Noch unaussprechlich vieles Erbauliche, Moralische, Historische, Allegorische, Medizinische, Mystische, selbst Politische brachte Gockel in dieser schönen Leichenrede an, welche auch oft von dem lauten Schluchzen und Weinen Gockels, der Frau Hinkel und der kleinen Gackeleia unterbrochen ward. Selbst alle Vögelein gaben ihre Rührung mit leisem Piepen zu verstehen; weil aber der größte Theil der Rede aus Coleri Haushaltungsbuch und aus Gesneri Vogelbuch u.s.w. herrührte, zogen sich die zuhörenden Vögel, denen es viel zu lang dauerte, nach und nach in der Stille zurück,--und da er nun gar noch allerlei Abergläubisches von der Alektryomantie, einer Art zauberischer Wahrsagerei vermittelst der Hahnen, und von dem Hahnenei, woraus die Basilisken entstehen, vorbrachte, ward Frau Hinkel auch etwas unruhig--doch hielt sie sich noch zurück--dann aber kam er auf einen gewissen unpartheiischen Engländer zu sprechen, und was dieser von Hahnen und Hinkeln gesagt; da ward es Frau Hinkel nicht recht wohl und sie sprach: "Lieber Gockel, ich glaube, wir haben das schon gehört, wir sind auch noch nüchtern, ich fürchte die Milch wird sauer, ich habe auch noch kein Wasser zum Kaffee am Feuer, ich dächte wir hielten einen kleinen Leichenschmaus." Da lächelte der gute Gockel, umarmte Frau Hinkel und Gackeleia und begab sich, selbst ermüdet von der schlaflosen Nacht, gern mir ihr in den Hühnerstall.
Den ganzen übrigen Tag weinten Frau Hinkel und Gackeleia noch öfter, und wollten sich gar nicht zufrieden geben, daß sie an dem Tode der Gallina und Alektryo's Schuld gewesen.
Gockel gab ihnen die schönsten Ermahnungen, sie versprachen die aufrichtigste Besserung, und so entschlief die ganze Familie am Abend dieses traurigen Tages nach einem gemeinschaftlichen herzlichen Gebet.
Als Gockel in der Nacht erwachte, gedachte er der Frau Hinkel und seines Töchterleins Gackeleia mit vieler Liebe, und entschloß sich, ihnen nach dem vielen Schrecken, den sie gehabt, eine rechte Freude zu machen, und zugleich den Siegelring Salomonis zu versuchen. Er nahm daher den Ring aus der Tasche, steckte ihn an den Finger und drehte ihn an demselben herum mit den Worten:
"Salomon du weiser König,
Dem die Geister unterthänig,
Mach' mich und Frau Hinkel jung,
Trag' uns dann mit einem Sprung
Nach Gelnhausen in ein Schloß,
Gieb uns Knecht und Magd und Roß,
Gieb uns Gut und Gold und Geld,
Brunnen, Garten, Ackerfeld,
Füll' uns Küch und Keller auch,
Wie's bei großen Herrn der Brauch,
Gieb uns Schönheit, Weisheit, Glanz,
Mach' uns reich und herrlich ganz,
Ringlein, Ringlein, dreh' dich um,
Mach's recht schön, ich bitt' dich drum!"
Unter dem Drehen des Ringes und dem öfteren Wiederholen dieses Spruches schlief Gockel endlich ein. Da träumte ihm, es trete ein Mann in ausländischer reicher Tracht vor ihn, der ein grosses Buch vor ihm aufschlug, worin die schönsten Paläste, Gärten, Springbrunnen, Hausgeräthe, Kleidungsstücke, Tapeten, Schildereien, Alamode-Kutschen, Pferde, Livreen und andere dergleichen Dinge abgebildet waren, aus welchen er sich heraussuchen mußte, was ihm wohlgefiel. Gockel beobachtete bei der Wahl Alles mit großem Fleiße, was Frau Hinkel und Gackeleia gefallen konnte, denn er träumte so klar und deutlich, als ob er wache. Da er aber das Buch durchblättert hatte, schlug der Mann im Traume es so heftig zu, daß Gockel plötzlich erwachte.
