"Wie anders, Marchese!" erwiderte der Herzog und wollte sich beurlauben. Da ergriff er noch die Hand des Feldherrn und sagte in einem weichen Tone, der eine vor der Welt verheimlichte Freundschaft enthüllte: "Pescara, ich danke dir, daß du mir Leyva vom Halse hältst, indem du mir den rechten Heerflügel gibst und ihm den linken. Ich mag mit dem Unleidlichen nicht zusammenreiten. Es entstände Unglück und größeres als jüngst auf dem Markte von Novara. Er könnte sich wiederum gegen mich vergessen, und ich müßte ihn niederstoßen wie einen tollen Hund." Er sagte es leise mit gesenktem Blick.
Pescara behielt die Rechte des Herzogs und warnte und bat. "Welch ein Auftritt!" sagte er. "Hier auf offenem Markte, wegen der Armseligkeit eines bestrittenen Quartieres! Ich versendete Leyva gleich nach Neapel, um vom Vizekönig Truppen für unsern Feldzug zu verlangen, obwohl ich weiß, daß er keine abgeben kann, nur um Euch die Verlegenheit und den Anblick eines verhaßten Gesichtes zu ersparen. Wie konntet Ihr das gegen einen Mitfeldherrn! Das war nicht gut. Das ist beklagenswert. Das darf sich nicht wiederholen, ich bitte Euch darum."
"Der Anlaß war nicht der Rede wert, Pescara, aber—"
"Das schlimme Wort, das Leyva gebraucht hat, war, nach Zeugen, er lasse sich nichts bieten von einem Vornehmen, und Ihr zoget und Eure Leute mußten Euch halten."
"Oh", flüsterte der Herzog, "von einem Vornehmen? Ich habe feine Ohren. Es war ein anderes Wort... das ich dem Kaiser und dem Papst in die Kehle zurückstieße!"
"Ein anderes Wort?" sagte Pescara, um seine Frage sogleich zu bereuen, da er den Herzog erbleichen und völlig fahl werden sah. Er erriet, daß der alte Leyva gemurrt, er lasse sich nichts bieten von einem Verräter, oder daß das wunde Gewissen des Bourbon so verstanden hatte.
Die unausgesprochene Freundschaft, die den einfachen Adeligen und den Mann von königlichem Geblüte verband und die das Wunder that, zwischen zwei jugendlichen und schon berühmten Feldherrn mit nicht völlig klar geschiedenen Gewalten und Befugnissen die natürliche Eifersucht zu ersticken, beruhte einfach auf dem Bewußtsein des Herzogs, daß seine Verbündung mit dem Feinde Frankreichs der Achtung Pescaras keinen Eintrag tue. War es Klugheit, war es Gleichgültigkeit gegen die sittlichen Dinge, war es Freiheit von jedem, auch dem begründetsten Vorurteil, oder war es die höchste Gerechtigkeit einer vollkommenen Menschenkenntnis, was immer—Pescara hatte den in kaiserlichen Dienst tretenden fürstlichen Hochverräter mit offenen Armen empfangen und mit der feinsten Mischung von Kollegialität und Ehrerbietung behandelt. Vielleicht auch hatte er in diesem Zerrütteten, der sich selbst verfluchend sein Vaterland mit fremden Waffen verwüstete, den ursprünglichen und unzerstörbaren Adel erkannt. Dafür war der Herzog Pescara dankbar. Der Feldherr, die Hand des Unseligen in der seinigen, redete ihm mit sanfter Stimme zu: "Gespenster, Hoheit! Ihr habet gehört, was nicht gesprochen wurde. Werft hinter Euch! Verschüttet den Abgrund mit Lorbeer! Seid Ihr nicht der Liebling des Kriegsgottes? und ein Meister der Staatskunst? Sind nicht wir beide noch Jünglinge mit unzähligen Tagen, diesseits der Lebenshöhe, kaum in der Hälfte der Dreißig, und im ersten Drittel eines Jahrhunderts, das überquillt von großen Möglichkeiten und weiten Aussichten! Unser die Fülle des Daseins! Karl, laß uns leben!"
Der Bourbon vernahm nicht den verstohlenen Seufzer, welcher sich der Brust des Feldherrn entwand. Er drückte heftig die Hand Pescaras, und seine dunkeln Augen blitzten eroberungslustig. Dann, um seine innere Bewegung zu verbergen, sprang er nach seiner Weise mit beiden Füßen ins Zynische über. Der feurige Ton Pescaras hatte seine frechste Jugendlichkeit erweckt. "Und schöne Männer sind wir!" jubelte er. "Du begreifst, Gatte der prächtigen Victoria, daß sich mir Herz und Magen umkehrte, da mich diese Porcaccia, die Königinmutter, um jeden Preis zum Manne haben wollte! Siehst du mich als den Vater König Franzens? O das liebe Stiefsöhnchen! 'Madame', sagte ich und machte ihr eine tiefe Verbeugung, 'es geht nicht. Ihr würdet mich mit Eurer Nase vom Bette stoßen!'—und ganze Wendung und über die Grenze!" Während er eine ausgelassene Lache aufschlug, trat der vom Staub der Reise bedeckte Del Guasto ein, begrüßte den Ohm und Feldherrn und verneigte sich vor der lustigen Hoheit.
Dann wendete er sich wieder gegen Pescara, welchen er mit erstaunten und bewundernden Augen betrachtete, als hätte die von der italienischen Verschwörung dem Feldherrn angesonnene Rolle dessen Gestalt vergrößert, und erzählte: "Wir verritten von Rom, nicht zur Freude der Herrin in zahlreicher Gesellschaft, mit Leyva, der aus Neapel zurück ist, und mit einem Vornehmen, von königlichem Geblüte, wie sie sagen, der sich Moncada nennt und den Ihr kennen werdet. Er bringt Euch eine Botschaft des Vizekönigs. Ich gewann einen Vorsprung, um Donna Victoria anzumelden. Sie strahlt vor Freude, Euch wiederzusehen, und schließt zugleich fest die Lippen, denn sie bringt ein politisches Geheimnis, wie ich vermute, und ein päpstliches Mysterium, wie ich ahne, und dieselbe Donna Victoria legt die Stirn in zornige Falten gegen Euren bei ihr in Ungnade gefallenen Neffen, den sie vor Euch in aller Form Rechtens verklagen wird. Wegen etwas Menschlichem", lächelte er.
"Oder etwas Unmenschlichem", spottete Pescara. "Meldet Ihr sonst etwas, Don Juan?"