"Du Tor", sagte sie, wie in einem Gespräche fortfahrend, "darf auch
ein Mädchen zu einem Jüngling sagen: ich liebe dich? Sie muß ihr
Inneres verlarven und verkleidet Wunsch und Geständnis in Zorn und
Drohung. Auch, wie könnte sich irgendein reines Weib mit einiger
Ruhe und Sicherheit dir zu eigen geben? Und dennoch: Gerade deine
viele Sünde, die ich strafen muß, ist es, die mich an dich kettet.
Die Schuld liegt in deinen zauberischen Augen, mit denen du frevelst.
Reiße sie aus und wirf sie von dir!"
Don Giulio wunderte sich im Traume, wie frech und vertraut die stolze Angela zu ihm rede; er lauschte bange, was da noch kommen werde, und als sie schwieg, wuchs seine Angst von Augenblick zu Augenblick. Er wollte sich aufschnellen, war aber von unsichtbaren Banden an den Boden gefesselt und außerstande, die kleinste Bewegung zu machen.
"Du willst nicht?" begann jetzt die Traum-Angela wieder; "aber es ist einmal nicht anders." Damit tauchte sie den Finger in eine Schale, die sie in der Linken hielt, und träufelte dem Ärmsten, der sich umsonst zu winden und das Haupt abzuwenden suchte, einen Tropfen roter Flüssigkeit zuerst in das eine und dann in das andere Auge. Ihn durchzuckte ein entsetzlicher Schmerz, und tiefe Finsternis, dunkler als die schwärzeste sternlose Nacht, umfing ihn.
Don Giulio heulte vor Unglück und erwachte in den Armen des Banditen, der ihn mit unverhohlenem Grauen betrachtete.
"Schlimm geträumt, Herrlichkeit!" sagte Kratzkralle.
"Entsetzlich! Mir war, ich werde geblendet."
"Ich sah die Sache vorgehen auf Eurem erlauchten Angesicht", meinte der Bandit. "Meine Verehrungen, Herrlichkeit! Doch nun beurlaubt mich."
Er verbeugte sich, blieb aber stehen, wie durch eine gewisse Zärtlichkeit zurückgehalten, und begann mit bedenklicher Miene und gedämpfter Stimme: "Wenn die junge Herrlichkeit einem armen Manne Glauben schenken will, so verzieht sie sich sachte von hier in dieser gegenwärtigen Stunde noch, sucht ein Klösterlein auf—Sant Andrea in den Stauden liegt nahe, der Heilige ist gut und die dortige Brüderschaft diskret—, gibt jedem Bettler, dem sie auf dem Wege begegnet, ein Goldstück, tut in Sant Andrea ein gewichtiges Gelübde, verschließt sich in eine Zelle und zieht sich das Bettuch über die lieben bedrohten Augen. Die heilige Jungfrau bewahre sie Euch!" schloß er mit Inbrunst.
"Bist du traumgläubig?" scherzte Don Giulio, der schnell seine
Sicherheit wiedergewonnen hatte.
"Ich weiß, was ich weiß", versetzte der Bandit. "Mir hat einst geträumt, ebenso eindrücklich wie Euch heute, ich ersteche meinen Schwager. Erwacht, tat ich das Mögliche von frommen Dingen; aber es mußte nur sein."