"Ich sehe", lächelte Nasi, "daß der Mann auch hier nach seinem Werthe gekannt ist. Seine Briefe, an wahre oder erfundene Personen, in tausend und tausend Blättern ausgestreut, sind eine Macht und beherrschen die Welt. Ich will ihm eine sehr starke Summe senden, und ihr werdet euch über die Saat von schönfarbigen Giftpilzen verwundern, die über Nacht aus dem ganzen Boden Italiens emporschießt: Verse, Abhandlungen, Briefwechsel, ein bacchantisch aufspringender, taumelnder Reigen verhüllter und nackter, drohender und verlockender Figuren und Wendungen, alle um Pescara sich drehend und um die Wahrscheinlichkeit und Schönheit seines Verrathes. So bildet sich eine unüberwindliche allgemeine Überzeugung, welche den Pescara zu uns herüberreißt und ihn zugleich—da liegt es—am kaiserlichen Hofe so gründlich und endgültig untergräbt, daß er zum Verräther werden muß, er wolle oder nicht."
"Nichts da, Exzellenz!" rief der Kanzler aus dem Dunkel. "Ihr verderbt mir das Spiel! Der Befreier Italiens soll sich in voller Freiheit entscheiden, nicht als das Opfer einer teuflischen Umgarnung..."
"Du bist prächtig, Kanzler, mit deinen moralischen Skrupeln!" unterbrach ihn Guicciardin. "Wisse, auch mein Herz empört sich und nimmt Theil für den unrettbar Überlisteten! Aber ich heiße den Menschen schweigen und handle als Staatsmann. Das Mittel der Exzellenz ist ohne Vergleichung unter alle dem, was heute Abend gefunden wurde, das Ruchloseste, aber auch das Klügste und Wirksamste. Erst jetzt wird die Sache wahrhaft gefährlich für Pescara, und sein Verrath wahrscheinlich. Ans Werk."
"Er ist unter uns und lauscht!" schrie der Herzog mit gellender Stimme, daß Alle zusammenfuhren. Ihre Blicke folgten seinem geängstigten. Der Mond, der als blendende Silberscheibe über den Horizont getreten war und seine schrägen Strahlen in das kleine Gemach zu werfen begann, spielte wunderlich auf der Schachpartie. Victorias hervorquellendes Auge blickte erzürnt, als spräche es: Hast du gehört, Pescara? Welche Verruchtheit! und jetzt fragte es angstvoll: Was wirst du thun, Pescara? Dieser war bleich wie der Tod, mit einem Lächeln in den Mundwinkeln.
Zweites Kapitel
In der weiten hellen Fensternische jener edeln vatikanischen Kammer, an deren Dielen und Wänden Raphael die Triumphe des Menschengeistes verherrlicht, saß ein Greis mit großen Zügen und von ehrwürdiger Erscheinung. Er sprach bedächtig zu dem emporgewendeten, mit dunkelblonden Flechten umwundenen Haupte eines Weibes, das zu seinen Füßen saß und mit einem warmen menschlichen Blut in den Adern ebenso schön war als die Begriffe des Rechtes und der Theologie, wie sie der Urbinate in herrlichen weiblichen Gestalten verkörpert. Der betagte Papst mit seinem langen gebückten Rücken und in seinem fließenden weißen Gewande ähnelte einer klugen Matrone, welche lehrhaft mit einem jungen Weibe plaudert.
Noch nicht gar lange mochte Victoria auf ihrem Schemel gesessen haben, denn der heilige Vater erkundigte sich eben erst nach dem Befinden ihres Gatten, des Marchese von Pescara. "Die Seitenwunde von Pavia macht sich nicht mehr fühlbar?" sagte er.
"Der Marchese ist völlig geheilt", erwiderte Victoria unschuldig. "Die Seitenwunde ist vernarbt, sowie auch die schlimmere Stirnwunde. Er wird Eure Heiligkeit begrüßen, wenn er den Urlaub antritt, den ihm die Gnade des Kaisers zugesagt hat und der uns Glückselige"—sie sprach es mit jubelnden Augen—"auf unserer Meeresinsel vereinigen wird. Aber er selbst verweigert sich denselben für einmal noch, weniger des politischen Horizontes wegen, der nicht heller noch trüber sei als sonst—so schreibt er—, sondern weil er gerade jetzt das Heer ungern verlasse. Der Mörder", sagte sie lächelnd, "beschäftigt sich nämlich mit einer vervollkommneten Feuerwaffe und einem neuen Manöver. Das brächte er nun gerne erst zu einem Ergebnis. So hat er mich, die er anfänglich hier in Rom überraschen wollte, in sein Feldlager nach Novara beschieden und ich reise morgen, nicht im Schneckenhaus meiner Sänfte, sondern im Sattel meines hitzigen türkischen Pferdchens. Hätte ich Flügel! mich verlangt nach den Narben meines Herrn, dessen Antlitz ich nicht gesehen seit jener berühmten Schlacht, die ihn unsterblich gemacht hat. Und so bin ich zu der Heiligkeit geeilt in der Freude meines Herzens, um mich bei Ihr zu beurlauben: denn das ist der Zweck meines Besuches." So redete Victoria aufwallend und überquellend wie ein römischer Brunnen.
Ihre aufrichtigen Worte belehrten den Heiligen Vater, daß Pescara sein Thun und Lassen in dasselbe Zwielicht stelle, welches auch er liebte. Nur mit dem Unterschiede, daß der junge Pescara im entscheidenden Augenblicke wie ein Blitz aus seiner Wolke hervorsprang, während Clemens unentschlossen, über sich selbst zornig, in der seinigen verborgen blieb, weil er aus greisenhafter Überklugheit den Moment zu ergreifen versäumte. Er schärfte, in einem andern Bilde gesprochen, den Stift so lange, bis zu seinem Ärger die allzufeine Spitze abbrach. Jetzt trat er leise und tastete.