Es war noch dunkel, und er war so voll von seinem Traume, daß er sich entschloß, seine Frau zu wecken, um ihr denselben zu erzählen; auch fühlte er ein so wunderbares Behagen durch alle seine Glieder, daß er sich kaum enthalten konnte, laut zu jauchzen. Da er sich immer mehr vom Schlafe erholte, empfand er die lieblichsten Wohlgerüche um sich her und konnte gar nicht begreifen, was nur in aller Welt für köstliche Gewürzblumen in seinem alten Hühnerstall über Nacht müßten aufgeblüht seyn. Als er aber, sich auf seinem Lager wendend, bemerkte, daß kein Stroh unter ihm knistre, sondern daß er auf seidenen Kissen ruhe, begann er vor Erstaunen auszurufen: "o Jemine, was ist das?" In demselben Augenblicke rief Frau Hinkel dasselbe, und dann riefen beide: "wer ist hier?" und beide antworteten: "ich bin's, Gockel!--ich bin's Hinkel!" aber sie wollten's beide nicht glauben, daß sie es seyen. Es hatte ihnen beiden dasselbe geträumt, und sie würden geglaubt haben, daß sie noch träumten, aber sie fanden gegenseitig ihre Stimmen so verändert, daß sie vor Verwunderung gar nicht zu Sinnen kommen konnten. "Gockel," flüsterte Frau Hinkel, "was ist mit uns geschehen? Es ist mir, als wäre ich zwanzig Jahre alt." "Ach ich weiß nicht," sagte Gockel, "aber ich möchte eine Wette anstellen, daß ich nicht über fünf und zwanzig alt bin." "Aber sage nur, wie kommen wir auf die seidenen Betten?" fragte Frau Hinkel, "so weich habe ich selbst nicht gelegen, als du noch Fasanenminister in Gelnhausen warst,--und die himmlischen Wohlgerüche umher,--aber ach, was ist das? Der Trauring, der mir immer so lose an dem Finger hieng, daß ich ihn oft Nachts im Bettstroh verloren, sitzt mir jetzt ganz ordentlich, so daß ich ihn eben drehen kann, ich bin gar nicht mehr so klapperdürr."--Diese letzten Worte erinnerten Gockel an den Ring Salomonis; er dachte: "ach, das mag Alles von meinem gestrigen Wunsche herkommen;" da hörte er auch Roße im Stalle stampfen und wiehern, hörte eine Thüre gehen, und es fuhr ein Licht durch die Stube an der Decke weg, als wenn jemand mit einer Laterne Nachts über den Hof geht. Er und Hinkel sprangen auf, aber sie fielen ziemlich hart auf die Nase, denn jetzt merkten sie, daß sie nicht mehr auf der ebenen Erde, sondern auf hohen Polsterbetten geschlafen hatten, und der Schein, der durch die Stube gezogen war, hatte nicht die rauhe Wand ihres Hühnerstalles, an welcher Stroh und die alte Hühnerleiter lag, sondern prächtige gemalte und vergoldete Wände, seidene Vorhänge und aufgestellte Silber-und Gold-Gefäße beleuchtet. Sie rafften sich auf von einem spiegelglatten Boden, sie stürzten sich in die Arme und weinten vor Freude, wie Kinder. Sie hatten sich so lieb, als hätten sie sich zum erstenmale gesehen. Nun bemerkten sie den Schein wieder, und sahen, daß er durch ein hohes Fenster herein fiel. Mit verschlungenen Armen liefen sie nach dem Fenster und sahen, daß es von der Laterne eines Kutschers in einer reichen Livree herkam, der in einem großen geräumigen Hof stand, Haber siebte und ein Liedchen pfiff. Im Schein der Laterne, der an das Fenster fiel, sah Gockel Hinkel an und Hinkel Gockel, und beide lachten und weinten und fielen sich um den Hals und riefen aus: "ach Gockel, ach Hinkel, wie jung und schön bist du geworden!" Da sprach Gockel: "Alektryo hat die Wahrheit gesprochen, der Ring Salomonis hat Probe gehalten, alle meine Wünsche, bei welchen ich ihn drehte, sind in Erfüllung gegangen"; und da erzählte er der Frau Hinkel, wie ihm der Mann mit dem großen Bilderbuch erschienen und er Alles heraus gesucht und den Ring dabei gedreht habe.