"Ich würde dir nicht glauben, wüßte ich nicht, daß der Höfling Wulfrin dem Kaiser voranreitet, und hätte ich nicht selbst eben jetzt in Chur gehört, daß die Lombarden einen Höfling gefangen haben. Dennoch kann es eine Lüge sein, denn es ist kaum glaublich, daß ein Tischgenosse Karls dem Feinde seinen Namen nennt und zu einem Mädchen um Lösung sendet."

"Nein, nein, Mutter, so war es nicht!" rief Palma und erzählte den
Vorgang.

"Ein eitles Weib, dem ein Leben feil ist für einen Schmuck, das hat mehr Sinn", meinte die Richterin. Sie schien zu überlegen. Dann warf sie einen Blick auf das Geschmeide. "Ich will den Höfling mit Byzantinern lösen", sagte sie.

"Das steht nicht in meinem Auftrag und würde der Rosmunde schlecht gefallen."

"Dann tue ich es nicht."

"Auch gut", grinste Rachis. "So lässest du eben den Wulfrin umkommen.
Du magst deine Gründe haben. Ganz wie du willst."

"Das willst du nicht, Mutter!" jammerte Palma und stürzte auf die Knie.

"Nein, das will ich nicht", sprach die Richterin mit nachdenklichen
Brauen. "Warum auch? Nimm das Zeug!" und Rachis war weg.

Das jubelnde Mädchen fiel der Mutter um den Hals und bedeckte den strengen Mund mit dankbaren Küssen. Dann raubte sie ihr den kriegerischen Helm so ungestüm, daß die Flechten des schwarzen Haares sich lösten und niederrollend dem entschlossenen Haupte der Richterin einen jugendlichen und leidenden Ausdruck gaben. Die nicht enden wollende Freude Palmas ermüdete endlich die Richterin. "Geh schlafen, Kind", sagte sie, "es dunkelt."

"Schlafen? Wer könnte das, bis Wulfrin ruft?"