"Pate"—das Mädchen war von seinem Sitze aufgesprungen, und seine schlanke Gestalt bebte vor Unwillen—"ich meinte bisher, Ihr hättet—trotz mancher Wunderlichkeit—das Herz am rechten Flecke. Aber ich habe mich geirrt und fange an zu glauben, hier sei bei Euch etwas nicht in Ordnung!", und sie wies mit einer kleinen Gebärde des Zeigefingers nach der linken Brustseite des Generals. "Ich hielt Euch", fügte sie freundlicher hinzu, "für eine Art Rübezahl… so heißt doch der Geist des Riesengebirges, von dessen Koboldstreichen Ihr so lustig zu erzählen wißt?…"
"Dem es zuweilen Spaß macht, Gutes zu tun, und der, wenn er Gutes tut, dabei sich einen Spaß macht."
"So ungefähr. Doch, wie gesagt, wenn Ihr ebenso boshaft seid wie der Berggeist—von Wohltat ist dabei nichts sichtbar. Ihr werdet den Vater noch ins Verderben stoßen. Wären unsere Mythikoner im Grund nicht so gute Leute, die ihren Pfarrer decken, wo sie können, längst wäre in Zürich gegen ihn Klage erhoben worden. Und mit Recht; denn ein Geistlicher, der wachend und träumend keinen andern Gedanken mehr hat als Halali und Halalo, muß jeder christlichen Seele ein tägliches Ärgernis sein. Das wächst mit den Jahren. Neulich da der Herr Dekan seinen Besuch meldete und zur selben Zeit der Bote eine in der Stadt angekaufte Jagdflinte dem Vater zutrug, mußte ich ihm dieselbe unkindlich entwinden und in meinen Kleiderschrank verschließen, sonst hätte er noch—ein schrecklicher Gedanke—den ehrwürdigen Herrn Steinfels aufs Korn genommen. Ihr lacht, Pate?—Ihr seid abscheulich! —Ich könnte Euch darum hassen, daß Ihr, der seine Schwäche kennt, ihn noch stachelt und aufreizt, als wäret Ihr sein böser Engel.—Nächstens wird er noch einmal mit geladenem Gewehr die Kanzel besteigen!… Ich freute mich, da Ihr kamet, und nun frage ich: Reist Ihr bald, Pate?"
"Mit geladenem Gewehr die Kanzel besteigen?" wiederholte Wertmüller, den dieser Gedanke zu frappieren schien. "La, la, Patchen! Der Vater ist mir der erträglichste aller Schwarzröcke und du bist mir die liebste aller Figuren. Ich will dem Alten eine Genugtuung geben. Weißt du was? Ich gehe morgen bei Euch zur Kirche—das rehabilitiert den Vater zu Stadt und Lande."
Rahel schien von dieser Aussicht wenig erbaut. "Pate", sagte sie, "Ihr habt mich aus der Taufe gehoben und das Gelübde getan, auf mein zeitliches und ewiges Heil bedacht zu sein. Für das letztere könnet Ihr nichts tun, denn es steht in diesem Punkte bei Euch selbst sehr windig. Aber ist das ein Grund, auch mein zeitliches zu ruinieren? Ihr solltet, scheint mir, im Gegenteil darauf denken, mich wenigstens auf dieser Erde glücklich zu machen—und Ihr macht mich unglücklich!" Sie zerdrückte eine Träne.
- "Vortrefflich räsoniert", sagte der General. "Patchen, ich bin der
Berggeist und du hast drei Wünsche bei mir zu gut."
"Nun", versetzte das Fräulein, auf den Scherz eingehend. "Erstens:
Heilt den Vater von seiner ungeistlichen Jagdlust!"
- "Unmöglich. Sie steckt im Blute. Er ist ein Wertmüller. Aber ich kann seiner Leidenschaft eine unschädliche Bahn geben. Zweitens?"
"Zweitens…" Rahel zögerte.
"Laß mich an deiner Stelle reden, Mädchen. Zweitens: Gebt dem
Hauptmann Leo Kilchsperger Urlaub zu Werbung, Verlöbnis und Heirat."