Ich las diese Zeilen mit der heftigsten Trauer; ich mußte ihn sehen, ich mußte ihn trösten, ich mußte ihm alles bringen, was ich hatte, denn ich liebte ihn unaussprechlich und sollte ihn auf ewig verlieren."

Hier schüttelte der Bürgermeister lächelnd den Kopf und sprach: "So haben Sie also doch, meine Dame, für einen fremden Mann Zärtlichkeit empfunden?"

Die Fremde erwiderte mit einem ruhigen Selbstgefühl: "Ja, mein Herr; aber verdammen Sie mich nicht zu früh, und hören Sie meine Erzählung ruhig aus. Ich raffte den ganzen Tag alles, was ich an Geld und Geschmeide hatte, zusammen und packte es in einen Bündel, den ich mir gegen Abend von unserer Magd nach einem Badehaus in der Gegend jenes Tores, vor welchem Ludewig mich erwarten sollte, tragen ließ. Dieser Weg hatte nichts Auffallendes, ich war ihn oft gegangen. Als wir dort angekommen waren, sendete ich meine Magd mit dem Auftrage zurück, mir um neun Uhr einen Wagen an das Badehaus zu senden, der mich nach Hause bringen solle. Sie verließ mich, ich aber ging nicht in das Badehaus, sondern begab mich mit meinem Bündelchen unter dem Arm vor das Tor nach dem Walde, wo ich erwartet wurde. Ich eilte nach dem bestimmten Orte, ich trat in die Kapelle, er flog in meine Arme, wir bedeckten uns mit Küssen, wir zerflossen in Tränen; auf den Stufen des Altares der kleinen Kapelle, die von Nußbäumen beschattet waren, saßen wir mit verschlungenen Armen und erzählten uns unter den zärtlichsten Liebkosungen unsre bisherigen Schicksale. Er verzweifelte schier, daß er mich nun nie, nie wiedersehen sollte. Der Abschied nahte; es war halb neun Uhr geworden, der bestellte Wagen erwartete mich. Ich gab ihm das Geld und die Juwelen, und er sagte zu mir: ›Amelie, hätte ich mich nur heute nacht vor deinem Bette erschossen, aber der Anblick deiner Schönheit im Schlafe entwaffnete mich. An dem Rebengeländer deines offenen Fensters bin ich in deine Stube geklettert und habe die Johanniskäfer fliegen lassen, an denen ich auf meiner ganzen Reise gesammelt, weil ich mich erinnerte, daß du sie liebtest; dann legte ich dir die neuen Schuhe und Strümpfe hin und nahm mir die mit, welche du am Abend abgelegt hattest; dein trocknet, ehrlicher Mann schien mir über seinen tollen Gedanken zu träumen, ich habe ihn gestern schon gesprochen, er begegnete mir hier im Walde botanisierend; es war schon düster, und da ich selbst Waldblumen dir zum Strauße suchte, hielt er mich für seinesgleichen, und wir gerieten in ein langes alchimisches Gespräch. Ich teilte ihm die Anweisung eines Mönches mit, der mich auf meiner letzten Reise in der Provence, als ich in einem Kloster übernachtete, lange von dem Geheimnis unterhielt, einen lebendigen Menschen auf chemischem Wege in einem Glase heraus zu destillieren. Dein guter Mann nahm alles für bare Münze, umarmte mich herzlich und bat mich, ihn bald zu besuchen, worauf er mich verließ; ach, er wußte nicht, daß ich ihn in derselben Nacht wirklich auf halsbrechendem Wege besuchen sollte. Wie muß ich dich bedauern, daß du kinderlos und eines solchen Toren Gattin bist!‹

Ich war noch unwillig auf meinen Mann wegen seiner nächtlichen Eifersucht und sagte:›Ja, ich habe ihn als einen Toren kennengelernt. ‹ Aber da die Zeit der Trennung fast verflossen war und ich meine Arme um ihn schlang und ausrief: ›Lebe wohl, lieber, lieber Ludewig! Sieh, wie diese heilige Stunde des Wiedersehens verflossen ist, so geht auch bald das ganze elende Leben dahin, habe ein wenig Geduld, alles ist bald zu Ende‹, da brach er drei Nüsse von einem Baume bei der Kapelle und sprach. ›Diese Nüsse wollen wir zu ewigem Angedenken noch zusammen essen, und sooft wir Nüsse sehen, wollen wir aneinander gedenken.‹ Er biß die erste Nuß auf, teilte sie mit mir und küßte mich zärtlich; ›ach‹, sagte er, ›da fällt mir ein alter Reim von den Nüssen ein, er fängt an: Unica nux prodest, eine einzige Nuß ist nützlich; aber es ist nicht wahr, denn wir müssen bald scheiden. Die folgenden Worte sind wahrer: Nocet altera, die zweite schadet; jawohl, jawohl, denn wir müssen bald scheiden!‹ Da umarmte er mich unter heftigen Tränen und teilte die dritte Nuß mit mir und sagte: ›Bei dieser sagt der Spruch wahr; o Amelie, vergiß mich nicht, bete für mich! Tertia mors est, die dritte Nuß ist der Tod!‹--Da fiel ein Schuß, Ludewig stürzte zu meinen Füßen; ›tertia mors est!‹ schrie eine Stimme durch das Fenster der Kapelle; ich schrie: ›O Jesus, mein Bruder, mein armer Bruder Ludewig erschossen!‹"

"Allmächtiger Gott! Ihr Bruder war es?" rief der Bürgermeister aus.

