"—Liebte Antiope?" unterbrach den Erzähler die Freundin des Fürsten mit einem krankhaften Gelächter.

"Du sagst es, Herrin, er liebte Antiope", wiederholte Dante in tragischem Ton.

"Natürlich!"—"Wie anders?"—"Es mußte so kommen!—So geht es gewöhnlich!" scholl es dem Erzähler aus dem ganzen Hörerkreis entgegen.

"Sachte, Jünglinge", murrte Dante. "Nein, so geht es nicht gewöhnlich. Meinet ihr denn, eine Liebe mit voller Hingabe des Lebens und der Seele sei etwas Alltägliches, und glaubet wohl gar, so geliebt zu haben oder zu lieben? Enttäuschet euch! Jeder spricht von Geistern, doch wenige haben sie gesehen. Ich will euch einen unverwerflichen Zeugen bringen. Es schleppt sich hier im Hause ein modisches Märenbuch herum. Darin mit vorsichtigen Fingern blätternd, habe ich unter vielem Wust ein wahres Wort gefunden. 'Liebe', heißt es an einer Stelle, 'ist selten und nimmt meistens ein schlimmes Ende.'" Dieses hatte Dante ernst gesprochen. Dann spottete er: "Da ihr alle in der Liebe so ausgelernt und bewandert seid und es mir überdies nicht ansteht, einen von der Leidenschaft überwältigten Jüngling aus meinem zahnlosen Mund reden zu lassen, überspringe ich das verräterische Selbstgespräch des zurückkehrenden Astorre und sage kurz: Da ihn der verständige Ascanio belauschte, erschrak er und predigte ihm Vernunft."

"Wirst du deine rührende Fabel so kläglich verstümmeln, mein Dante?" wendete sich die entzündliche Freundin des Fürsten mit bittenden Händen gegen den Florentiner. "Laß den Mönch reden, daß wir teilnehmend erfahren, wie er sich abwendete von einer Rohen zu einer Zarten, einer Kalten zu einer Fühlenden, von einem steinernen zu einem schlagenden Herzen—"

"Ja, Florentiner", unterbrach die Fürstin in, tiefer Bewegung und mit dunkel glühender Wange, "laß deinen Mönch reden, daß wir staunend vernehmen, wie es kommen konnte, daß Astorre, so unerfahren und täuschbar er war, ein edles Weib verriet für eine Verschmitzte—hast du nicht gemerkt, Dante, daß Antiope eine Verschmitzte ist? Du kennst die Weiber wenig! In Wahrheit, ich sage dir"—sie hob den kräftigen Arm und ballte die Faust—, "auch ich hätte geschlagen, nicht die arme Törin, sondern wissentlich die Arglistige, die sich um jeden Preis dem Mönch vor das Angesicht bringen wollte!" Und sie führte den Schlag in die Luft. Die andere erbebte leise.

Cangrande, welcher die zwei Frauen, denen er jetzt gegenübersaß, nicht aufhörte zu betrachten, bewunderte seine Fürstin und freute sich ihrer großen Leidenschaft. In diesem Augenblick fand er sie unvergleichlich schöner als die kleinere und zarte Nebenbuhlerin, welche er ihr gegeben hatte, denn das Höchste und Tiefste der Empfindung erreicht seinen Ausdruck nur in einem starken Körper und in einer starken Seele.

Dante für sein Teil lächelte zum ersten und einzigen Mal an diesem
Abend, da er die beiden Frauen so heftig auf der Schaukel seines
Märchens sich wiegen sah. Er brachte es sogar zu einer Neckerei.
"Herrinnen", sagte er, "was verlangt ihr von mir? Selbstgespräch ist
unvernünftig. Hat je ein weiser Mann mit sich selbst gesprochen?"

Nun erhob sich aus dem Halbdunkel ein mutwilliger Lockenkopf, und ein Edelknabe, der hinter irgendeinem Sessel oder einer Schleppe in traulichem Versteck mochte gekauert haben, rief herzhaft: "Großer Meister, wie wenig du dich kennst oder zu kennen vorgibst! Wisse, Dante, niemand plaudert geläufiger mit sich selbst als du, in dem Grad, daß du nicht nur uns dumme Buben übersiehst, sondern selbst das Schöne dicht an dir vorübergehen läßt, ohne es zu begrüßen."

"Wirklich?" sagte Dante. "Wo war das? Wo und wann?"