Am andern Tage war mit Esther sichtlich eine Veränderung vorgegangen. Sie war bleicher und ruhiger als sonst, und auf ihrem Gesicht lag ein nachdenklicher Zug. Als Hubert zum Unterricht kam, und Esther ihm im Garten entgegen lief, geschah es mit etwas zögernden Schritten, und ein brennendes Roth flog einen Augenblick über ihre Stirn. Dann aber rief sie in ihrer alten muntern Weise: »Ach Bertel, unsere schönen Pläne werden doch zu Wasser, mit dir ziehen kann ich nicht. Die andern Jungens würden doch merken, daß ich ein Mädchen bin, und dann bissen sie mich sicher zum Neste hinaus, wo ich mich einschleichen wollte, wie's neulich die Schwalben mit dem Spatz machten, weißt du wohl noch?«

Hubert sah sehr bleich aus. Er nickte still mit dem Kopfe und sagte: »Ich wußte es gleich und wollte es dir nur nicht sagen, Esther. Aber ich glaube, ich komme bald wieder; denn so allein ohne dich und ohne euch alle, — ich kann es nicht ertragen!«

Mit einem lauten Stöhnen warf er sich auf eine Bank nieder und weinte so ungestüm und leidenschaftlich, wie Esther es noch nie von ihm gesehen hatte. Erschrocken setzte sie sich zu ihm und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Dicke Thränen rollten auch über ihr Gesicht, und ihre Brust arbeitete heftig. Aber entschlossen richtete sie sich bald empor, preßte die Hände fest aufeinander und sagte leise: »Bertel, sei ruhig, einmal mußtest du ja fort, hier auf unserem Dorfe kannst du ja doch kein großer Gelehrter werden. Aber das sollst du, denn ich will stolz auf dich sein, und alle sollen es.« Und nun malte sie dem Knaben in heiterer Weise aus, wie schön es sein müsse, wenn er nun zu den Ferien nach Hause kommen und ihnen erzählen werde, wie er dort in der Stadt lebe, wie viel er jetzt lerne und studire, und welches seine Kameraden sein würden. Bertel hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt und schluchzte leise.

»Kameraden?« rief er jetzt heftig. »Sprich mir nicht von Kameraden! Bis jetzt habe ich noch keinen Jungen gefunden, der mir zugesagt hätte, und ich werde sicher auch keinen finden. Du bist mein liebster und einziger Kamerad, Esther, und du sollst es mir bleiben, das gelobe ich dir, wenn auch tausend andere um mich sein werden; dich ersetzt mir keiner!«

Er ergriff Esthers Hand und blickte finster vor sich nieder, Esther aber saß strahlenden Auges neben ihm. Ihre Lippen zitterten, aber sie sprach nicht. Sie sah ihren blonden Bertel im Geiste unter der Schaar anderer Knaben, und wie viel schöner er sein würde, als alle anderen, und wie viel klüger. Und doch war und blieb er ihr Bertel, ihr Kamerad wie bisher. Nun wollte sie auch nicht mehr daran denken, wie allein, ach so trostlos allein sie sein würde!

Esther hatte in Gedanken einen Zweig des Fliederbusches herabgezogen, unter dem sie saßen und dessen Büschel noch kahl und ohne Knospen standen.

»Wenn die blühen, bist du wieder hier, Bertel,« rief sie plötzlich und schüttelte den Zweig. »Ostern ist in diesem Jahr so früh, gerade zu Pfingsten wird dann alles blühen, Flieder, Goldregen, Schneeballen, alles, alles. Und die ersten Veilchen schicke ich dir in die Stadt, Bertel, denn da kannst du gewiß keine pflücken. Von den Erdbeeren aber und den Stachel- und Himbeeren in unserem Garten soll kein Mensch etwas bekommen, die schicke ich dir auch alle oder hebe sie dir auf, und auch die Haselnüsse unten am Wasser. Komm, wir wollen geschwind einmal nachsehen, Bertel, am Ende sind unten am Wasser schon Veilchen heraus, oder Primula veris. Weißt du auch noch, wie die braune Pflanze heißt, die zuerst im Frühjahr auf der Wiese blüht?«

Bertel's trübes Gesicht war unter dem Plaudern Esthers wieder hell geworden; jetzt lachte er und sagte: »Ach was, Botanik ist einmal nicht mein Steckenpferd, ich kann mir das Zeug nicht merken. Verrathe mich aber nicht bei deinem Vater.«

»So komm, ich will dein Mentor sein, Tussilago heißt das Pflänzchen, mein kluger Herr,« rief Esther lustig und zog ihn mit sich fort; denn was sie gewollt, hatte sie durch ihr Plaudern erreicht, Bertel vergaß seine trüben Gedanken. Und in dieser Weise gelang es ihr von jetzt an stets, ihren Kameraden zu erheitern, ob ihr selbst auch oft das arme junge Herz zerspringen wollte vor Weh. Bertel durfte nicht sehen, wie schwer ihr die Trennung wurde, sonst wäre er mit noch traurigerem Herzen von ihnen gegangen. Und wie gut hatte sie es doch im Vergleich mit ihm: Sie blieb zurück in ihrem schönen Garten und traulichen Hause, hatte Vater und Tante Booland um sich, und dort drüben den Gutshof mit Onkel und Tante Ihlefeld. Alles, ihre Blumen und Bücher, ihre Hühner, Hunde, Katzen, die Ziegen und Kaninchen im Stall und die Vögel im Walde draußen, alles blieb ihr, während der arme Bertel alles verlassen und allein hinaus mußte unter lauter fremde Menschen. War es da nicht ihre Pflicht, heiter zu sein und ihm das Herz nicht auch noch schwer zu machen? O Tante Booland hatte recht, sie durfte Bertel nichts vorklagen!