„Du mußt wissen, daß in einer Gemeinschaft, in der sich Charaktere und Temperamente ähneln, der Augenblick, in dem diese Übereinstimmung zerbricht, die Herzen der Einzelwesen zerreißt, die sich auf solche Weise miteinander verbunden fühlten. Weder Charakterstärke noch irgendeine Art von Philosophie helfen einem sensiblen Menschen, dieses Übel ohne Kummer zu ertragen. Auch die Zeit, von der es heißt, daß sie alle Wunden heilt, kann da nur wenig Linderung verschaffen. Wenn wir nicht durch die Bande der Sympathie mit einigen unserer Mitmenschen verbunden wären, gäbe es auf dieser Welt keine Trennung außer der, die durch die unvermeidlichen Naturgesetze verursacht wird, denen alles Leben unterworfen erscheint. Ein vernünftiger Mensch wird sich deshalb früher oder später mit dem Schmerz abfinden müssen, der keinem menschlichen Wesen erspart bleibt. Doch soll ich Dich in einem so wichtigen Punkt etwa täuschen, mein Kind? Gewiß nicht. Dies ist vielmehr ein Gegenstand, um darüber zu reden. Du kannst Dir selbst ein Urteil bilden. Stell dir also zwei Wesen vor, die in ihrer Veranlagung ganz verschieden sind, sich aber durch eine fragwürdige äußere Macht, sei es nun durch Konvention oder auch durch materielle Erwägungen, auf das intimste miteinander verbunden haben. Nimm an, diese Menschen haben durch eine flüchtige Täuschung ihrer Sinne zueinandergefunden. Oh, sie brauchen nur kurze Zeit, um zu erkennen, daß sie einer Illusion zum Opfer gefallen sind. Es dauert nicht lange, so lassen beide die Masken sinken, durch die sie einander getäuscht haben, jene Masken also, die ihren natürlichen Charakter verdecken. Wie glücklich werden diese beiden sein, sich wieder zu trennen!
Welch ein Glück bedeutet es, eine Kette zu sprengen, die durch die Gewohnheit zur Tortur wurde. Welch ein Glück, sich dann mit jemandem zu vereinen, der dem eigenen Charakter entspricht! Denn, meine Laurette, während zwei Menschen, deren Neigungen und Charaktere ganz und gar nicht zusammenpassen, ihre gegenseitige Gesellschaft fliehen, fühlen sie sich zu einem Wesen, das dem ihren kongenial ist, um so heftiger hingezogen. Glaube mir, die Übereinstimmung des Geschmacks und des Geistes ist für den Menschen ungleich wichtiger als der flüchtige Rausch der Sinne. Und ein Wort, eine gewisse Gedankenassoziation, ja selbst eine Gebärde kann die Übereinstimmung der Gefühle wie der Gedanken bezeugen. Überlege Dir nun, welche Qualen zwei Menschen leiden müssen, die durch die Ketten der Konvention und des gesellschaftlichen Scheins aneinander gefesselt sind, während doch alles in ihnen nach Trennung schreit. Welch eine Verstellung, welch schmerzliche Selbstbeherrschung!“
„Mein teurer Papa, Du nimmst mir alle Lust darauf, je zu heiraten. Ist das Deine Absicht?“ warf ich zutiefst betroffen ein. „Ah nein, mein Kind. Ich wollte Dir nur eine Situation vor Augen führen, die mir nur zu gut bekannt ist. Und damit Du die Natürlichkeit und Vernunft meiner Ansichten besser verstehst, empfehle ich Dir zu lesen, was der Präsident von Montesquieu in seinen „Nachdenklichen Briefen“ darüber geschrieben, hat. Wenn Alter und Vernunft Dich in die Lage versetzen, gegen unwürdige Vorurteile anzukämpfen, wird es Dir ein Leichtes sein, das richtig zu erkennen. Ich könnte Dir leicht Rechenschaft ablegen über alle Gedanken, die ich mir zu diesem Thema gemacht habe. Aber Deine Jugend erlaubt es mir nicht, mehr darüber zu sagen.“
Damit beendete mein Vater dieses Gespräch.
