Er nickte.
Sie schwieg eine Weile, dann hob sie die Hand und berührte wiederum seine Schulter. "Wulfrin, du hassest deine Schwester oder—du liebst sie!" Sie fühlte, wie der Höfling vom Wirbel zur Zehe zitterte.
"Es ist entsetzlich", stöhnte er.
"Es ist entsetzlich", sagte sie, "aber unerklärlich ist es nicht. Ihr seid ferne voneinander erwachsen, wurdet eurer Angesichter und Gestalten nicht gewöhnt, und so waret ihr euch frisch und neu, da ihr euch fandet, wie ein fremder Mann und ein fremdes Weib. Mutig! Rufe und rufe es deinen Gedanken und Sinnen zu. Palma und Wulfrin sind eines Blutes! Sie werden schaudern und erkalten und nicht länger die himmlische Flamme der Geschwisterliebe verwechseln mit dem schöpferischen Feuer der Erde."
Er antwortete nicht, kaum daß er ihre Worte gehört hatte, sondern murmelte zärtlich: "Warum hast du sie Palma novella getauft? Das ist ein gar seltsamer und schöner Name!"
Stemma erwiderte: "Ich habe sie die junge Palme genannt, weil sie aus
dem Schutte des Grabes frisch und freudig aufsprießt, und, bei meinem
Leben! wer an dem schlanken Stamme frevelt, den richte und töte ich!
Noch ist Palma unschuldig. Deine rasende Flamme hat ihr nicht ein
Härchen der Wimper, nicht den äußersten Saum des Kleides versengt.
Unglücklicher, wie ist ein solches Leiden über dich gekommen?"
"Wie eine Seuche, die aus dem Boden dampft! Aber mein Schutzengel warnte mich vor Malmort. Da du mich riefest, verschloß ich das Ohr. Ich bog ab und fiel in die Hände der Lombarden. Warum hast du den Pfeil des Witigis gehemmt?" Er starrte vor sich nieder. Dann schrie er verzweifelnd auf und ergriff und preßte den Arm der Richterin, die finstern Augen fest auf das ruhige Antlitz heftend: "Bei dem Haupte Gottes—"
"Bei dem Haupte Palmas", sagte sie.
"Ist sie meine Schwester?"
"Wie sonst? Ich weiß es nicht anders. Was denkst du dir?"