"Ja, es war mein Bruder", erwiderte sie ernst; "und nun erwägen Sie mein Leid, da mein Mann, als der Mörder, mit einer Pistole vor mich trat; er hatte noch einen Schuß in dem Gewehr, er wollte sich selbst töten; ich aber entriß ihm die Waffe und warf sie in das Gebüsch. ›Flieh, flieh!‹ rief ich aus, ›die Gerechtigkeit verfolgt dich, du bist ein Mörder geworden!‹ Er war in Schmerzen versteinert, er wollte nicht von der Stelle; wir hörten Leute, die sich auf den Schuß von der Landstraße nahten, ich gab ihm das Geld und die Geschmeide, die ich meinem Bruder bestimmt hatte, und stieß ihn aus der Kapelle hinaus.

Nun ließ ich meinem Wehgeschrei vollen Lauf, und die Ankommenden, unter welchen Männer waren, die mich kannten, brachten mich, wie eine halb Wahnsinnige, nach Hause. Der Leichnam meines Bruders ward auf das Rathaus gebracht; es begann eine gräßliche Untersuchung. Glücklicherweise fiel ich in ein hitziges Fieber und war lange genug ohne den Gebrauch meiner Sinne, um meinen Gemahl nicht eher verraten zu können, als bis er bereits in völliger Sicherheit über der Grenze war. Kein Mensch zweifelte, daß er der Mörder sei, weil er an demselben Abend verschwunden war. Die Verleumdung fiel nun mit ihren greulichsten Zungen über mich her.--Alles, was andre Frauen von mir sagten, die mich meines Elends, meiner Schönheit wegen beneideten, alle Schandreden der Männer, welche nichts an mir ärgern konnte als meine Tugend, will ich hier nicht wiederholen; genug, wenn ich sage, daß man mir den Beweis, der Ermordete sei mein Bruder, durch den schändlichsten Verdacht zu erschweren suchte. Alles wollte mich in den Staub treten, um über meine gehässige Tugend zu triumphieren. Dabei genoß ich der ekelhaftesten Teilnahme aller jungen Advokaten und war im Begriffe, vor Bedrängnis und Jammer wirklich den Verstand zu verlieren. Auf ein Testament meines Mannes, zugunsten meiner, ließ ich die Apotheke unter Administration setzen und zog mich auf mehrere Jahre in ein Kloster zurück. So verstummte endlich das Gespräch, und ich beschäftigte mich während dieser Zeit mit der Zubereitung der Arzneien für die Armen, welche die Klosterfrauen verpflegten."

"Ihr Unglück rührt mich ungemein", entgegnete der Bürgermeister, "aber die Art, wie Sie von dem Betragen ihres Bruders sprachen, machte auch mir eher den Eindruck eines Geliebten als eines Bruders."

"O mein Herr", erwiderte die Fremde, "dies eben war eine Hauptursache meines Leides; er liebte mich mit größerer Leidenschaft, als er sollte, und mit der kräftigsten Seele arbeitete er dieser bösen Gewalt meiner Schönheit entgegen. Er sah mich manchmal in mehreren Jahren nicht, ja, er durfte mir selbst nicht mehr schreiben; nur die Not hatte ihn bei dem letzten Vorfalle zu mir getrieben, und so konnte ich ihm meinen Anblick doch nicht versagen. Mein Mann kannte ihn nicht, und ich hatte ihn allein geheiratet, um die Leidenschaft meines Bruders entschieden zu brechen. Ach, er hat sie selbst gebrochen mit seinem Leben! Mein Mann, von seiner Eifersucht beunruhigt, hatte sein Laboratorium früh verlassen; die Magd sagte ihm, daß ich nach dem Badehause sei; es fuhr ihm der Gedanke an Verrat durch die Seele, er steckte eine doppelte Pistole zu sich und suchte mich in dem Badehause auf. Er fand mich nicht, aber hörte die Aussage der Bademeisterin, sie habe mich zum nahgelegenen Tore hinausgehen sehen. Da erinnerte er sich des Fremden, der gestern mit ihm in dem Wäldchen geredet und ihn auch nach seiner Frau gefragt hatte; er erinnerte sich, daß derselbe Johanniswürmer gefangen, sein Verdacht erhielt Gewißheit; er eilte nach dem Wäldchen, nahte der Kapelle, hörte das Ende unsrer Unterredung: tertia mors est--er beging die schreckliche Tat."

"O, der unglückliche, arme Mann!" rief der Bürgermeister aus; "aber wo ist er, was macht er, was führt Sie hieher, konnten Sie ihm verzeihen, werden wir ihn hier wiedersehen?"