Verärgert ging der Feldwebel heute seinen Pflichten nach. Er erboste sich in Gedanken gegen sich selber – wer hatte ihn geheißen, dem jüngeren Kameraden so die Avancen zu machen? Und böse war er auch auf Josefine – das kam von ihrem bockigen Wesen, nun schnappte der ab.
In einer nervösen Unruhe lief Rinke hin und her. Seit ein paar Tagen verließ ihn die Angst nicht mehr – in einer schlaflosen Nacht hatte sich’s in ihn eingebohrt wie eine fixe Idee –: hatte der Leutnant von Clermont mit der Josefine etwas vor?
Ein Wunder wäre das nicht, er war jung, sie war jung, sie war hübsch und er wahrhaftig ein glänzender Herr, in den sich ein Mädel wohl verschießen konnte. Und die Josefine war jetzt in den Jahren.
»Himmelkreuzsakrament!« fluchte der Feldwebel in sich hinein, und dann rannte er plötzlich, von einer heftigen Unruhe erfaßt, an die Stiege, die zu seiner Wohnung hinaufführte, und lauschte. Ob der Leutnant schon wieder nach der Küche kam und um heißes Wasser bat? Über den Gang waren es ja nur ein paar Schritt – und der Gang war einsam und dunkel!
Das Blut stieg dem Vater zu Kopf, er kletterte eilends hinauf. Vorsichtig lugte er durch die Thürspalte. Josefine war in der Küche – allein!
Sie saß auf dem Schemel am Fenster, das Messer, mit dem sie Kartoffeln schälen sollte, war ihrer Hand entfallen, die Kartoffeln waren aus ihrer Schürze bis mitten in die Küche gekollert, sie merkte es nicht. Sie merkte nicht einmal, daß der Zipfel ihres Rockes in die Wasserschüssel am Boden stippte. Mit einem glücklichen Gesicht träumte sie in den blauen Himmel hinein – oder starrte sie nach dem Fenster der Offiziersstube drüben?!
Behutsam schlich Rinke wieder hinunter, er schämte sich, den Spion gespielt zu haben; und doch war er erst beruhigt, als er den Leutnant von Clermont zum Thor schreiten sah.
Der ging nun aus. Schlank und elastisch schritt er über das holprige Pflaster längs der Blocks; geschickt balancierte sein Fuß im blitzblanken, schmalen Stiefel über schmutzige Stellen. Ein Stäubchen lag ihm wohl auf dem Waffenrockärmel, er schnippte es weg, und dann pfiff er in die laue Luft und machte mit einem: ›ksch, ksch – puff!‹ die hungrigen Spatzen bange, die unter den knospenden Ahornbäumen schirpend des Frühlings warteten. In einem Schwurr flogen sie auf; über’s ganze Gesicht lachend, sah er ihnen nach.
So heiter, so wohlgemut, was kostet die Welt?!
Der Feldwebel sah dem schlanken Offizier nach, bis das schwere Thor hinter ihm in’s Schloß gefallen war. Nein, da war kein Zweifel, den mußte ja ein Mädel lieben! Und konnte man ihr darum böse sein? Nein, nicht einmal! Lachte einem doch selber das Herz im Leib, wenn man dem nachsah. Der Junge hatte doch noch mehr los, wie sein Vater! Man merkte es, daß der im Korps erzogen war, von Grund auf militärisch. Forsch war er, ein Sappermenter. Vor der Front stand er wie ’ne Tanne, seine helle Stimme schmetterte über den Platz. Die Kerle hatten Dampf vor ihm; er sah jeden Mann, sein Auge, das sonst so lustig herumfackelte, bekam dann einen ganz niederträchtig scharfen Blick. Sein Kinn straffte sich, und wenn er zwischen den zusammengebissenen Zähnen herausstieß: ›Krummer Hund!‹ dann zitterten sie alle! Der Feldwebel schmunzelte. Und bei den Vorgesetzten war der Leutnant auch gut angeschrieben – ja, der kriegte noch mal die Generalsepauletten! Ach, wie stolz konnte der Major auf seinen Sohn sein!