Da war es, als knickten die Zweige und rauschten leichte Tritte auf dem Rasen. Es wurde wieder still. Jetzt präludierte leise eine Laute. Und jetzt vernahm Lukrezias Ohr aus der Tiefe des Turmes und einer männlichen Brust einen sanft beginnenden und in Sehnsucht anschwellenden Gesang:

"Ich glaube, daß im Maienduft der reine
Gestirnte Himmel glänzt, ich kann's nicht schauen!
Ein einz'ger Stern darf meinen Himmel zieren…
Und, wehe, meinen Stern muß ich verlieren,
Dich, treues Weib, die Liebende, die Meine!
Mein Leben kehrt zurück in stummes Grauen!
Der Freund war mein Verderben,
Ich muß vergehn und sterben,
Mißgünstig schickt der Bruder mich von dannen,
In öde, fremde Kerker mich zu bannen."

Lukrezia war nicht im Zweifel, daß sie Don Giulios markige Stimme
hörte; bevor sie aber die Bedeutung dieser in Wohllaut klagenden
Worte erfassen konnte, antwortete eine andre Nachtigall aus den
Feigenbäumen empor.

Auch diese weiche Altstimme war ihr wohlbekannt. Angela sang:

"Getrost! An diesem Tag, der schon im Osten
Den Himmel bleicht, geb ich Lukrezien Kunde
Von unsrer Treu', zerreißend feige Schleier,
Und wir begehen unsre Hochzeitsfeier,
Gemeinsam fürder Lieb' und Leid zu kosten,
Und wär' es auch in eines Kerkers Grunde!
Willkommen, junge Klarheit!
Willkommen, Tag der Wahrheit!
Von Haft zu Haft bis in das Reich der Schatten
Begleit ich den geliebtesten der Gatten."

Nach einer großen Überraschung und einer Aufwallung von Ärger, die ebensosehr ihrer eigenen jahrelangen Unaufmerksamkeit als dem Geschehenen galt, empfand die Herzogin, lebensklug, wie sie war, jene Beruhigung, die in der vollendeten Tatsache liegt. Denn, wie sie die Base kannte, war es für sie Gewißheit, daß der Zwiegesang am "vergessenen" Turme ein entschlossenes Opfer Angelas und eine vorangegangene Trauung bedeutete, und sie ahnte auch mit Sicherheit, welcher Priester diesen unwiderruflichen Akt vollzogen habe.

"Der gottlose Franziskaner", schalt sie ganz im Ernste, indem sie sich auf ihr Lager zurückzog, wo sie, ihr leichtes Haupt auf das Kissen legend und ihre Gedanken abwerfend, entschlummerte.

Sie schlief in den hellen Morgen hinein, und als sie erwachte, erblickte sie Angela, die mit bittenden Augen an ihrem Lager kniete.

Sie aber schloß ihre Lider noch einmal, legte das blonde Haupt auf das Polster zurück und sprach abwehrend:

"Verschone mich mit deiner Bitte, die ich ungesagt kenne… Du willst mich wieder bei den Klarissen zurückhalten, weil du der geistlichen Übungen nicht satt wirst, du Fromme! Diesmal kann es nicht sein… ich erwarte die Verfügung des Herzogs. Und liegt dort nicht schon ein Schreiben Don Alfonsos? Du hast es mir während meines Schlummers gebracht? Gib es mir gleich!"