Julian, der schüchterne, begrüsste das Mädchen, welches ihm die Fingerspitzen bot, ohne grosse Verlegenheit, was mich wunderte und freute. 'Mirabelle Miramion', nannte sie mir die Gräfin, 'ein prächtiger Name, nicht wahr, Fagon?' Ich betrachtete das schöne Kind, und mir fiel gleich jenes 'blaue Liebchen' ein, mit welchem Mouton den Knaben aufgezogen. In der Tat, sie hatte grosse blaue, flehende Augen, eine kühle, durchsichtige Farbe und einen kaum vollendeten Wuchs, der noch nichts als eine zärtliche Seele ausdrückte.
Mit einer kindlichen, glockenhellen Stimme, welche zum Herzen ging, begann sie, da mich ihr die Gräfin als den Leibarzt des Königs vorstellte, folgendermassen: 'Erster der Ärzte und Naturforscher, ich verneige mich vor Euch in diesem weltberühmten Garten, welchen Euch die Huld des mächtigsten Herrschers, der dem Jahrhundert den Namen gibt, in seiner volkreichen und bewundernswerten Hauptstadt gebaut hat.' Ich wurde so verblüfft von dieser weitläufigen verblühten Rhetorik in diesem kleinen lenzfrischen Munde, dass ich der Alten das Wort liess, welche gutmütig verdriesslich zu schelten begann: 'Lass es gut sein, Bellchen. Fagon schenkt dir das übrige. Unter Freunden, Kind—denn Fagon ist es und kein Spötter—, wie oft hab' ich dich schon gebeten in den drei Wochen, da ich dich um mich habe, von diesem verwünschten gespreizten provinzialen Reden abzulassen. So spricht man nicht. Dieser hier ist nicht der erste der Ärzte, sondern schlechthin Herr Fagon. Der botanische Garten ist kurzweg der botanische Garten, oder der Kräutergarten, oder der königliche Garten. Paris ist Paris und nicht die Hauptstadt, und der König begnügt sich damit, der König zu sein. Merke dir das.' Der Mund des Mädchens öffnete sich schmerzlich, und ein Tränchen rieselte über die blühende Wange.
Da wendete sich zu meinem Erstaunen Julian in grosser Erregung gegen die Alte. 'Um Vergebung, Frau Gräfin!' sprach er kühn und heftig. 'Die Rhetorik ist eine geforderte, unentbehrliche Sache und schwierig zu lernen. Ich muss das Fräulein bewundern, wie reich sie redet, und Père Amiel, wenn er sie hörte—'
'Père Amiel!'—die Gräfin brach in ein tolles Gelächter aus, bis sie das Zwerchfell schmerzte—, 'Père Amiel hat eine Nase! aber eine Nase! eine Weltnase! Stelle dir vor, Fagon, eine Nase, welche die des Abbé Genest beschämt! Was ich im Collège zu schaffen hatte? Ich holte dort meinen Neffen ab—du weisst, Fagon, ich habe die Kinder von zwei verstorbenen Geschwistern auf dem Halse—meinen Neffen, den Guntram—armer, armer Junge!—und wurde, bis Père Tellier, der Studienpräfekt, zurückkäme, in die Rhetorik des Père Amiel geführt. O Gott! o Gott!' Die Gräfin hielt sich den wackelnden Bauch. 'Hab' ich gelitten an verschlucktem Lachen! Zuerst das sich ermordende römische Weibsbild! Der Pater erdolchte sich mit dem Lineal. Dann verzog er süss das Maul und hauchte: 'Paete, es schmerzt nicht!' Aber was wollte das heissen gegen die sterbende Cleopatra mit der Viper! Der Père setzte sich das Lineal an die linke Brustwarze und liess die Äuglein brechen. Dass du das nicht gesehen hast, Fagon!… Ih!' kreischte sie plötzlich, dass es mir durch Mark und Bein ging, 'da ist ja auch Père Tellier!', und sie deutete auf den Wolf, von welchem wir uns nicht über zwanzig Schritte entfernt hatten. 'Wahrhaftig, Père Tellier, wie er leibt und lebt! Gehen wir weg von deinen garstigen Tieren, Fagon, zu deinen wohlriechenden Pflanzen! Gib mir den Arm, Julian!'
'Frau Gräfin erlauben', fragte dieser, 'warum nanntet Ihr den Guntram einen armen Jungen, ihn, der jetzt den Lilien folgt, wenn er nicht schon die Ehre hat, die Fahne des Königs selbst zu tragen?'
'Ach, ach!' stöhnte die Gräfin mit plötzlich verändertem Gesichte, und den Tränen des Gelächters folgten die gleichfarbigen des Jammers, 'warum ich den Guntram einen armen Jungen nannte? Weil er gar nicht mehr vorhanden ist, Julian, weggeblasen! Dazu bin ich in den Garten gekommen, wo ich dich vermutete, um dir zu sagen, dass Guntram gefallen ist, denke dir, am Tag nach seiner Ankunft beim Heer. Er wurde gleich eingestellt und führte eine Patrouille so tollkühn und unnütz vor, dass ihn eine Stückkugel zerriss, nicht mehr nicht weniger als den weiland Marschall Turenne. Stelle dir vor, Fagon: der Junge hatte noch nicht sein sechzehntes erreicht, strebte aber aus dem Collège, wo er rasch und glücklich lernte, wachend und träumend nach der Muskete. Und dabei war er kurzsichtig, Fagon, du machst dir keinen Begriff. So kurzsichtig, dass er auf zwanzig Schritte nichts vor sich hatte als Nebel. Natürlich haben ich und alle Vernünftigen ihm den Degen ausgeredet—nutzte alles nichts, denn er ist ein Starrkopf erster Härte. Ich stritt mich mütterlich mit dem Jungen herum, aber eines schönen Tages entlief er und rannte zu deinem Vater, Julian, der eben in den Wagen stieg, um sein niederländisches Commando zu übernehmen. Dieser befragte das Kind, wie er mir jetzt selbst geschrieben hat, ob es unter einem väterlichen Willen stünde, und als der Junge verneinte, liess ihn der Marschall in seinem Reisezuge mitreiten. Nun fault der kecke Bube dortüben'—sie wies nördlich—'in einem belgischen Weiler. Aber die schmalen Erbteile seiner fünf Schwestern haben sich ein bisschen gebessert.'
Ich las auf dem Gesichte Julians, wie tief und verschiedenartig ihn der Tod seines Gespielen bewegte. Jenen hatte der Marschall in den Krieg genommen und sein eigenes Kind auf einer ekeln Schulbank sitzen lassen. Doch der Knabe glaubte so blindlings an die Gerechtigkeit seines Vaters, auch wenn er sie nicht begriff, dass die Wolke rasch über die junge Stirn wegglitt und einem deutlichen Ausdruck der Freude Raum gab.
'Du lachst, Julian?' schrie die Alte entsetzt.
'Ich denke', sagte dieser bedächtig, als kostete er jedes Wort auf der
Zunge, 'der Tod für den König ist in allen Fällen ein Glück.'
Diese ritterliche, aber nicht lebenslustige Maxime und der unnatürlich glückliche Ton, in welchem der Knabe sie aussprach, beelendete die gute Gräfin. Ein halbverschluckter Seufzer bezeugte, dass sie das Leiden des Knaben und seine Mühe zu leben wohl verstand. 'Begleite Mirabellen, Julian', sagte sie, 'und geht uns voraus, dorthin nach den Palmen, nicht zu nahe, denn ich habe mit Fagon zu reden, nicht zu fern, damit ich euch hüte.'