Und nun, meine teure Eugenie, siehst Du die Szene sich verwandeln. Eugenie, liebste Eugenie, was soll ich Dir sagen? Die Schreie, die ich um mich zu hören glaube, der Zwiespalt unter den Menschen, den die Worte meines Vaters vor mir heraufbeschworen, lassen meine Feder sich sträuben. Aber die sanften Stimmen der Liebe und Freundschaft beruhigen mich wieder. Ich fahre also mit meiner Geschichte fort.
Wiewohl mein Vater ausschließlich mit meiner Erziehung beschäftigt schien, entdeckte ich doch nach etlichen Monaten eine gewisse Verwandlung an ihm. Er schien zerstreut und unruhig. Irgendetwas, von dem ich nicht wußte, was es war, schien ihn zu beschäftigen. Nach dem Tod meiner Mutter hatte er jeden gesellschaftlichen Verkehr abgebrochen, um sich ganz der Sorge um mich zu widmen. Wir lebten in einem großen und sehr bequemen Landhaus völlig für uns. Ich hatte wenig Ablenkung, und so nahm ich seine Ideen mit großem Eifer entgegen. Die Liebkosungen, die er mir zuteil werden ließ, verdoppelten sich mit der Zeit und schienen ihn zu beleben. Seine Augen bekamen dann einen lebhaften Glanz, seine Wangen röteten sich, seine Lippen brannten auf den meinen. Er liebkoste meinen Hintern, er legte seine Hand zwischen meine Schenkel und küßte meine Lippen und meinen Busen. Einmal tauchte er mich splitternackt in ein Bad. Ah, es war köstlich! Nachdem er mich am ganzen Körper mit einer duftenden Essenz eingerieben hatte, überhäufte er mich mit seinen Küssen. Sein Busen bebte, und seine Hände taten desgleichen. Niemals zuvor hatte ich ein so köstliches Bad gehabt. Diese himmlische Unordnung hinter uns! Aber mitten in den lebhaftesten Zärtlichkeiten verließ er mich und schloß sich in seinem Zimmer ein.
Wenige Tage später hatte ich plötzlich unter seinen brennenden Küssen ein Gefühl, wie ich es noch nie gehabt hatte. Unsere Lippen hatten einander wohl unzählige Male berührt, ja selbst seine Zunge berührte meinen in Zärtlichkeit hinschmelzenden Mund. Da fühlte ich das Feuer dieser Küsse in meine Adern dringen. Aber wieder löste sich mein Vater aus meinen Armen und enteilte. Ich blieb verstört und neugierig zurück. Auf jeden Fall wollte ich entdecken, was meinen Vater dazu veranlaßte, just nach einem Augenblick solcher Zärtlichkeiten in sein Zimmer zu eilen und sich dort einzuschließen. Ich versuchte hinter das Geheimnis zu kommen, indem ich durch die Fensterscheiben spähte. Aber der Vorhang, der auf der Innenseite der Fenster angebracht war, verhinderte die Sicht, so daß ich nicht entdecken konnte, was sich dort abspielte.
Wenige Tage darauf bekam er einen Brief der ihn zu erfreuen schien. Nachdem er ihn gelesen hatte, zog er mich beiseite und sagte: „Meine liebe Laura, Du kannst nicht ohne Gouvernante bleiben, und nun teilt man mir mit, daß morgen eine kommen wird. Sie soll ausgezeichnete Qualitäten haben, man widmet ihr förmlich Elogen. Wir werden sie uns ansehen, um uns selbst ein Urteil zu bilden.“
Das war eine Neuigkeit, die mir nicht im Geringsten gefiel. Ich muß Dir gestehen, meine liebe Eugenie, daß mich ihre Ankunft jetzt schon störte, ohne daß ich hätte sagen können, warum. Diese in Aussicht gestellte Gouvernante mißfiel mir schon, obwohl ich sie noch gar nicht gesehen hatte.
Doch zurück zu den Tatsachen. Lucette kam an dem Tag, den sie angekündigt hatte. Sie war ein großes, sehr hübsches Mädchen, neunzehn oder zwanzig Jahre alt. Ihre Vorzüge waren ganz offensichtlich: Ein schöner, schneeweißer Busen, eine wundervolle Figur, an der nichts niedlich war.