Jene Sehnsucht, die ihm wie ein Märchen im Sinn schwebte, kam jetzt mit Gewalt und lebendig über ihn. Ja, so hinknieen können vor der lieben Frau, die reizender war als alle Frauen auf Erden sind, und kaum daß man seine Bitte vortrug, auch schon der Erfüllung gewiß sein, das war schön! Herrlich!

»Gegrüßet seist du, Maria!« So fing der Cilla Gebet an; weiter wußte er es nicht, aber er wiederholte das, viele Male. Und nun roch er wieder den Weihrauch, der die Kirche durchduftet hatte, hörte wieder das Schellchen der Wandlung, sah den Geweihten des Herrn, dem die prächtige Stola überm Meßgewand hing, sich verneigen, bald links am Altar, bald rechts. O, wie er es den Knaben in den weißen Chorhemden neidete, die neben ihm knieen durften! Seliger Wohlklang schwebte unterm hochgewölbten Kuppeldach:

Procedenti ab utroque

Compar sit laudatio –‹

so ähnlich hatten sie gesungen. Und dann hatte der Priester die strahlende Monstranz hoch erhoben, und alle Leute hatten sich tief gebeugt. ›Qui vivis et regnas in saecula saeculorum!‹ Ja, das Latein hatte er gut behalten! Das würde er auch sein Leben nicht vergessen!

Anstoßen hatte ihn die Cilla müssen und flüstern: ›Komm, wer gehn jetzt,‹ sonst wäre er damals noch lange knieen geblieben in der prächtigen und doch so heimeligen Kirche, in der nichts kalt war und fremd.

Wenn er doch wieder einmal hinkönnte! Cilla hatte es ihm freilich versprochen zu gelegener Zeit – aber sie sollte ja jetzt weg, und die gelegene Zeit würde nie kommen! Schade! Ein großes Bedauern erhob sich in ihm und zugleich ein Trotz: nein, in die Kirche, wohin die Mutter ging und wohin die aus seiner Schule gingen, dahin ging er nicht!

Und er flüsterte wieder: »Gegrüßet seist du, Maria,« und bei diesem Flüstern fingen die Tränen, die heiß und zornig über sein Gesicht gelaufen waren, an zu versiegen.

Er war aus dem Bett geklettert und hatte sich auf den Teppich davor niedergekniet, die zusammengelegten Hände in Anbetung erhoben, so wie er es bei den Engeln auf dem Altarbild gesehen hatte. Seine Augen waren glänzend und weit aufgeschlagen, sein Trotz zerfloß in Hingabe.

Als er endlich ins Bett zurückstieg und die übergroße Müdigkeit seine Aufregung niederschlug und er einschlief, träumte er von der reizenden Jungfrau Maria, die wohlbekannte Züge trug, und fühlte sein Herz zu ihr entbrennen.