"Frau, warum hast du ihr die Freude verdorben?" fragte Wulfrin. Stemma wies ihm die Inschrift des Bechers. "Siehe, es ist der Spruch eines Eheweibes", sagte sie. "Davon lese ich nichts", meinte er.
"Erfreue dich am Wein!
Willkomm…!"
Der Finger der Richterin zeigte das Verwischte, aus welchem für ein genauer prüfendes Auge noch drei Buchstaben leserlich hervortraten, ein i, ein K, ein l. Wulfrin erriet ohne Mühe:
"Willkomm im Kämmerlein!"
"Du hast recht, Frau", lachte er.
Sie nahm ihn an der Hand und führte ihn vor das Grabmal. Da lag ihm der Vater, die Linke am Schwert, die Rechte am Hifthorn, die steinernen Füße ausgestreckt. Wulfrin betrachtete die rohen aber treuherzigen Züge nicht ohne kindliches Gefühl. Das abgebildete Hifthorn erblickend, hob er in einer plötzlichen Anwandlung das wirkliche, das er an der Seite trug, vor den Mund und tat einen kräftigen Stoß. "Fröhliche Urständ!" rief er dem in der Gruft zu.
"Laß das!" verbot die Richterin, "es tönt häßlich."
Sie setzte sich auf den Rand des Steinsarges, neben ihr eigenes liegendes Bild, das die betenden Hände gegeneinander hielt, und begann: "Da du nun auf Malmort bist, verlässest du es nicht, Wulfrin, ohne mich—nach vernommenen Zeugen—angeklagt oder freigegeben zu haben von dem Tode des Mannes hier." Der Höfling machte eine widerwillige Gebärde. "Füge dich", sagte sie. "Ist es dir keine Sache, so ist es eine Form, die du mir erfüllen mußt, denn ich bin eine genaue Frau."
"Gnadenreich wird dir ausgerichtet haben", versetzte der Höfling aufgebracht, "daß ich dich nie beargwöhnte, weder ich noch Arbogast, der mir das Zusammensinken des Vaters beschrieben hat. Ich bin kein Zweifler und möchte nicht leben als ein solcher. Es gibt deren, die in jedem Zufall einen Plan, und in jedem Unfall eine Schuld wittern, doch das sind Betrogene oder selbst Betrüger. Der Himmel behüte mich vor beiden! Hätte ich aber Verdacht geschöpft und Feindseliges gegen dich gesonnen, jetzt, da ich dein Antlitz sehe, stünde ich entwaffnet, denn wahrlich du blickst nicht wie eine Mörderin. Wärest du eine Böse, woher nähmest du das Recht und die Stirn, das Böse aufzudecken und zu richten? Dawider empört sich die Natur!"
Ein Schweigen trat ein. "Aber was ist das für ein dumpfes Dröhnen, das den Boden schüttert?"