"Ich bitte dich, Wulfrin! Dein Vater freite sie als eine
Sechzehnjährige. Dein Geschwister ist nicht älter. Zähle zusammen!
Doch jung oder alt, sie gab mir den Auftrag, und ich darf ihn nicht
unausgerichtet heimbringen."
Der Höfling verschluckte einen Fluch. "Du verdirbst mir den Krätzer, er schmeckt wie Galle." Erbost stieß er den Becher von der Bank und setzte den Fuß darauf. "So sprich!"
"Frau Stemma", begann Gnadenreich in bildlicher Rede, "will sich vor dir die Hände in ihrer Unschuld waschen."
"Ein Becken her!" spottete Wulfrin, als riefe er in die Gasse hinaus nach einem Bader.
"Wulfrin, stünde sie vor dir, du straftest deine Lippen! Keine in Rätien hat edlere Sitte. Was sie verlangt, ist gebührlich. Auf der Schwelle ihres Kastells, vor ihrem Angesichte, jählings ist dein Vater erblichen. Das ist schrecklich und fragwürdig. Frau Stemma läßt dir sagen, sie wundere sich, daß sie dich rufen müsse, sie habe dich längst, täglich, stündlich erwartet, seit du zu deinen mündigen Jahren gekommen bist. Nur ein Sorgloser, ein Fahrlässiger, ein Pflichtvergessener—nicht meine Worte, die ihrigen—verschiebe und versäume es, sie zur Rechenschaft zu ziehen."
Wulfrin blickte finster. "Das Weib tritt mir zu nahe", sagte er. "Ich wußte, was man einem Vater schuldig ist. Er hat an meiner Mutter gefrevelt, und sein Gedächtnis—die Kriegstaten ausgenommen—ist mir unlieb: dennoch habe ich mir seine Todesgebärde vergegenwärtigt, den Augenzeugen Arbogast, der das Lügen nicht kannte, habe ich scharf ins Verhör genommen. Jetzt will ich noch ein übriges tun und dir die gemeine Sache herbeten, vom Kredo bis zum Amen. Du bist aus dem Lande und kennst die Geschichte. Mangelt etwas daran oder ist etwas zuviel, so widersprich!"
Der Vater kam aus Italien und nächtigte bei dem Judex auf Malmort. Bei Wein und Würfeln wurden sie Freunde, und der Vater, der, meiner Treu, kein Jüngling mehr war—ich habe aus der Wiege seinen weißen Bart gezupft—, warb um das Kind des Richters und erhielt es. Beim Bischof in Chur wurde Beilager gehalten. Am dritten Tage setzte es Händel. Der Räzünser, dessen Werbung der Judex abgewiesen haben mochte, wurde zu spät oder ungebührlich geladen oder an einen unrechten Platz gesetzt oder nachlässig bedient oder schlecht beherbergt, oder es wurde sonst etwas versehen. Kurz, es gab Streit, und der Räzünser streckt den Judex. Der Vater hat den Schwieger zu rächen, berennt Räzüns eine Woche lang und bricht es. Inzwischen bestattet das Weib den Judex und reitet nach Hause. Dort sucht sie der Vater, mit Beute beladen. Er stößt ins Horn, der Sitte gemäß. Sie tritt ins Tor, sagt den Spruch und kredenzt den Wulfenbecher, den ihr der Vater in Chur nach wölfischer Sitte als Morgengabe gereicht hatte. Kredenzt ihn mit drei Schlücken. Der Arbogast, der durstig daneben stand, hat sie gezählt: drei herzhafte Schlücke. Der Vater nimmt den Becher, leert ihn auf einen Zug und haucht die Seele aus. War es so oder war es anders, Bischofsneffe?"
"Wörtlich und zum Beschwören so", bestätigte Graciosus. "Von hundert
Zeugen, die den Burghof füllten, zu beschwören! Soviel ihrer noch am
Leben sind. Und solches ist geschehen nicht im Zwielichte, nicht bei
flackernden Spänen, sondern im Angesicht der Sonne zu klarer
Mittagszeit. Der Comes, dein Vater, war rasend geritten, hatte im
Bügel manchen Trunk getan"—
"Und mit fliegender Lunge ins Horn gestoßen, vergiß nicht!" höhnte
Wulfrin.
"Er triefte und keuchte"—