--"Ach Gockel, Herzens-Gockel! hast du wirklich Alles so gewünscht, Alles wie es mich freuet und erquicket? Dieses lange, lange Hemd, diesen tiefrothen, chinesischen Schlafrock, fein, fein, man kann ihn ganz in den Raum einer Nuß verbergen. Gockel! und dieses seidene Netz um meine Haare--Alles, Alles so nach meiner Lust?"--"Ja", sagte Gockel, "Alles nach deiner Lust, es wird schon Tag werden, da wirst du erst sehen die hohen, hellen Räume, Sääle, um Wettrennen darin anzustellen, lauter Doppelthüren, Fußböden mit Purpurteppichen bedeckt, herrliche breite Treppen auf Säulen ruhend, Terrassen, Gallerien, offne Hallen; ach Hinkel! welche Gärten und Springbrunnen und Säulenhallen und Statuen und Aussichten und schöne Berglinien und Lorbeern-, Myrten-, Cypressen-, Citronen-, Pomeranzen-, Orangen-, Granatenhaine und eine Schaukel darin von weißen Rosen--und eine Wiege von weißen Lilien--vom Küchengarten will ich gar nicht reden, es wird dir genug seyn, wenn ich sage, daß die Pflaumenbäume ihre Aeste mit getrockneten Früchten zum Küchenfenster hineinhängen.--Was soll ich von der Garderobe sprechen, ehe ich dir nur den hundertsten Theil der Stiefelchen, Pantöffelchen, Röckchen, Schürzchen, Hütchen, Tüchelchen, Quästchen, Trottelchen u.s.w. nenne, ist es Tag, und du knieest mitten darunter und räumst und packst und probirst Alles nach der Reihe;--aber Herz Hinkel, das Schönste ist: da ist kein Zapfenbrett, wie im Hühnerministerium, nein, da stehen ganze Chöre der großartigsten, edelsten, lieblichsten, erhabensten, kindlichsten Marmorfiguren von Engeln, Genien, Denkern, Dichtern, Propheten, Göttern und Helden, und auf ihren Händen tragen sie die Kleider, die in krystallenen Schalen zwischen duftenden Blumen ruhen, in der Mitte der Garderobe stehen die drei Grazien um einen dicken Lilienbusch, und wenn du zu träge bist, dich selbst anzukleiden, trittst du zwischen die Grazien und sagst nur den Spruch deiner Ahnfrau von Hennegau:
"O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!
Schönster Baum im Paradies,
Gieb mir Das und gieb mir Dies,
Rüttel dich und schüttel dich,
Schüttel Leib und Herz und Geist,
Und was diesen zierlich heißt,
Hüllend, füllend über mich."
O Hinkel!--dein blaues, oder wie du willst, farbiges Wunder sollst du da sehen, augenblicklich sollst du da fix und fertig auf die schönste und vortheilhafteste Weise bekleidet dastehen.--Ich will nicht weiter sprechen, o Hinkel von Hennegau, von allen Kabinetten und Kabinettchen, von der Bibliothek, der Hauskapelle, der Küche, der Speisekammer, dem Saal, Ball zu schlagen, dem Musiksaal, der Gemälde-Gallerie, der Aepfelkammer, der tiefsinnigen Denkhalle, der Kinderstube, dem Karoussel, dem Badhaus, dem Hühnerhof, ach! und dem bezaubernd schönen Stall voll der edelsten Pferde und Pferdchen, vor Allem ein arabisches Schimmelchen, weiß wie der gefallne Schnee, Mähnen und Schweif mit Purpurbändern durchflochten, mit tief rothem Sammet gezäumt, Gebiß und Bügel von Gold und Rubin; ach Hinkel! und der Sattel!--der Sattel ist ihm von Natur auf den Rücken gewachsen! nun denke!"
"Lieber Gockel," sagte Frau Hinkel, "es ist nicht möglich, es ist zu viel, ich kanns nicht glauben; aber ich möchte trinken, kannst du mir nicht ein Glas Wasser herbeidrehen?"--"Geh nur links an deinen Waschtisch," erwiederte Gockel, "und halte den Krystall-Pokal zum Fenster hinaus." "O Gockel, gehe mit," sagte Hinkel, sich an seinen Arm hängend, "ich weiß nicht Bescheid hier, es ist mir ganz bang vor lauter Schönheit, ich fürchte, ich möchte über das siebente Wunder der Welt stolpern und in das achte hineinstürzen."