"Welcher Beiname?" fragte Fagon neugierig.

"'Le bel idiot'… und das Zucken eines Paares hochmütiger Brauen verriet mir, wer ihn dem Knaben beschert hat."

"Lauzun?" riet der König.

"Saint-Simon", berichtigte die Marquise. "Ist er doch an unserem Hofe das lauschende Ohr, das spähende Auge, das uns alle beobachtet"—der König verfinsterte sich—, "und die geübte Hand, die nächtlicherweile hinter verriegelten Türen von uns allen leidenschaftliche Zerrbilder auf das Papier wirft! Dieser edle Herzog, Sire, hat es nicht verschmäht, den unschuldigsten Knaben mit einem seiner grausamen Worte zu zeichnen, weil ich Harmlose, die er verabscheut, an dem Kinde ein flüchtiges Wohlgefallen fand und ein gutes Wort an dasselbe wendete." So züngelte die sanfte Frau und reizte den König, ohne die Stirn zu falten und den Wohlklang ihrer Stimme zu verlieren.

"Der schöne Stumpfsinnige", wiederholte Fagon langsam. "Nicht übel. Wenn aber der Herzog, der neben seinen schlimmen auch einige gute Eigenschaften besitzt, den Knaben gekannt hätte, wie ich ihn kennenlernte und er mir unvergesslich geblieben ist, meiner Treu! der gallichte Saint-Simon hätte Reue gefühlt. Und wäre er wie ich bei dem Ende des Kindes zugegen gewesen, wie es in der Illusion des Fiebers, den Namen seines Königs auf den Lippen, in das feindliche Feuer zu stürzen glaubte, der heimliche Höllenrichter unserer Zeit, wenn die Sage wahr redet, denn niemand hat ihn an seinem Schreibtische gesehen—hätte den Knaben bewundert und ihm eine Träne nachgeweint."

"Nichts mehr von Saint-Simon, ich bitte dich, Fagon", sagte der König, die Brauen zuammenziehend. "Mag er verzeichnen, was ihm als die Wahrheit erscheint. Werde ich die Schreibtische belauern? Auch die grosse Geschichte führt ihren Griffel und wird mich in den Grenzen meiner Zeit und meines Wesens lässlich beurteilen. Nichts mehr von ihm. Aber viel und alles, was du weisst, von dem jungen Boufflers. Er mag ein braver Junge gewesen sein. Setze dich und erzähle!" Er deutete freundlich auf einen Stuhl und lehnte sich in den seinigen zurück.

"Und erzähle hübsch bequem und gelassen, Fagon", bat die Marquise mit einem Blick auf die schmucken Zeiger ihrer Stockuhr, welche zum Verwundern schnell vorrückten.

"Sire, ich gehorche", sagte Fagon, "und tue eine untertänige Bitte. Ich habe heute den Père Tellier in Eurer Gegenwart misshandelnd mir eine Freiheit genommen und weiss, wie ich mich aus Erfahrung kenne, dass ich, einmal auf diesen Weg geraten, an demselben Tage leicht rückfällig werde. Als Frau von Sablière den guten—oder auch nicht guten—Lafontaine, ihren Fabelbaum, wie sie ihn nannte, aus dem schlechten Boden, worein er seine Wurzeln gestreckt hatte, ausgrub und wieder in die gute Gesellschaft verpflanzte, willigte der Fabeldichter ein, noch einmal unter anständigen Menschen zu leben, unter der Bedingung jedoch, jeden Abend das Minimum von drei Freiheiten—was er so Freiheiten hiess—sich erlauben zu dürfen. In ähnlicher und verschiedener Weise bitte ich mir, soll ich meine Geschichte erzählen, drei Freiheiten aus… "

"Welche ich dir gewähre", schloss der König.

Drei Köpfe rückten zusammen: der bedeutende des Arztes, das olympische Lockenhaupt des Königs und das feine Profil seines Weibes mit der hohen Stirn, den reizenden Linien von Nase und Mund und dem leicht gezeichneten Doppelkinne.