"Je schlechter die Rinne, desto köstlicher das darin fliessende himmlische Wasser", bemerkte die Marquise erbaulich. Sie liebte die Jesuiten nicht, welche dem Ehebunde der Witwe Scarrons mit der Majestät entgegengearbeitet und kraft ihrer weiten Moral das Sakrament in diesem königlichen Falle für überflüssig erklärt hatten. So tat sie den frommen Vätern gelegentlich gern etwas zuleide, wenn sie dieselben im stillen krallen konnte. Jetzt schwieg sie, und ihre dunklen mandelförmigen, sanft schwermütigen Augen hingen an dem Munde des Gemahls mit einer bescheidenen Aufmerksamkeit.
Der König kreuzte die Füsse, und den Demantblitz einer seiner Schuhschnallen betrachtend, sagte er leichthin: "Dieser Fagon! Er wird unerträglich! Was er sich nicht alles herausnimmt!"
Fagon war der hochbetagte Leibarzt des Königs und der Schützling der
Marquise. Beide lebten sie täglich in seiner Gesellschaft und hatten
sich auf den Fall, dass er vor ihnen stürbe, Asyle gewählt, sie
Saint-Cyr, er den botanischen Garten, um sich hier und dort nach dem
Tode des Gebieters einzuschliessen und zu begraben.
"Fagon ist Euch unendlich anhänglich", sagte die Marquise.
"Gewiss, doch entschieden, er erlaubt sich zu viel", versetzte der
König mit einem leichten halb komischen Stirnrunzeln.
"Was gab es denn?"
Der König erzählte und hatte bald zu Ende erzählt. Er habe bei der heutigen Audienz seinen neuen Beichtiger gefragt, ob die Tellier mit den Le Tellier, der Familie des Kanzlers, verwandt wären? Doch der demütige Père habe dieses schnell verneint und sich frank als den Sohn eines Bauern in der untern Normandie bekannt. Fagon habe unweit in einer Fensterbrüstung gestanden, das Kinn auf sein Bambusrohr gestützt. Von dort, hinter dem gebückten Rücken des Jesuiten, habe er unter der Stimme, aber vernehmlich genug, hergeflüstert: "Du Nichtswürdiger!" "Ich hob den Finger gegen Fagon", sagte der König, "und drohte ihm."
Die Marquise wunderte sich. "Wegen dieser ehrlichen Verneinung hat Fagon den Pater nicht schelten können, er muss einen andern Grund gehabt haben", sagte sie verständig.
"Immerhin, Madame, war es eine Unschicklichkeit, um nicht mehr zu sagen. Der gute le Lachaise, taub wie er endlich doch geworden ist, hörte es freilich nicht, aber mein Ohr hat es deutlich vernommen, Silbe um Silbe. 'Niederträchtiger!' blies Fagon dem Pater zu, und der Misshandelte zuckte zusammen."
Die Marquise schloss lächelnd aus dieser Variante, dass Fagon einen derbern Ausdruck gebraucht habe. Auch in den Mundwinkeln des Königs zuckte es. Er hatte sich von jung an zum Gesetze gemacht, wozu er übrigens schon von Natur neigte und was er dann bis an sein Lebensende hielt, niemals, auch nicht erzählungsweise, ein gemeines oder beschimpfendes, kurz ein unkönigliches Wort in den Mund zu nehmen.