Indessen war auch diese Zeit für mich nicht verloren. Ich lernte mein Fach von allen Seiten und auch von denen kennen, welche nur der eigentliche Arbeiter zu sehen bekommt; dabei trieb ich, schon aus Pietät für das Andenken meines lieben verstorbenen Wohltäters, meine mathematischen Studien eifrig fort, und mit Hilfe derselben und meiner täglichen praktischen Übung kam ich auf gewisse Entdeckungen in der Konstruktion der Öfen und der Behandlung des Coaks, die ich für Verbesserungen hielt und die sich in der Folge wirklich als solche bewährt haben. Das alles machte mich nun natürlich ein wenig übermütig, und ich fing an, mich mit Plänen zu tragen, wie ich aus dieser meiner abhängigen untergeordneten Stellung in eine Position gelangen möchte, in der ich meine Entdeckungen verwerten könnte, und die überhaupt des Sohnes meines Vaters würdiger wäre. Sie müssen nämlich wissen, daß mich das Andenken an meinen guten alten Vater, der in Herzeleid über mich zur Grube gefahren war, fortwährend verfolgte und daß ich die Empfindung nicht los werden konnte: er werde sich noch im Grabe freuen, wenn ich es trotz alledem in der Welt zu etwas Ordentlichem brächte.

So vergingen fünf Jahre, und ich fing nachgerade an, darüber ungeduldig zu werden, daß ich noch immer in meiner Dachkammer wohnte. Da wurde die Gasdirektorstelle hier vakant, und die Gesellschaft forderte befähigte Bewerber auf, sich zu melden. Es war am 21. Januar, also gerade heute vor einem Jahr, als ich die Anzeige las, und weil just mein dreißigster Geburtstag war, so hielt ich das für ein gutes Zeichen und sagte zu mir: »Courage, Gottlieb, jetzt oder nie!« Und es tat Not, daß bei der ganzen Sache so ein günstiges Omen war, sonst hätte ich doch am Ende den Mut nicht gehabt. Sie wissen, daß mit dieser Stelle zugleich die eines technischen Ober-Direktors für die sämtlichen vierzig Gasanstalten, welche die Gesellschaft bereits gegründet hat, verbunden ist. – Ich mußte also Vorgesetzter meines eigenen bisherigen Direktors werden, und das alles aus der Position eines Unteraufsehers, die ich nach wie vor einnahm. Ihr Herren müßt zugeben, daß die Sache einen etwas tollen Anstrich hatte. Aber es war im Januar des vorigen Jahres sehr kalt; durch die Ritzen meiner Dachstube pfiff der eisige Wind; mich fror und hungerte wechselweise gar erbärmlich, und wenn der Teufel damals auf mich geboten hätte, ich glaube, er hätte mich billig haben können.

Ebenso gut aber wie zum Teufel, dachte ich, könne ich auch auf das Komtor der Firma Jäger, Breitkopf u. Co. gehen und mich als Kandidaten für die erledigte Stelle präsentieren.

Die Sache war aber nicht ganz so leicht, wie sie aussah. Zuerst war Gefahr im Verzuge, denn ich wußte, daß sich bereits binnen der drei ersten Tage zweiundzwanzig Bewerber gemeldet hatten; und doch konnte ich vor dem nächsten Sonnabend, wo ich nach der Morgenwache einen freien Nachmittag hatte, meinen Posten nicht verlassen. Sodann fehlte es mir gänzlich an einer Garderobe, die für den feierlichen Akt berechnet gewesen wäre. Mit den Stiefeln und der Wäsche ging es ungefähr, auch ein paar schwarze Beinkleider fanden sich, die ihren Zweck zu erfüllen versprachen, wenn ich die Nähte mit Tinte nachschwärzte. Eine weiße Weste kaufte ich mir merkwürdig billig bei meinem Antipoden, einem Trödler, der fünf Stock unter mir im Keller desselben Hauses wohnte. Es fehlte jetzt nur noch an einem Frack, und den lieh mir mein damaliger Kollege und jetziger Ober-Aufseher und hoffentlich lebenslänglicher Freund, Hans Ohnesorge, der vor vierzehn Tagen Hochzeit gemacht hatte und im Vollbesitze eines neuen, vor Neuheit, wie mir schien, geradezu strahlenden Fracks war.

Hans Ohnesorge, sagte ich, als er mich am Sonnabend Mittag ablöste und ich den Frack, den er mir, in ein Tuch geschlagen, mitgebracht hatte, im Gasometergebäude anprobierte, Hans Ohnesorge, ich kann nicht dafür stehen, daß ich Ihnen nicht die Nähte an den Ärmeln oder gar den ganzen Rücken herausplatze.

Immer d'rauf, Herr Roland, sagte Hans Ohnesorge; wenn Sie die Stelle bekommen, können Sie mir ja einen andern schenken, und wenn Sie die Stelle nicht bekommen – aber das ist ja gar nicht möglich! Ein Mann wie Sie braucht ja nur merken zu lassen, daß es ihm Ernst ist, da geht es ja von selbst.

Hans Ohnesorge, müssen Sie wissen, hielt mich so ziemlich für den größten Mann meines Jahrhunderts. Ich war ihm sein Held, sein Ideal; und wenn ich gesagt hätte: Hans Ohnesorge, ich bin entschlossen, Kaiser von Fez und Marokko zu werden, er würde gesagt haben: Immer d'rauf, Herr Roland; das ist Ihnen ja eine Kleinigkeit.

Nun, Ihr Herren, ich lachte freilich über die treuherzige Einfalt des guten Gesellen, aber so ganz geheuer war mir denn doch nicht, als ich in dem engen Frack vor dem Komtor von Jäger, Breitkopf & Co. stand und erst leise, dann lauter und zuletzt sehr laut anklopfte.

Herein, sagte endlich eine scharfe Stimme. Ich glaubte anfänglich, es habe irgendwo in der Nähe eine Tür geknarrt, aber es war wirklich eine Menschenstimme gewesen, und so trat ich denn ein.

In dem großen Zimmer befand sich in diesem Augenblick – es war nämlich schon etwas spät geworden und die Komtoristen waren zum Essen gegangen – niemand Geringeres, als – na, Ihr Herren, meine Frau ist glücklich in ihrer Ecke eingeschlafen, und so kann ich Ihnen sans gêne sagen, wie mein würdiger Schwiegervater ausschaut, wenn man ihn zum ersten Male – besonders in der Stunde vor Tisch, wo er hungrig und beißig ist, sieht: wie das Titelkupfer auf dem englischen Punch ohne den Mops und den Höcker, aber noch ein wenig grimmiger – ja, wie er mir an dem Mittag vorkam, ganz außergewöhnlich, und so zu sagen: polizeiwidrig grimmig und menschenbeißig.