Mit brennenden Wangen, in der Schönheit des Wahnsinns, unfähig, dem
Dämonenruf zu widerstehen, unempfindlich in diesem Moment für Furcht
und Ehre, bestrickte Lukrezia den Richter, Leib und Seele, mit einem
Blicke der Verführung.
Sie hielt ihn auf dem Balkone zurück, während der Herzog ins Gemach trat und sich an den Tisch setzte, der sich inzwischen mit eben angelangten, alle von Rom oder Neapel kommenden, an ihn und den Kardinal gerichteten Briefen bedeckt hatte.
Der beim Eintritte der Boten auflebende Ippolito hatte sich erhoben und gesellte sich seinem Bruder. Sie entsiegelten die Botschaften und waren bald in das wichtigste Gespräch versunken; denn alle diese Papiere handelten nur von einem Gegenstande, der Befreiung des Cesare Borgia und der Aussicht auf seine baldige Erscheinung in Italien.
Der fernblickende Kardinal war von der Größe der politischen Gefahr überzeugt und hingenommen, doch entging ihm auch das Nächste nicht, er ahnte den Zusammenhang. Sein Auge streifte den jetzt mit der Herzogin in einer Fensternische sich unterhaltenden Großrichter und verfolgte die reizenden Biegungen und Wendungen ihres zarten Schlangenhalses.
Mit dem frevelhaftesten Mut nahm in Gegenwart des Herzogs Lukrezia
Borgia von Herkules Strozzi für den Bruder Besitz. Der verwildernde
Strozzi verlangte noch frevelhafter seines Wunsches gewährt zu sein,
bevor er in so gefährlicher Sendung das Leben wage. Da bebte
Lukrezia vor Zorn und Abneigung.
"Geh!" flüsterte sie ihm zu, und das Licht ihres Verstandes durchblitzte ihre Leidenschaft. "Geh zu Cesare! Schiebe nicht auf!… Willst du warten, Tor, bis der Herzog das Kommen meines Bruders erfährt und uns allen bei Lebensstrafe verbietet, mit ihm zu verkehren?… Dann erst ist dein Leben verwirkt. Eile!… Sieh hinüber… jetzt vernimmt er das Ereignis! Fort aus den Toren von Ferrara!"
Strozzi zögerte aus schlimmen Absichten, und schon kam der Rat zu spät.
Vor dem Herzog stand sein Haushofmeister, dem er den Auftrag gab, sofort den ganzen Hofstaat und alles Ingesinde des Palastes in die römische Kammer zusammenzurufen.
In wenigen Minuten füllte sich diese. Der Herzog trat in die Mitte der Versammlung und redete, Lukrezia fest an der Hand haltend:
"Ihr alle! Eben erhielt ich gewisse Nachricht, daß Don Cesare Borgia, den sie den Herzog der Romagna nannten, aus Spanien entflohen ist und jeden Augenblick unter uns erscheinen kann.