"Du wurdest es", flüsterte der Schatten.
"Niemals!" sagte Stemma. "Sieh mich an: gleiche ich einer Sünderin? Blicke ich wie eine Leidenschaftliche und Leichtfertige? Bin ich nicht die Zucht und die Tugend? Und so war ich immer. Du hast mich nicht berührt, kaum daß du mir mit furchtsamen Küssen den Mund streiftest. Wo hättest du auch den Mut hergenommen?"
Da geriet der Schatten in Unruhe. "O ihr Gewalttätigen beide, der Vater und du! Er hat mich geraubt und erwürgt, du, Stemma, locktest mit dem Blutstropfen! Gib den Finger, da sitzt das Närbchen!"
Stemma hob die Achseln. "Es war einmal", höhnte sie.
Da wiegte Peregrinus, der sich gleich wieder besänftigte, die Locken und sang mit gedämpfter Stimme:
"Es war einmal, es war einmal
Ein Fürst mit seinem Kinde,
Es war einmal ein junger Pfaff
In ihrem Burggesinde."
Am Mahle saßen alle drei,
Da riefen den Herrn die Leute:
"Herr Judex, auf! Zu Roß! Zu Roß!
Im Tal zieht eine Beute!"
Er gürtet sich das breite Schwert
Und wirft mit einem Gelächter
Den Hausdolch zwischen Maid und Pfaff
Als einen scharfen Wächter.
Den Judex hat das schnelle Roß
Im Sturm davongetragen,
Zweie halten still und bang
Die Augen niedergeschlagen.
Stemma hebt das Fingerlein,
Sie tut es ihm zuleide,
Und fährt damit wohl auf und ab
Über die blanke Schneide.