötzlich voll Schreck. »Sie hat absichtlich ein ähnliches Kleid gewählt, wie das von damals, und sie ist so viel schöner als zu jener Zeit ... Aber sie wird herablassend gleichgültig gegen Hans sein,« beruhigte sie sich dann. »Sie wird ihm die große Dame zeigen, und das wird ihn sicherlich nicht reizen.«

So durchgrübelte sie voll Unruhe die letzten einsamen Stunden ihres Mädchenlebens und dachte inzwischen immer: »Gott sei Dank, morgen ist alles vorbei. Dann habe ich nichts mehr zu fürchten und fange mein neues Leben an.«

Gertrud war fertig. Sie stand wie eine Königin in ihrer glänzenden Toilette da, aus der sie wie eine stolze, wunderschöne Blume leuchtend und rein herausblühte. Das kleine Köpfchen auf dem schlanken Hals trug seine weißschimmernde Haarpracht wie eine Krone, ihre Augen, dunkler und fester im Blick geworden, strahlten aus dem feinen, zartgefärbten Gesicht.

Ihr Mann, der nun zum Ankleiden heraufkam, betrachtete sie mit Kennerblicken und sagte lachend:

»Du, wenn es für einen Ehemann nicht moralischer Ruin wäre, sich in seine Frau zu verlieben, heute weiß ich beinah' nicht ...«

Er küßte sie leicht auf die zierliche nackte Schulter.

Sie stand ganz still und sah nachdenklich an ihm vorbei.

»Nun, so stumm und steif? Woran denken wir?«

Gertrud wurde rot. »Ich ärgere mich über die Art, wie du sprichst,« sagte sie.

»Freue dich lieber darüber, nach unserem siebenjährigen Krieg,« meinte er phlegmatisch und streckte den Arm nach ihr aus.