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Druck der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart

I

In die Enge der Gassen war die Sonne noch nicht hinabgedrungen. Oben auf der Ley, wo das Kapellchen beim Kirchhof steht und Tannen ihre Wipfel über den Garten des Todes recken, glänzte sie schon; hell beschien sie die geweihten Ruhestätten derer, die man hier hinaufträgt in Frühlingsluft wie in Sommerglut, in Herbstschauern wie in Winterschnee. Jeden einzelnen auf den Schultern. Denn tief unten im Talspalt liegt die Stadt, neben den Fluß gequetscht, ein Haufe altersgedunkelter Schieferdächer. Zwei schmale Längsstraßen nur hat sie. Finster blickt der verfallene Wachtturm auf Kirche und Apotheke am Markt nieder. Und von der anderen Seite am jenseitigen Berghang schaut die alte Burg herunter auf die schieferigen, schlüpfrigen Treppenplatten, die aus dem Märchen des Mittelalters hinabführen in die enge Wirklichkeit: in den Alltag der Bürgerhäuser und der klingenden Ladentürchen, der rauchenden Fabrikschlöte und der gellenden Dampfpfeife; des murmelnden Betens der Lumpensortiererinnen und des regelmäßigen Geplappers vieler nägelbeschlagener Schuhe auf spitzigem Pflaster; des gemütlichen Schwatzens der Skatbrüder beim Schoppen, des Weibergeträtsches und des Sporenklirrens der Herren vom Schießplatz, die ihre freie Zeit benützen zu einer Flasche Sekt und einem guten Diner bei der schönen Helene im »Weißen Schwan«.

Der Weiße Schwan war heute so wie immer der Sammelplatz. Vor seiner verschnörkelten Barocktür, darüber der Schwan, künstlich aus Kupferplättchen gehämmert, schon ein Jahrhundert sich schaukelt, drängten sich die Herren. Alle in Zylindern und schwarzen Röcken; doch auch einige Uniformen waren unter dem feierlichen Schwarz.

Der Wirt vom Schwan war gestorben, noch ein junger Mann, der einen guten Wein und eine gute Küche geführt hatte.

»Armer Kerl,« sagte Adjutant von Scheffler, der eigens vom Platz herunterbeordert worden war, das Offizierkorps zu vertreten. »War immer höchst fidel und wußte sich doch dabei in den ihm zukommenden Grenzen zu halten. Und engherzig in keiner Weise – nee, wahrhaftig nicht!« Er lächelte flüchtig.

Der junge Leutnant Abeking lächelte auch. Die Augen halb schließend, blinzelte er in den jetzt schnell in die Gasse niedersteigenden Sonnenschein; er konnte das Lächeln nicht unterdrücken, das ihm kam, wenn er der vorigen Sonntagnacht gedachte, in der die schöne Helene bei einer fröhlichen Bowle ihm Blicke zugeworfen hatte – Blicke! Und ihr Fuß hatte den seinen gesucht, und neben ihn war sie gerückt, hatte sich gar nicht mehr um die andern gekümmert, hatte ihm zugetrunken und ihr Knie an dem seinen gerieben! Noch jetzt fühlte er, wie der Strom Leben, der von ihr ausging, ihm durch den Körper rieselte. Und der dicke Wilhelm hatte sein behagliches Lachen dazu gelacht und listig geblinzelt und noch an kein Arg gedacht. Daß der so schnell hatte sterben müssen!

Ein plötzlicher Schauer überrann den jungen Offizier. Scheußlich, so aus dem vollen Leben und von einem so famosen Weibe weg zu müssen!