"Da die Pferde vor einer Viertelstunde nicht anlangen konnten, trat ich bei einem dem Professhause gegenüber wohnenden Bader, meinem Klienten, ein und bestellte ein laues Bad, denn ich war angegriffen. Während das Wasser meine Lebensgeister erfrischte, machte ich mir die herbsten Vorwürfe, den mir anvertrauten Knaben vernachlässigt und seine Befreiung verschoben zu haben. Nach einer Weile störte mich durch die dünne Wand ein unmässiges Geplauder. Zwei Mädchen aus dem untern Bürgerstande badeten nebenan. 'Ich bin so unglücklich!' schwatzte die eine und kramte ein dummes Liebesgeschichtchen aus, 'so unglücklich!' Eine Minute später kicherten sie zusammen. Während ich meine Lässigkeit verklagte und eine zentnerschwere Last auf dem Gewissen trug, schäkerten und bespritzten sich neben mir zwei leichtfertige Nymphen.

In Versailles—"

König Ludwig wendete sich jetzt gegen Dubois, den Kammerdiener der Marquise, der, leise eingetreten, flüsterte: "Die Tafel der Majestät ist gedeckt." "Du störst, Dubois", sagte der König, und der alte Diener zog sich zurück mit einem leisen Ausdrucke des Erstaunens in den geschulten Mienen, denn der König war die Pünktlichkeit selber.

"In Versailles", wiederholte Fagon, "fand ich den Marschall tafelnd mit einigen seiner Standesgenossen. Da war Villars, jeder Zoll ein Prahler, ein Heros, wie man behauptet und ich nicht widerspreche, und der unverschämteste Bettler, wie du ihn kennst, Majestät; da war Villeroy, der Schlachtenverlierer, der nichtigste der Sterblichen, der von den Abfällen deiner Gnade lebt, mit seinem unzerstörlichen Dünkel und seinen grossartigen Manieren; Grammont mit dem vornehmen Kopfe, der mich gestern in deinem Saale, Majestät, und an deinen Spieltischen mit gezeichneten Karten betrogen hat, und Lauzun, der unter seiner sanften Miene gründlich Verbitterte und Boshafte. Vergib, ich sah deine Höflinge verzerrt im grellen Lichte meiner Herzensangst. Auch die Gräfin Mimeure war geladen und Mirabelle, die neben Villeroy sass, welcher dem armen Kinde mit seinen siebzigjährigen Geckereien angst und bange machte.

Julian war von seinem Vater zur Tafel befohlen und bleich wie der Tod.
Ich sah, wie ihn der Frost schüttelte, und betrachtete unverwandt das
Opfer mit heiliger Scheu.

Das Gespräch—gibt es beschleunigende Dämonen, die den Steigenden stürmisch emporheben und den Gleitenden mit grausamen Füssen in die Tiefe stossen?—das Gespräch wurde über die Disziplinarstrafen im Heere geführt. Man war verschiedener Meinung. Es wurde gestritten, ob überhaupt körperlich gezüchtigt werden solle, und wenn ja, mit welchem Gegenstande, mit Stock, Riemen oder flacher Klinge. Der Marschall, menschlich wie er ist, entschied sich gegen jede körperliche Strafe, ausser bei unbedingt entehrenden Vergehen, und Grammont, der falsche Spieler, stimmte ihm bei, da die Ehre, wie Boileau sage, eine Insel mit schroffen Borden sei, welche, einmal verlassen, nicht mehr erklommen werden könne. Villars gebärdete sich, wenn ich es sagen soll, wie ein Halbnarr und erzählte, einer seiner Grenadiere habe, wahrscheinlich ungerechterweise gezüchtigt, sich mit einem Schusse entleibt, und er—Marschall Villars—habe in den Tagesbefehl gesetzt: Lafleur hätte Ehre besessen auf seine Weise. Das Gespräch kreuzte sich. Der Knabe folgte ihm mit irren Augen. 'Schläge', 'Ehre', 'Ehre', 'Streiche' scholl es hin- und herüber. Ich flüsterte dem Marschall ins Ohr: 'Julian ist leidend, er soll zu Bette.' 'Julian darf sich nicht verwöhnen', erwiderte er. 'Der Knabe wird sich zusammennehmen. Auch wird die Tafel gleich aufgehoben.' Jetzt wendete sich der galante Villeroy gegen seine schüchterne Nachbarin. 'Gnädiges Fräulein', näselte er und spreizte sich, 'Sprecht, und wir werden ein Orakel vernehmen!' Mirabelle, schon auf Kohlen sitzend, überdies geängstigt durch das entsetzliche Aussehen Julians, verfiel natürlich in ihre Gewöhnung und antwortete: 'Körperliche Gewalttat erträgt kein Untertan des stolzesten der Könige: ein so Gebrandmarkter lebt nicht länger!' Villeroy klatschte Beifall und küsste ihr den Nagel des kleinen Fingers. Ich erhob mich, fasste Julian und riss ihn weg. Dieser Aufbruch blieb fast unbemerkt. Der Marschall mag denselben bei seinen Gästen entschuldigt haben.

Während ich den Knaben entkleidete—er selbst kam nicht mehr damit zustande—, sagte er: 'Herr Fagon, mir ist wunderlich zumute. Meine Sinne verwirren sich. Ich sehe Gestalten. Ich bin wohl krank. Wenn ich stürbe—' Er lächelte. 'Wisset Ihr, Herr Fagon, was heute bei den Jesuiten geschehen ist? Lasset meinen Vater nichts davon wissen! nie! nie! Es würde ihn töten!' Ich versprach es ihm und hielt Wort, obgleich es mich kostete. Noch zur Stunde ahnt der Marschall nichts davon.

Den Kopf schon im Kissen, bot mir Julian die glühende Hand. 'Ich danke Euch, Herr Fagon… für alles… Ich bin nicht undankbar wie Mouton.'

Deine Majestät zu bemühen, war jetzt überflüssig. In der nächsten Viertelstunde schon redete Julian irre. Prozess und Urteil lagen in den Händen der Natur. Die Fieber wurden heftig, der Puls jagte. Ich liess mir ein Feldbett in der geräumigen Kammer aufschlagen und blieb auf dem Posten. In das anstossende Zimmer hatte der Marschall seine Mappen und Karten tragen lassen. Er verliess seinen Arbeitstisch stündlich, um nach dem Knaben zu sehen, welcher ihn nicht erkannte, Ich warf ihm feindselige Blicke zu. 'Fagon, was hast du gegen mich?' fragte er. Ich mochte ihm nur nicht antworten.

Der Knabe phantasierte viel, aber im Bereiche seines lodernden Blickes schwebten nur freundliche und aus dem Leben entschwundene Gestalten. Mouton erschien, und auch Mouton der Pudel sprang auf das Bette. Am dritten Tage sass die Mutter neben Julian.