»Warum denn sterben? Wie meint Er's?«
– So und so und so! – Der Kerl stieß, als hätte er einen Dolch in der Faust. Dann zeigte er auf sein Herz, ächzte und verdrehte gräßlich die Augen. Mir ward bei der Unterredung ganz übel. Denn verrückt konnte Peter nicht sein, er sah mir ziemlich verständig aus, und Wahnsinnige hat man doch nicht leicht zu Handlangern auf der Post.
»Wir verstehen uns vielleicht nicht vollkommen, scharmanter Freund!« fing ich endlich wieder an. »Was will Er mit dem Sterben sagen?«
– Totmachen! Dabei sah er mich wild von der Seite an.
»Was? Tot?«
– Wenn Nacht ist!
»Nacht? Die nächste Nacht? Er ist wohl nicht bei Trost?«
– Gar wohl Polak, aber Preuße nicht!
Ich schüttelte den Kopf und schwieg. Offenbar verstanden wir beide einander nicht! Und doch lag in den Reden des trotzigen Kerls etwas Fürchterliches. Denn der Haß der Polen gegen die Deutschen, oder was dasselbe sagen wollte, gegen die Preußen, war mir bekannt. Es hatte schon hin und wieder Unglück gegeben. Wie, wenn der Kerl mich warnen wollte? Oder wenn der dumme Tölpel durch seinen Übermut eine allen Preußen bevorstehende Mordnacht verraten hätte? – Ich ward nachdenkend und beschloß, meinem Freunde und Landsmann Burkhardt das Gespräch mitzuteilen, als wir vor der sogenannten Starostei ankamen. Es war ein altes, hohes, steinernes Haus in einer stillen, abgelegenen Straße. Schon ehe wir dahin kamen, bemerkte ich, daß die, welche vor dem Hause vorübergingen, scheue, verstohlene Blicke auf das grauschwarze Gebäude warfen. Ebenso tat mein Führer. Der sagte nun kein Wort mehr, sondern zeigte mit dem Finger auf die Haustür und machte sich ohne Gruß und Lebewohl davon.
Allerdings war mein Eintritt und Empfang in Brczwezmcisl nicht gar anmutig und einladend gewesen. Die ersten Personen, welche mich hier begrüßten, die unhöfliche Dame unter dem Tor, der grobe, neuostpreußische Postmeister und der kauderwelsche, verpreußete Polack hatten mir Lust und Liebe sowohl zu meinem neuen Aufenthaltsorte, als zu meinem Justizkommissariat verbittert. Ich pries mich glücklich, endlich zu einem Menschen zu gelangen, der wenigstens mit mir schon einmal dieselbe Luft geatmet. Zwar hatte Herr Burkhardt bei uns zu Lande nicht des besten Rufes genossen; allein was ändert sich nicht im Menschen mit dem Wechsel der Umstände? Ist die Gemütsart etwas anderes, als das Werk der Umgebungen? Der Schwache wird in der Angst zum Riesen; der Feige in der Schlachtgefahr zum Helden; Herkules unter Weibern zum Flachsspinner. Und gesetzt, mein Obereinnehmer hätte bisher für seinen König alles eingenommen, für sich selbst aber keine bessern Grundsätze angenommen gehabt: noch besser immer ein gutmütiger Zecher, als das schwindsüchtige, nasenlose Gerippe mit der Zunge; besser ein leichtsinniger Spieler, als ein grober Postmeister; besser ein tapferer Raufer und Schläger, als ein mißvergnügter Polacke. Burkhardts letztgenannte Untugend gereichte ihm vielmehr in meinen Augen zum größten Verdienst; denn – unter uns gesagt – mein sanfter, bescheidener, schüchterner Charakter, den Mama oft hochgepriesen, konnte mir unter den Polen beim ersten Aufstande zum schmählichsten Verderben gereichen. Es gibt Tugenden, die an ihrem Orte zur Sünde, und Sünden, die zur Tugend werden können. Es ist nicht alles zu allen Zeiten das gleiche, ungeachtet es das gleiche geblieben.