'Nun, zu meinem neuen Stand?'
'Astorre, mein Freund', antwortete der Schnurrbärtige etwas verlegen, 'ist es getan, fragt man nicht mehr herum nach Beirat und Urteil. Man behauptet sich, wo man steht. Willst du aber meine Meinung durchaus wissen, nun, schau, Astorre, verletzte Treue, gebrochenes Wort, Fahnenflucht und so weiter, dem gibt man in Germanien grobe Namen. Natürlich bei dir ist's etwas ganz anderes, das läßt sich gar nicht vergleichen—und dann der sterbende Vater—Astorre, mein lieber Freund, du hast ganz hübsch gehandelt, nur wäre das Gegenteil noch hübscher gewesen. Das ist meine Meinung', schloß er treuherzig.
'So hättest du mir, wärest du dagewesen, die Hand deiner Schwester verweigert, Germano?'
Dieser fiel aus den Wolken. 'Die Hand meiner Schwester? der Diana?
Derselben, die deinen Bruder betrauert?' 'Derselben. Sie ist meine
Verlobte.'
'O herrlich!' rief jetzt der weltkluge Ascanio, und 'Erfreulich!' fiel Germano bei. 'Laß dich umarmen, Schwager!' Der Gepanzerte hatte trotz seiner Geradheit gute Lebensart. Aber er unterdrückte einen Seufzer. So herzlich er die herbe Schwester achtete, dem Mönch, wie dieser neben ihm saß, hätte er, nach seinem natürlichen Gefühl, ein anderes Weib gegeben.
So drehte er den Schnurrbart und Ascanio das Steuerruder des Gespräches. 'Eigentlich, Astorre',—plauderte der Heitere, 'müssen wir damit anfangen, uns wieder kennenzulernen; nicht weniger als deine fünfzehn beschaulichen Klosterjahre liegen zwischen unserer Kindheit und heute. Nicht daß wir inzwischen unser Wesen geändert hätten, wer ändert es? Doch wir haben uns ausgewachsen. Dieser zum Beispiel'—er deutete gegen Germano—freut sich jetzt eines schönen Waffenruhmes; aber ich habe ihn zu verklagen, daß er ein halber Deutscher geworden ist. Er'—Ascanio krümmte den Arm, als leere er den Becher—'und hernach wird er tiefsinnig oder händelsüchtig. Auch verachtet er unser süßes Italienisch: Ich werde deutsch mit euch reden! prahlt er und brummt die Bärenlaute einer unmenschlichen Sprache. Dann erbleicht sein Gesinde, seine Gläubiger fliehen und unsere Paduanerinnen kehren ihm die stattlichen Rücken zu. Dergestalt ist er vielleicht so jungfräulich geblieben wie du, Astorre', und er legte dem Mönch traulich die Hand auf die Schulter.
Germano lachte herzlich und erwiderte, auf Ascanio zeigend: 'Und dieser hier hat seine Bestimmung gefunden, indem er der perfekte Höfling wurde.'
'Da irrst du dich, Germano', widersprach der Günstling Ezzelins. Meine Bestimmung war, das Leben leicht und heiter zu genießen.' Und zum Beweise dessen rief er freundlich gebietend das Kind des Gärtners herbei, das er in einiger Entfernung sich vorüberstehlen und nach seiner neuen Herrschaft, dem Mönche, schielen sah. Das hübsche Ding trug einen mit Trauben und Feigen überhäuften Korb auf dem lachenden Haupte und schaute eher schelmisch als schüchtern. Ascanio war aufgesprungen. Er legte die Linke um die schlanke Seite des Mädchens und holte sich mit der Rechten aus dem Korb eine Traube. Zugleich suchte sein Mund die schwellenden Lippen. 'Mich dürstet', sagte er. Das Mädchen tat schämig, hielt aber stille, weil es seine Früchte nicht verschütten wollte. Unmutig wendete sich der Mönch von den zwei Leichtsinnigen ab, und das erschreckende Dirnchen entrann, da es die harte mönchische Gebärde erblickte, den Pfad ihrer Flucht mit rollenden Früchten bestreuend. Ascanio, der seine Traube in der Hand hielt, hob hinter den flüchtigen Stapfen noch zwei andere auf, deren eine er Germano bot, welcher aber die ungekelterte verächtlich ins Gras warf. Die andere reichte der Mutwillige dem Mönch, der sie eine Weile ebenfalls unberührt ließ, dann aber gedankenlos eine saftige Beere und bald noch eine zweite und die dritte kostete.
'Ein Höfling?' fuhr Ascanio fort, der sich, belustigt durch die
Zimperlichkeit des dreißigjährigen Mönches, wieder neben ihn auf den
Rasen geworfen hatte. 'Glaube das nicht, Astorre! Glaube das
Gegenteil! Ich bin der einzige, welcher meinem Ohm leise, aber
verständlich zuredet, daß er nicht unbarmherzig werde, daß er ein
Mensch bleibe.'
'Er ist nur gerecht und sich selbst getreu!' meinte Germano. 'Über seine Gerechtigkeit!' jammerte Ascanio, 'und über seine Logik! Padua ist Reichslehen. Ezzelin ist Vogt. Wer ihm mißfällt, lehnt sich gegen das Reich auf. Hochverräter werden-'. Er brachte es nicht über die Lippen. 'Abscheulich!' murmelte er. 'Und überhaupt: warum dürfen wir Welsche kein eigenes Leben unter unserer warmen Sonne führen? Warum dieses Nebelphantom des Reiches, das uns den Atem beengt? Ich rede nicht für mich. Ich bin an den Ohm gefesselt. Stirbt der Kaiser, den Gott erhalte, so wirft sich ganz Italien mit Flüchen und Verwünschungen über den Tyrannen Ezzelin und den Neffen erwürgen sie so nebenbei.' Ascanio betrachtete über der üppigen Erde den strahlenden Himmel und stieß einen Seufzer aus.