Wenn er hier auf dem Venn stand, die Flinte im Arm, und in die ewige Weite starrte, dann hatte er Muße genug, an die Frau zu denken; viel zu viel Muße. Ragend wie ein einsamer Baum, von allen Seiten sichtbar, brauchte er nicht bange zu sein, daß ihm einer aus der Horde ausbrach. Wenn seine Kerls ihn nur von weitem stehen sahen, dann war’s schon genug. Sie taten ihre Arbeit jetzt wie Maschinen; selten, daß er noch einen einsperren mußte oder den Stock gebrauchen. Sie hatten gelernt, parieren. Sie wußten, er setzte seinen Willen ein wie die eiserne Pflugschar, die unbarmherzig ins öde Brachland Furchen reißt. Aber hernach sät man doch auch Samen ins aufgerissene Land, auf daß dereinst eine Ernte zu erhoffen ist. Langsam ging das freilich, langsam; aber wer hätte überhaupt je früher daran gedacht – ein Erntefeld auf dem hohen Venn?! Selbst diese armen Teufel, die nichts von dem genießen würden, was sie hier säeten, hatten doch eine gewisse Freude daran, eine Art Stolz. Der Schleichert, der alte Kunde, hatte sich neulich an ihn herangemacht, ihm ganz strahlend an ein paar Stecklingen, aus denen einst eine Hecke werden sollte, die ersten Knospen gezeigt. Und der alte Landstreicher hatte dabei freudig gegrinst übers ganze Gesicht.
Simon Bräuer zuckte die Achseln: nein, ganz schlimm waren sie nicht, seine Kerle! Wenn nur das Thereschen hier wäre! Wenn er die nur hätte, dann wäre alles gut! Seit Pfingsten hatte er die nicht mehr gesehen. Ob sie wohl unten ins Ehebett nun das Kleinste zu sich genommen hatte? Daran dachte er, wenn er abends auf der schmalen eisernen Bettstatt den Schlaf suchte und den Traum, in dem er sie wenigstens einmal zu sehen bekam. Kotz Kuckuck, es war ein hartes Stück für einen verheirateten Mann, hier oben so allein zu sitzen! Das halte einer auf die Dauer mal aus – er nicht!
Mit einem Ruck richtete sich der Aufseher aus seiner nachdenklichen Stellung auf. Mit so großen Schritten stapfte er im Kraut hin und her, so unruhig wie ein Gefangener, trotz aller freien Weite, daß die Sträflinge verstohlen nach ihm guckten. Wenn er so war, dann mußte man sich hüten, von der Arbeit aufzusehen! Sie grinsten in sich hinein, sie verstanden das wohl: er dachte an das Weib. War es nicht eine Hübsche, Junge, die ihn geherzt hatte? Es war schon lange her.
Simon Bräuer hatte die Stirn in tiefe Falten gezogen. Das grimmige Lächeln, in dem er vorhin, bei der Bewunderung des Herrn, seine blitzenden Zähne gezeigt hatte, zuckte wieder auf. Ja, schön war es schon hier, mehr als schön! Es hatte ihm ja auch so wohl hier gefallen, daß er all die Jahre nicht hatte das Venn vergessen können, sich ohne Zaudern, ohne Bedenken förmlich dazu gedrängt hatte, hier herauf zu kommen. Nun war er wieder hier. Noch war es dieselbe Weite, derselbe Himmel mit den fliehenden Wolken daran, nach dem er immer den Kopf gereckt und gesucht hatte unten in der Enge der Städte; noch war es derselbe starke Duft nach Moor, nach Heide, nach Wachholder, nach Tannenharz, nach der herben Preißelbeere, und wieder war er hier der Hüter, der Herr, wie dazumal, als er seine Peitsche über dem Vieh schwang und seine Stimme scharf und klar allein hier gebot. Was war es nur, das es nun so anders machte hier, warum litt es ihn nicht mehr hier oben? Noch liebte er dieses Land ebenso sehr; er fühlte das, indem es ihm schwer wie ein Stein auf die Brust fiel, bei dem Gedanken, es zu lassen. Jenes Dach hatte er errichtet, das Haus gebaut, darin sie wohnten, Wege hatte er gebahnt, schon Äcker eingeteilt und Gartenland gerichtet, Hecken hatte er angepflanzt, sogar einen Fliederbusch, und doch mußte er gehen. Man zögerte, ihm ein Haus für seine Familie zu bauen, man wollte doch erst noch abwarten. Nun wohl, dann mochten sie sich einen andern suchen. Ob sie einen fanden, der dazu taugte?! Simon Bräuer war kein Bescheidener, er wußte, was er wert war. Wieder lachte er sein grimmiges Lachen, sein Raubvogelauge blitzte dabei. Sie kriegten nie einen solchen wieder! Wer kannte das Venn so wie er? Und wer liebte es so wie er?!
Sein greller Blick wurde milder, verschleierter; er sah trübe rund umher und auf die weißen Kittel, die im Vennwind flatterten. Die Kerle würden ihn auch vermissen! Gerecht war Simon Bräuer immer gewesen, streng, sie hatten ihre Strafe gekriegt, aber auch ihr Recht. Ob sie’s wieder so kriegten? Und doch würde er gehen. Und wenn sie ihm auch für seine Frau ein Haus bauen würden hier oben, durfte er sie denn hier heraufnehmen, sie und die Kinder? Sie waren nicht Vennland und Vennluft gewöhnt.
Der Schweiß brach ihm aus. Wohin er sah, er fand keinen Ausweg. Er sah nur klar den Weg, auf dem es hinging zu ihr. Und den mußte er gehen; er hielt es nicht mehr aus ohne sie.
Es war ein bitteres Gefühl, mit dem Simon Bräuer sich diese Nacht auf seine Lagerstatt streckte. So weit hatte er’s nun gebracht, sehr weit schon – was hatte ihm vor ein paar Tagen der Landrat nicht alles für Komplimente gesagt, ganz erstaunt war er gewesen und voller Lob, wie hier alles voranging – so weit, und doch reichte seine Kraft nicht weiter mehr.
In der einsamen Dunkelheit seiner Lagerstatt stöhnte Simon Bräuer auf und ballte die Fäuste in einem Zorn über sich selber.
Und noch ein anderer unter dem roten Dach, das tief übers rohe Sparrenwerk herunterhängt, stöhnte und wendete sich in ruheloser Qual. Alles schlief im scheunenartigen Raum. Ein Schnarchen, rauh wie das unablässige Schnarren und Schnurren eines Sägewerks, vereinigte alle Schläfer. Mit glühenden trockenen Augen starrte der einzig Wachende im Schlafsaal in die tiefe Dunkelheit.