"Hervor, Hirt und Hirtin, aus Arkadiens Lauben!" rief der alte Soldat.
Da schritt Rahel unmutig errötend unter dem schützenden Blätterdache
hervor und betrat mit Pfannenstiel, den sie mitzog, ein kleines von
Edelobstbäumen umzogenes Rondell, das hart vor den Fenstern der
Studierstube lag, aus denen der General mit den neugierigen
Kirchenvorstehern herunterschaute.
Das Fräulein hielt eine Nadel in der gelenken Hand und befestigte vor aller Augen einen herabhängenden Knopf am Rocke des Kandidaten. Sie ließ sich in der Arbeit nicht stören. Erst nachdem sie den Faden gekappt hatte, heftete sie die braunen Augen, in denen Ernst und Übermut kämpften, fest auf ihren wunderlichen Schutzgeist und rief ihm zu:
"Pate, Ihr habt mir in kurzer Zeit den Herrn Vikar fast zerstört und zugrunde gerichtet. Wohl mußt' ich ihn wieder in Ordnung bringen, damit er vor Gott und Menschen erscheinen könne! Was aber habt Ihr mit dem obersten Knopfe angefangen, der hier mangelte und den ich durch einen des Vaters ersetzen mußte?—Schafft ihn zur Stelle, oder…" Sie erhob die Nadel mit einer so trotzigen und blutdürstigen Gebärde gegen den General, daß die Männer alle in schallendes Gelächter ausbrachen.
Nach wenigen Augenblicken traten Pfannenstiel und Rahel vor den
Pfarrer, der sie verlobte und segnete.
Als aber die vergnügten Kirchenältesten sich entfernt hatten, gab der würdige Herr seinem künftigen Schwiegersohne noch eine kurze Ermahnung:
"Was war das, Herr Vikar? An der Kirche vorüberschlüpfen, abgerissene
Knöpfe!… Wo bleibt da die Würde, das Amt?"
Dann wandte er sich gegen den General: "Ein Pärchen!" sagte er, "nun das andere! Gebt her, Vetter!"
Und er langte ihm ohne Umstände in die Rocktasche, hob daraus das hartspielende Pistol, zog dann das in der Kirche entladene leichtspielende aus der seinigen und hielt sie vergleichend zusammen.
So begab es sich, daß der Schuß von Mythikon totgeschwiegen und, im
Widerspiel mit dem Tellenschusse, aus einer Realität zu einer blassen
wesenlosen Sage verflüchtigt wurde, die noch heute als ein heimatloses
Gespenst an den schönen Ufern unsres Sees herumschwebt.