"La, la", tröstete er, "du hast eine prächtige Kaltblütigkeit gezeigt. Auf meine Ehre, ein echter Wertmüller! Es ist ein Feldherr an dir verlorengegangen."
Aber die Schmeichelei verfing nicht. Auch der Moment der Wehmut war vorübergegangen.
"Womit habe ich dich beleidigt?" zürnte der Entrüstete. "Habe ich je in meiner Kirche auf dich gestichelt oder angespielt? Habe ich dich nicht in deinem Heidentume völlig werden lassen und dich gedeckt, wie ich konnte?—Und zum Danke dafür hast du mir hinterlistig das Pistol vertauscht, du Gaukler und Taschenspieler!—Warum beschimpfst du meine grauen Haare, Kind der Bosheit? Weil es dir in deiner eigenen Haut nicht wohl ist!…"
"La, la", sagte der General.
Es pochte. Die Kirchenältesten von Mythikon traten in die Stube, dem
Krachhalder den Vortritt lassend, und stellten sich in einem
Halbkreise den Wertmüllern feierlich fast feindselig gegenüber. Der
General las in den langen gefurchten Gesichtern, daß er mit seinem
lästerlichen Scherze das dörfliche Gefühl schwer beleidigt hatte.
In der Tat, der Krachhalder, auf den sie alle hinhörten, war in den Tiefen seiner Seele empört. Wenn er sich auch den abenteuerlichen Vorfall nicht ganz erklären konnte, setzte er ihn doch unbedenklich auf die Rechnung des Generals, welcher, die Schwäche seines geistlichen Vetters sich zunutze machend, ein landkundiges Ärgernis habe anstiften wollen. Dem Krachhalder lag die Ehre seiner Gemeinde am Herzen, und er hatte das Mythikonerkirchlein mit seinem schlanken Helme und seinen hellen acht Fenstern aufrichtig lieb.—Süß war ihm nach dem Schweiße der Woche der Kirchgang im reinlichen Sonntagsrocke und den Schnallenschuhen, süß und nachdenklich Taufe und Bestattung, die den Gottesdienst und das menschliche Leben begrenzen und einrahmen, süß das Angeredetwerden als sterblicher Adam und unsterbliche Seele, süß das Kämpfen mit dem Schlummer, das Übermanntwerden, das Wiedererwachen; süß das kräftige Amen, süß das Zusammenstehen mit den Ältesten auf dem Kirchhofe und die Begrüßung des Pfarrers, süß das gemütliche Heimwandeln.
Man mußte ihn sehen, den ehrbaren Greis mit dem scharfgezeichneten
Kopfe, wenn er bei einer Armensteuer, nach der Aufforderung des Herrn
Pfarrers zu schöner brüderlicher Wohltat, das Wasser in den Augen, aus
seinem Geldbeutel ein rotes Hellerchen hervorgrub!—
Kurz, der Krachhalder war ein kirchlicher Mann, und das Herz blutete, oder richtiger gesagt, die Galle kochte ihm, die Stätte seiner sonntäglichen Gefühle verunglimpft und lächerlich gemacht zu sehen.
"Was führt Euch hieher?" redete der General ihn an und fixierte ihn mit blitzenden Augen so scharf, daß der Krachhalder, der trotz seines guten Gewissens das nicht wohl ertragen konnte, mit seinen Augensternen nach rechts und links auswich, bis es ihm endlich gelang standzuhalten.
"Macht aus einer Mücke keinen Elefanten!" fuhr Wertmüller, ohne die Antwort zu erwarten, fort. "Nehmt den Schuß als einen verspäteten aus der Lese, oder, in Teufels Namen, für was Ihr wollt!"